Wenn gute Erziehung kippt
Wenn gute Erziehung kippt – Wo verlierst du deine Führung?
Wenn Verständnis wichtiger wird als Orientierung.
Wir Eltern neigen – meist unbewusst – zu einem von zwei Mustern: Entweder wir führen sicher und setzen klare Grenzen, dafür sind wir manchmal hart und rutschen in Stresssituationen leicht ins
Negative ab und schimpfen, drohen oder werten ab. Die Führung bleibt klar, aber die Beziehung leidet.
Oder wir sind von unserem Naturell her eher feinfühlig, zugewandt und verständnisvoll. Wir nehmen unsere Kinder an, nehmen ihre Gefühle ernst und verstehen ihre Beweggründe. Schlechtes Verhalten
können wir besser annehmen, weil wir uns in die Situation der Kinder einfühlen können. In dieser Haltung liegt viel Stärke und gleichzeitig die Gefahr, die eigene Führungsrolle zu verlieren.
Denn: Die Alphaposition könnte man mit einem Vakuum vergleichen. Wo Eltern sie zu wenig einnehmen, entsteht ein leerer Raum und Kinder versuchen instinktiv, ihn zu füllen. Nicht, weil sie das
wollen, sondern weil jemand führen muss. Natürlich sind diese Schuhe viel zu gross und überfordern einen jungen und unreifen Menschen. Diese Hierarchieumkehr ist also nicht nur extrem mühsam für
die Eltern, weil Kinder dann nicht mehr gehorchen, sondern auch schädlich für die Entwicklung unserer Jüngsten. Denn Kinder brauchen nicht nur Verständnis und Annahme, sondern auch
Erwachsene, die stark sind und wissen, wohin es geht. Kinder fühlen sich dadurch beschützt und sicher.
Falls sich Anweisungen und Strenge für dich eher falsch anfühlen, dann können dir folgende Gedanken helfen: Du tust deinem Kind keinen Zwang an, sondern gibst ihm Halt und Orientierung.
Deine Führung ist wie ein schützendes Dach oder wie die Schwerkraft im Familiensystem. Vielleicht hilft dir auch das Bewusstsein, dass Gott dich als Vater oder Mutter in diese Alphaposition gestellt
hat, in der du die Kinder führen und lehren kannst. Und als unser Vater liefert er dir ein gutes Vorbild frei Haus.
Wenn gute Erziehung kippt – Wo verlierst du die Beziehung?
Wenn Klarheit wichtiger wird als Empathie.
Kürzlich teilte eines unserer Kinder eine Erinnerung mit mir, die ich wohl nicht zufällig vergessen hatte: Es war vor Weihnachten, als es das erste Mal schneite. Dicke flocken wirbelten durch die Luft
und schon bald lag überall eine beachtliche weisse Decke.
Unsere Kinder durften selbstverständlich draussen spielen oder sich mit Freunden verabreden. Eine Regel war uns jedoch wichtig: Nach der Schule kommt jedes Kind zuerst nach Hause, informiert uns,
wohin es geht, und bespricht kurz mit uns, wann es zurück sein wird.
Und vielleicht ahnst du es schon: Bei so viel Schnee und all den Möglichkeiten, damit zu spielen, ging diese Abmachung vergessen. Als unser Sohn irgendwann mit roten Backen und klammen Händen
nach Hause kam, fragte ich nicht lange nach, sondern verhängte drei Tage Hausarrest. Das Problem dabei: Der Schnee lag leider nur zwei Tage. Rückblickend schmerzt mich der Gedanke, dass ich
meinem Kind mit meiner emotionalen Reaktion nicht nur einen Schneetag nahm, sondern ihm auch das Gefühl gab, unverstanden und zu sein. Ich hatte ja nicht einmal nach den Gründen für sein
Zuspätkommen gefragt.
Heute würde ich anders reagieren. Ich würde mir Zeit für ein Gespräch nehmen und vor allem genau nachfragen, bevor ich urteile. Ich würde mehr Verständnis zeigen und auf eine vorschnelle
Konsequenz verzichten. Erst wenn sich das Verhalten wiederholen würde, hätte ich das Gefühl, eingreifen zu müssen.
Wenn sich diese Situation auch bei dir zu Hause hätte abspielen können, dann gehörst du vermutlich zu den Eltern, die klar führen. Das hat viele Vorteile: Starke Eltern erleben oft viel Kooperation.
Regeln werden eingehalten, Abläufe funktionieren, der Alltag läuft effizient, Kinder wissen, woran sie sind. Das schafft Ruhe und einen sicheren Rahmen, in dem Kinder sich entspannen und reifen
können.
Doch auch hier gibt es Nebenwirkungen: Die klare Führung funktioniert, aber vielleicht bleibt manchmal das Verständnis auf der Strecke. Statt Beziehung, Wärme und Annahme rückt das
Verhalten ins Zentrum.
Kinder können eine Zeit lang kooperieren und sich dabei dennoch innerlich zurückziehen. Wenn Klarheit keinen Raum mehr lässt für Gefühle und Empathie, entsteht Distanz.
Eine gute und tragfähige Beziehung – sprich: ein Join-up – braucht beides: klare Führung und liebevolle Annahme und Verständnis.
Mir persönlich haben zwei Werkzeuge geholfen, meinen Kindern näherzukommen: Das erste war die Vorstellung, mein Kind sei bereits erwachsen. Denn auch wenn Kinder jung sind, besitzen sie die
gleiche Würde wie Erwachsene und verdienen denselben Respekt. Das zweite war das sogenannte Gabelverfahren, mit dem ich gelernt habe, das Herz meines Kindes zu spiegeln. Willst du mehr
darüber erfahren? Dann sei beim VP - Talk, jeweils am 1. Donnerstag im Monat um 20:30 Uhr dabei. Klicke Hier und du kommst direkt ins Zoom.
Eure Brigitte Krisch



