Infobriefe

Stöbern Sie hier im Archiv unserer Infobriefe. Wenn Sie etwas zu einem bestimmten Thema suchen, dann sind die Briefe einerseits in Kategorien geordnet, andererseits können Sie auch unter "Tags" nach Themeninhalten suchen. Viel Spass!

Refresher 20-09 «Defensive Dominanz»

Wir haben uns im letzten Monat damit beschäftigt, wie gefährlich und schädlich es ist, die Liebe und Anhänglichkeit der Kinder dazu zu nutzen, sie gefügig zu machen. Du kennst vielleicht Sätze wie: “Jetzt kommst du schon wieder aus dem Zimmer, wenn du nochmals herauskommst….” Dabei kann ein Kind, das gesund ist und in Kontakt ist mit seinen Gefühlen, nur ganz schlecht einschlafen, wenn die Beziehung mit den Eltern nicht geklärt ist. So wird es irgendwann wieder aufstehen, um zu spüren, ob der Zorn der Eltern vorbei sei und die Stimmung wieder besser. Schön ist es, wenn Eltern das erkennen und nicht noch mehr Druck machen.

Manche Kinder entwickeln eine eigentliche Trennungsproblematik. Eine Verhaltensweise aus dieser Problematik heraus kennen wir alle: das Klammern. Wenn wir dann sagen: “Kannst du nicht einmal etwas für dich spielen…. dann wird sich das Problem dadurch eher verschärfen als lösen. Manchmal entwickeln Kinder ein Verhalten, dem ich im Buch einen kleinen Abschnitt gewidmet habe.

 

3.6 Defensive Dominanz

1 Defensive Dominanz - Leiterschaft, die aus der Angst kommt

Wenn Kinder zu oft mit einer Trennung konfrontiert werden – gleichgültig, ob sie real ist oder nur im Kopf des Kindes existiert –, reagieren sie auf eine typische Weise. Sie suchen zunächst die Nähe der Eltern bzw. der Bezugspersonen. Sie tun das so fordernd, so unersättlich, dass Eltern auf dieses Klammern meist mit Abwehr reagieren. Diese Zurückweisung freilich verstärkt das Trennungsgefühl. Ein Teufelskreis beginnt. Er endet nicht selten in einem Dominanzverhalten des Kindes. Irgendeine Instanz im Bindungsgehirn des Kindes sagt ihm: «Die anderen Menschen halten nicht an dir fest. Sie lassen dich im Stich. Sie wollen dich nicht. Es bleibt dir nichts, als selber die Führung zu übernehmen, sonst bist du verloren.» Die Folge ist eine Hierarchie-Umkehr, die so umfassend sein kann, dass Befehle der Eltern im Kind Frustration und Aggression auslösen und ebenso deren scheinbarer «Ungehorsam», wenn die Eltern nicht bereit sind zu tun, was das Kind fordert. Je mehr sich Eltern wehren, desto schlimmer kann es für das Kind werden. Wenn Sie bei ihrem Kind so etwas vermuten, lohnt es sich, Beratung in Anspruch zu nehmen. Ich deute hier nur an, welchen Weg ich mit meinen Klienten schon sehr oft gegangen bin (und greife dem nächsten Kapitel der Dringlichkeit wegen etwas vor):

Zunächst geht es darum, dem Kind mehr Nähe zu geben, als es verlangt.

«Das ist unmöglich!» rufen Eltern in der Regel an dieser Stelle aus. Aber meist finden wir einen Weg dahin. Vor allem geht es dann darum, schneller zu sein. Das Ziel muss es sein, dass die Eltern das Kind so lange und so intensiv nahe halten, dass dasselbe Bindungsgehirn den Umkehrschluss zieht und dem Kind sagt: Deine Eltern halten an dir fest. Sie wollen dich in ihrer Nähe haben, du bist bei ihnen willkommen. Sie sorgen dafür, dass du nicht verloren gehst. Ein solcher Prozess löst fast unglaubliche Veränderungen im Kind aus. Meist normalisieren sich Kinder vollständig. Aber der Aufwand sprengt den Rahmen der normalen elterlichen Betreuung deutlich. Es lohnt sich deshalb doppelt, Kinder nicht unnötig einer Trennung auszusetzen. Trennungsstrafen sind eine häufige Ursache und, weil sie oft regelmässig verhängt werden, die häufigste Ursache defensiver Dominanz. Klammern hingegen kann auch durch traumatische Ereignisse wie dem Verlust geliebter Personen oder Tiere ausgelöst werden. 

Soweit der Abschnitt aus dem Buch. 

Für uns als Erziehungspersonen gibt es übrigens ein ähnliches Phänomen. Auch wir können in den Zustand kommen, wo wir klammern, wo wir den kindlichen Gehorsam durchsetzen einfach deshalb, weil wir Angst haben sie könnten uns entgleiten. Dann ist es wichtig, dass wir uns der Frage stellen, ob es jetzt noch ums Kind geht oder um unsere eigene Not, der Angst, nicht mehr gebraucht, nicht mehr gefragt zu sein. Kinder reagieren meist sehr negativ auf diese Art Leiterschaft. Wenn wir sie zwingen sich freizustrampeln wird das allen Beteiligten wehtun. 

Es kann aber auch viel oberflächlicher sein: Wenn du dein Kind unter Druck setzt oder ihm etwas verbietest, einzig aus der Angst, bei Nachbarn und Freunden weniger angesehen zu sein oder gar kritisiert zu werden. Viele Eltern, Lehrkräfte und auch Trainer in Sportvereinen fürchten sich davor, wegen Missachtung der Aufsichtspflicht zur Rechenschaft gezogen zu werden, wenn etwas passiert. Wie schnell geraten wir da in eine Leiterschaft, die von der Angst für uns selber geprägt ist, anstatt aus der Sorge um das Wohl der uns Anvertrauten. Kinder brauchen das Risiko um ihre Grenzen auszuloten. Hindere sie deshalb nicht aus Angst vor der nachbarschaftlichen Kritik auf Bäume zu klettern, auf Mäuerchen zu balancieren oder durch Bäche zu waten oder auch weil die Angst deiner eigenen Mutter noch in dir steckt. In der Einstein-Sendung “Die Macht des Spielens” des Schweizer Fernsehens wird das eindrücklich dargestellt. 

Manchmal verbieten wir Dinge aber auch aus ehrlicher Rücksicht - dann zum Beispiel, wenn dein Kind die Idee hat morgens um sechs Klavier zu spielen, wenn andere schlafen. Von aussen sieht man oft nicht, was uns antreibt, dies oder jenes zu tun oder zu lassen. Lasst uns deshalb achtsam sein, dass es immer mehr die Liebe ist, die uns leitet. Die Liebe zu unseren Kindern, zu uns selbst - und auch zu unseren Nachbarn.

 

Hier gehts zum Podcast. 

 

Podcast des Monats


Auch dieses Mal haben wir über das Thema des Monats einen Podcast aufgenommen. Hier findest du den Podcast mit Heinz Etter.

 

 

 

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Refresher 20-08 «Die Bestrafung über die Beziehung»

In diesem und in den nächsten Refresher-Briefen möchte ich dir jene Artikel näherbringen, die erst in den neueren Auflagen des Buches “Erziehen im Vertrauen” Eingang gefunden haben. Es ist uns ein Anliegen, dass dieses Buch aktuell bleibt und die Kerngedanken der Vertrauenspädagogik enthält. Du hast wahrscheinlich eine frühere Ausgabe gelesen, in denen die einen oder anderen Gedanken noch nicht enthalten waren. 

Heute geht es um jenes Machtmittel, das amerikanische Kinderärzte Eltern empfehlen, um sie zu überzeugen, dass es ohne Körperstrafe geht. In der Tat ist es ein sehr mutiges Unterfangen, auf die Körperstrafe zu verzichten. Wenn man allerdings an der Idee festhält, man sei nur dann als Mama oder als Papa richtig, wenn wir das Verhalten der Kinder kontrollieren können, dann ist dieser Verzicht fatal und man kommt auf die Idee, die Anhänglichkeit der Kinder zu nutzen, um sie zu kontrollieren. Hier also der entsprechende Abschnitt aus dem Buch:

 

3.5 Die Bestrafung über die Beziehung

Manche Eltern nutzen die kindliche Abhängigkeit aus, um Kinder gefügig zu machen und Druck auf sie auszuüben. Es gibt ganze pädagogische Lehrbücher, die die kindliche Trennungsangst als Mittel gegen die elterliche Ohnmacht nutzen, die sich aus dem längst überfälligen Verzicht auf die Körperstrafe ergeben hat. Und es stimmt: Der stille Stuhl ist ein Ort, an dem sich fast jedes Kind sagt: «Ich will wieder lieb sein, wenn ich nur wieder bei meiner Mama sein darf.» Oft werden die Kinder gerade dann isoliert, wenn sie die Nähe der Eltern am meisten bräuchten – dann zum Beispiel, wenn sie sich daneben benommen haben und spüren, dass die Eltern frustriert sind. Abhängig zu sein, verkommt so zu einer demütigenden Situation und bekommt jenen bitteren Beigeschmack, der vielleicht als Gegenreaktion das humanistische Ideal der Selbstbestimmung begründet hat.

Wer spürt, dass seine Abhängigkeit als Macht- und Druckmittel gegen ihn verwendet wird, wird sich früher oder später dagegen auflehnen. Viele Jugendliche schütteln diese Abhängigkeit genau dann ab, wenn sie die Eltern dringend brauchen würden: in der Pubertät.

Dass Jugendliche nicht in erster Linie selbstbestimmt sein wollen, wissen alle, die mit ihnen zu tun haben. Sie suchen vielmehr Geborgenheit und Schutz in der Bindung an andere Menschen. Der Frage, warum das oft nicht mehr jene sind, die für sie Verantwortung tragen, wollen wir in den nächsten Kapiteln nachgehen.

Bindung ist das tiefste und stärkste Bedürfnis überhaupt. Nichts bringt uns Menschen so aus der Fassung wie der tatsächliche oder befürchtete Verlust unserer primären Bindungen. Es sind Gefühle wie Liebeskummer oder die Trauer um einen geliebten Menschen. Für Kleinkinder hat die Angst vor dem Verlust der Bindung eine lebensbedrohliche Dimension, denn sie spüren, dass sie selber nicht überleben können. In meinen Beratungen werde ich deshalb immer wieder mit einem kindlichen Verhalten konfrontiert, das ich nach Gordon Neufeld Defensive Dominanz nennen möchte.

 

Hier gehts zum Podcast. 

 

Podcast des Monats


Auch dieses Mal haben wir über das Thema des Monats einen Podcast aufgenommen. Hier findest du den Podcast mit Heinz Etter.

 

 

 

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Refresher 20-02 «Aus Angst oder aus Liebe?»

Für Kinder ist die Beziehung der Eltern untereinander von kaum zu überschätzender Bedeutung. Ich möchte euch deshalb einen der Blogbeiträge von Marc Bareth vorstellen, der mir sehr aus dem Herzen spricht. Marc leitet den Arbeitszweig familylife von Campus für Christus. Lest oder hört selbst, wie er ein zentrales Thema der Vertrauenspädagogik auf die Situation von Paaren anwendet. Die Frage nämlich, welche Motive hinter unserem Handeln stehen.
Wir haben zusammen den zweiten Podcast produziert. Er dauert gut 30 Minuten.

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Talk über das Monatsthema


Wie im Januar, so haben wir auch dieses Mal einen Input über das Thema des Monats als Podcast aufgenommen. Hier findest du den Podcast mit Heinz etter und Marc Bareth.

 

Hotline mit Heinz Etter

Die Live-Beratung über Skype hat zuwenig Interesse ausgelöst. Wir bieten dieses Angebot nur noch nach Absprache an. Bitte meldet euch per Mail, falls ihr das wünscht.
Heinz Etter wird stattdessen jeweils am letzten Montag - 24. Februar 2020 - von 20:00 bis 21:00 Uhr die Hotline bestreiten. Wie die Hotline funktioniert findest du hier.

 

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Info 17-09 "Hilfe Pubertät"

«Gibt es etwas, was ich vorbeugend tun kann, damit meine Kinder gut durch die Pubertät kommen?» - «Ich habe so vieles verpasst! Gibt es noch eine Chance?»
Solche und ähnliche Fragen werden mir oft gestellt, und ähnliche Fragen habe ich mir vor einigen Jahren selber gestellt. Es wäre doch super, wenn es so ein Wundermittel gäbe, ähnlich einem Pflanzendünger, den man verabreichen kann, und dann ist Wachstum garantiert. Nun, so etwas gibt es tatsächlich! Allerdings ist es weder ein Wundermittel, noch kann man es einfach verabreichen. Und doch ist es vergleichbar mit einem guten Dünger…
Wir alle wünschen uns Teenager mit eigener Persönlichkeit, reife junge Leute, und fragen uns, was wir zur Reifung beitragen können.
Reifung ist ganz eng mit Bindung verknüpft. Was unsere Kinder brauchen, ist eine tiefe und feste Bindung an uns, in diesem Kontext kann Reifung stattfinden.
Wenn unsere Kinder klein sind, ist uns das mit der Bindung noch klar. Doch spätestens wenn sie in die Oberstufe kommen, hören wir von vielen Seiten, leider auch von sogenannten Fachleuten, dass wir sie nun loslassen müssten, dass Rebellion normal sei, dass nun Gleichaltrige wichtiger würden als wir Eltern usw.
Dabei sind unsere Kinder gerade während der Pubertät so sehr auf eine Bindung an uns und den Schutz vor Angriffen und Verletzungen von aussen, den diese bietet, angewiesen. Nur in diesem sicheren «Zuhause» kann ihr Herz weich bleiben, und nur ein weiches Herz kann reifen. So eine sichere Bindung kann kein Gleichaltriges bieten, das ist unsere Aufgabe.
Ich weiss noch gut, wie ich als Jugendliche meinen Eltern mein Herz ausgeschüttet habe, ihnen mein Innerstes anvertraut habe. Heute weiss ich, das war Ausdruck einer tiefen Bindung. Und genau diese tiefe und sichere Bindung hat mich geschützt vor vielen Verletzungen von Gleichaltrigen. Ich habe sie durchaus gespürt, aber die giftigen Pfeile konnten nicht in mein Innerstes vordringen. Und das war der Kontext für Reifung!
Die gute Nachricht ist, es ist nie zu spät! Wir können immer in die Bindung investieren!
Halten wir an unseren Teenagern fest, bieten wir ihnen diese Geborgenheit eines sicheren Hafens, auf das sie reifen und auch in stürmischen Zeiten bestehen können!

 

Talk über das Monatsthema

 

 

Livesendung vom 25. September 2017

 

Hilfe Pubertät

Die Pubertät ist eine Zeit des Umbaus: Es finden hormonelle Veränderungen, aber auch Veränderungen in der Gehirnstruktur statt. Der Ausspruch «Kleine Kinder, kleine Sorgen. Grosse Kinder, grosse Sorgen.» zeigt, dass viele Eltern Angst vor der Pubertät ihrer Kinder haben. Sie fragen sich, ob es etwas gibt, was vorbeugend hilft, und tatsächlich gibt es das: Eine tiefe und starke Bindung zum Kind aufzubauen, legt ein wunderbares Fundament und erleichtert die Phase der Pubertät. Eltern sollten auch im Teenageralter an der Bindung festhalten und ihren Jugendlichen einen sicheren Hafen bieten, wo sie bedingungslos geliebt und angenommen sind. Dadurch bleiben die Herzen der Teenager weich und ungepanzert, was Voraussetzung ist, dass Jugendliche zu einer reifen Persönlichkeit werden können.

Der Volksmeinung entspricht etwa folgende Aussage: «Es ist ganz normal, wenn Jugendliche ausbrechen, wenn Gleichaltrige wichtiger werden als die Eltern und wenn Teenager rebellieren. Du musst einfach während der Pubertät durchhalten, am Ende kommt alles automatisch wieder gut.» Diese Aussage stimmt so nicht. Natürlich gibt es in jeder Familie mal Streit, und selbstverständlich hinterfragen Jugendliche alles und wollen irgendwann selbständig und unabhängig von ihren Eltern sein, aber es gibt einen ganz entscheidenden Unterschied:

  • Sind Teenager nicht an ihre Eltern gebunden, übernehmen die Gleichaltrigen deren Aufgabe. Jugendliche rebellieren dann aus purem Gegenwillen gegen die Eltern. Dies führt zu den klassischen «Pubertätskämpfen». Die Teenager sind aus Prinzip gegenteiliger Meinung wie die Erwachsenen, haben aber eigentlich gar keine eigene Meinung.

  • Jugendliche, die sicher und tief gebunden sind, finden hingegen «sich selbst». Sie stellen alles infrage und probieren etwas aus, weil sie ihre eigenen Meinungen, Wünsche und Ziele fürs Leben finden wollen und sollen. Das ist in Ordnung und dafür brauchen sie Freiraum. Je besser die Bindung ist, desto eher kommen die Teenager «in den sicheren Hafen», um zu erzählen, was sie bewegt und beschäftigt.

    Solche Bindungen schützen vor Angriffen von aussen, aber auch vor Versuchungen von innen. Sicher gebundene Jugendliche müssen nicht alles ausprobieren, weil sie auch den Wunsch spüren, es den Eltern recht zu machen.

Auch wenn Jugendliche bereits gleichaltrigenorientiert sind, ist es nie zu spät. Es ist immer möglich, sich neu in eine Beziehung zu investieren und sich neu dem Kind zuzuwenden. Die Veränderung beginnt immer bei mir als Elternteil, in meinem Herzen. Eine Join-up-Intervention kann ein Anfangspunkt sein. Jugendliche bzw. Menschen generell können sich immer noch weiter entwickeln, sogar im hohen Erwachsenenalter.

 

Fragen und Inputs

Nora: Tochter (13) ist gut gebunden und als einzige nicht im Klassenchat. Deswegen wird sie ausgegrenzt. Würden die Eltern erkennen, wenn diese Belastung zu viel für die Tochter würde?

  • Das ist eine mutige Entscheidung. Um der Gleichaltrigenorientierung vorzubeugen, ist es empfehlenswert, Kinder so spät wie möglich mit Handys, Klassenchats, Internet usw. in Berührung kommen zu lassen. Sie brauchen eine gewisse Reife, um damit umgehen zu können. Kinder geraten dadurch zwar oft ins Abseits und spüren die Ausgrenzung, sind aber durch die Bindung an die Eltern davor geschützt.
  • Wenn die Tochter eine gute Bindung an die Eltern hat, wird sie den Entscheid vermutlich mittragen, und die Eltern würden ganz sicher spüren, wenn die Ausgrenzung für das Kind unerträglich wird.
  • Schwierig wird es, wenn die Bindung nicht so stark ist bzw. wenn das Thema die Beziehung sehr belastet, z. B. weil das Kind bereits gleichaltrigenorientiert ist oder weil das Kind die Entscheidung der Eltern als «feindlich» empfindet. Dann gilt es abzuwägen. In so einer Situation wäre auch denkbar, zusammen mit der Tochter den gesunden Umgang mit dem Klassenchat zu regeln und ihr zu helfen, richtig damit umzugehen: «Ich verstehe, dass das für dich schwierig ist. Ich werde dir helfen...» Zum Beispiel könnte die Jugendliche das Handy um 20:00 oder 21:00 Uhr abgeben. Wichtig ist, dass die Tochter spürt: Meine Eltern sind auf meiner Seite.
  • Beide Wege sind nicht einfach, und es gibt keine allgemein richtige Lösung. Wir können unsere Kinder nicht immer vor allem beschützen. Das Wichtigste ist, die Bindung nicht aufs Spiel zu setzen.

 Joana: Bis jetzt wurde immer gesagt, gute Freunde seien sehr wichtig, weil sich Teenager von ihren Eltern abwenden. Der Sohn ist eher ein Einzelgänger und die Mutter versuchte bis anhin eher, Freundschaften «zu organisieren». Nach dem Infobrief und der Sendung ist sie verunsichert, was jetzt richtig ist.

  • Gegen gute Freunde spricht grundsätzlich nichts. Es ist schön, gute Freunde zu haben. Es ist nur dann etwas gegen Freundschaften einzuwenden, wenn die Freunde die Stelle der Eltern einnehmen. Die Aufgabe der Eltern ist es, ihr Kind bedingungslos anzunehmen und ihm Geborgenheit zu vermitteln, damit es sich gut entwickeln und zu einer reifen und eigenständigen Person werden kann. Gleichaltrige können diese Aufgabe (noch) nicht bzw. nicht über längere Zeit wahrnehmen. Gleichaltrige verletzen sich zwangsläufig immer wieder. Deshalb ist es so wichtig, dass wir als reife Erwachsene die Hauptbezugspersonen unserer Kinder sind.
  • In der Bibel gibt es eine Bibelstelle von blinden Blindenführern. Es ist nicht gut, wenn Blinde Blinde oder eben Unreife Unreife führen. Dies führt unweigerlich zu Verletzungen. Damit Jugendliche das aushalten, müssen sie sich panzern. Genau das passiert bei der Gleichaltrigenorientierung, wenn eine gleichaltrige Person zur wichtigsten Bezugsperson wird. Die Meinung der anderen Jugendlichen wird dann wichtiger als die der Eltern oder der anderen erwachsenen Bezugspersonen. Jugendliche brauchen einerseits Freiheiten, andererseits aber auch ein Zuhause, wo sie sich selbst sein dürfen.
  • Ein Wort zum Thema Lager und Camps: Es spricht grunsätzlich nichts dagegen, Kinder in Lager zu schicken. Die zwei Fragen, die man sich dabei stellen muss: «Ist mein Kind in der Lage, während seiner Abwesenheit an mir festzuhalten und die Trennung während einer Woche zu überbrücken? Gibt es im Lager erwachsene Bezugspersonen, welche wie bei einem Staffellauf den Stab von den Eltern übernehmen, so dass das Kind nicht gezwungen wird, sich an Gleichaltrige zu binden?» Wenn diese beiden Voraussetzungen gegeben sind, kann ein Camp eine sehr wertvolle Erfahrung sein.

Maja: Schon im Infobrief wurde von den Bindungsstufen gesprochen. Worum geht’s da?

  • Vieles, was wir in der Vertrauenspädagogik bewegen, findet seine Parallelen bei Dr. Gordon Neufeld. Er ist ein kanadischer Entwicklungspsychologe und hat sechs Bindungsstufen definiert. Im Idealfall bindet sich ein Kind bis zum Ende seines sechsten Lebensjahres über diese Bindungsstufen an die Eltern. Es kann aber auch viel länger dauern. Je tiefer diese Bindung wird, desto verletzlicher wird sie auch.
  • Wer mehr darüber erfahren möchte, findet weitere Informationen dazu in den Büchern
    - «Unsere Kinder brauchen uns!» von Dr. Gordon Neufeld
    - «Der Neufeld-Ansatz für unsere Kinder» von Dagmar Neubronner
    - «Vertrauen - von Anfang an» von Maria Lüscher und Heinz Etter
    - «Lernen und reifen im Vertrauen» von Heinz Etter

 Nicole: Unser ältester Sohn (16) ist der Gleichaltrigenorientierung erlegen. Er stellt unsere Familienwerte infrage und wertet seine kleineren Brüder verbal ab. Wie kann ich der Gleichaltrigenorientierung entgegenwirken?

  • Eltern müssen der Gleichaltrigenorientierung nicht entgegenwirken, und es ist auch keine Krankheit. Eltern sollten sich darauf konzentrieren, in die Bindung zum Jugendlichen zu investieren und seine Bindungsbedürfnisse zu befriedigen. Wenn Teenager gleichaltrigenorientiert sind, ist es schwierig und braucht Geduld, sie wieder an sich zu binden, aber es ist möglich. Das Ziel wäre, dem Jugendlichen Nähe zu geben. Hilfreich kann es sein, Gemeinsamkeiten zu betonen, an die man anknüpfen kann: z. B. die Vorliebe für einen Fussballverein. Manchmal braucht es einen Einstieg: eine für den Teenie gekochte Mahlzeit oder ein kleines Geschenk, damit der Jugendliche wieder in die Beziehung einsteigen und aufblühen kann.
  • Wichtig ist es auch, auf die Hierarchie zu achten. Eltern sollten in der versorgenden, übergeordneten Rolle zu bleiben und nicht in die hierarchisch untergeordnete Position zu rutschen. Unterordnung bzw. eine Verkehrung der Bedürfnislage würde den Jugendlichen verunsichern. Gute Situationen, um diese versorgende Führungsrolle zu übernehmen, sind diejenigen, wo der Jugendliche die Hilfe der Eltern, z. B. einen Transportdienst, Hilfe bei einer Reparatur oder einem Projekt, braucht.
  • Es kann auch hilfreich sein, Beratung in Anspruch zu nehmen.

Dora: Unser Sohn hat eine leichte autistische Störung. Für ihn sind Freunde kein Thema - er ist lieber alleine oder mit uns Eltern zusammen. Wir haben daher keine Probleme mit der Gleichaltrigenorientierung. Was ihm fehlt, ist die wechselnde Hierarchie. Entweder lehnt er an uns an oder er führt seine Geschwister. Die wechselnde Hierarchie zwischen Gleichaltrigen kann er aber nicht üben.

  • Jede Beziehung ist hierarchisch. Es ist wunderbar, wenn der Junge sich an die Eltern anlehnen und die kleinen Geschwistern führen kann. Kindern mit autistischen Störungen fallen diese «Beziehungstänze» schwer. Was bei uns intiutiv läuft, muss ein autistisches Kind lernen. (Anmerkung Heinz Etter: Selten lässt man ihnen genug Zeit und Raum für die Reifung, dass auch sie die Beziehungsaufnahme von innen heraus leisten könnten.)
  • Kinder mit autistischen Störungen sind oft in einem Gebiet, z. B. in Mathematik, sehr stark. Dadurch kommt der Jugendliche automatisch in die Rolle, wo er z. B. den Eltern etwas erklären kann. Das wäre dann eine wechselnde Hierarchie.
  • Es gibt keinen Grund, sich Sorgen zu machen.

 

 

 

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Info 13-04 "Neid und Eifersucht"

"Meine Kinder streiten viel. Jedes hat das Gefühl, zu kurz zu kommen." Solche Aussagen begegnen mir sehr häufig. Wir haben deshalb am Trainertreffen intensiv über das Phänomen Neid und Eifersucht nachgedacht. Hier ein paar Ergebnisse in Thesenform. Es sind keine gesicherten Erkenntnisse, vergleicht sie mit euren Erfahrungen und steigt ein in die Diskussion darüber in der Live Sendung nächsten Montag und im Facebook.

1. Je "gleicher" die Kinder sind, die zusammen sind, desto eher entwickelt sich Konkurrenz statt Kooperation und desto wahrscheinlicher ist das Auftreten von Neid und Eifersucht. Hört dazu den Bericht von Mirjam im Video.

2. Je sicherer die Bindungen zu den Eltern sind, desto weniger tritt Neid auf, oder umgekehrt: Je mehr Kinder das Gefühl haben, sich die Zuneigung der Eltern durch Wohlverhalten und Leistung sichern zu müssen, desto eher treten Neid und Eifersucht auf.

3. Je grösser das Wir-Gefühl ist, desto weniger tritt Neid auf. "Hilfst du mit? Wir kochen Rogers Lieblingsmenu. Er hat heute einen schweren Tag. Das tröstet ihn."

4. Je unreifer Kinder sind, desto eher neigen sie dazu, auf "Ungerechtigkeit" mit Neid zu reagieren.

5. Ältere Kinder und Erwachsene binden sich oft an Dinge anstatt an Menschen - das ist dann der Nährboden für Neid, Habgier und Ausbeutung. Sichere Bindungen an Menschen und an Gott, Annahme ohne Vorbedingungen bewirken mehr als das Beklagen oder Bekämpfen des Neides und seiner Geschwister.

6. Neid und Eifersucht kennen wir alle. Sprechen wir darüber, damit wir sie als Beziehungsanzeiger lesen lernen und entsprechend reagieren können.

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