Infobriefe

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Refresher 21-03 «Hast du schon einmal dein Kind gehasst?»

Hast du schon einmal dein Kind gehasst?

Wahrscheinlich gehörst du zu den Menschen, die zugeben müssen, dass ihnen das schon passiert ist. Wie ist so etwas möglich? Gibt es eine Liebe, die tiefer ist als die Liebe zwischen Eltern und Kindern? Wohl kaum. Es gibt zwar die Verliebtheit, die man freilich intensiver erlebt, aber es gibt wohl kaum eine robustere Beziehung als die zwischen Eltern und Kindern. Und wohl auch keine, die grössere Krisen und schrecklichere Enttäuschungen, selbst Verrat und - eben - Hass überlebt. 

Ich erinnere mich, was die Schülerinnen und Schüler im Sonderschulinternat, das ich geleitet habe, von ihren Eltern alles einstecken mussten. Wieviel Zurückweisung und Ablehnung. Und zwar auf beiden Seiten. Dennoch hielten sie aneinander fest und Beleidigungen gegen die Mutter war immer die letzte Eskalationsstufe, bevor die Fäuste sprachen. 

Wie also kann man Menschen hassen, mit denen man auf diese Weise verbunden ist? 

Wir hassen einander mitunter nicht OBWOHL wir so miteinander verbunden sind, sondern WEIL wir es sind. Niemand kann uns so verletzen wie jene, die wir lieben. Je intensiver die Beziehung, desto vehementer ist auch der Hass. Dr. Gordon Neufeld, der kanadische Bindungsforscher, hat mir ein besseres Wort beigebracht als das Wort “Hass”. Es heisst “Bindungs-Umkehr”. Es geht um die Umkehrung der Bindungs-Instinkte. Immer dann, wenn wir in einer tiefen Beziehung zu sehr oder zu oft frustriert werden, laufen wir Gefahr in einen solchen Zustand zu geraten. 

Neufeld beschreibt es als eine Art Notabschaltung des Bindungs-Gehirns. Wenn du schon einmal Lust hattest, dein Kind zu ohrfeigen, zu schütteln oder gar es an die Wand zu knallen, dann weisst du, in welche Zustände wir als Eltern geraten können - gerade jene, die sehr emotional sind in ihrer Liebe. Wir haben einander ja bisweilen zum Fressen gern... Liebst du deine Kinder deshalb weniger? Nein! Bist du deshalb eine schlechte Mama oder ein schlechter Papa? Nein! Viele denken das aber. Sie machen sich schlimme Vorwürfe und zweifeln an ihrer Eignung zur Elternschaft. Hier beginnt dann das eigentliche Problem. Kinder können von Eltern viel ertragen auch solche Ausbrüche. Aber sie ertragen es ganz schlecht, wenn sie mit Eltern umgehen müssen, die in Selbstzweifeln und Selbstanklagen stecken. Sie wollen nämlich starke und mutige Eltern. Keine Unfehlbaren. Damit möchte ich freilich Kindesmisshandlung nicht verharmlosen und auch nicht zu Gewalt aufrufen. Aber ich möchte, dass wir alle lernen, auch uns selber so zu lieben, wie wir sind.  

Wenn dir eine solche Bindungs-Umkehr in Bezug auf die Kinder noch nicht passiert ist, so bestimmt umgekehrt. Kinder können auch in diese Situation kommen. Dann hassen sie ihre Eltern, schreien sie an und haben Lust sie zu verletzen, manchmal in der Mehrdeutigkeit dieses Wortes. 

Mindestens 20% der Beratungsanfragen, die ich von Eltern bekomme wurzeln in solchen Erfahrungen. Was tun, wenn mein Dreijähriger mich übel beschimpft, mich schlägt oder anspuckt? Sobald man das Phänomen der Bindungs-Umkehr aufgenommen hat, verlieren solche Ereignisse etwas von ihrem Schrecken. 

Bindungs-Umkehr ist etwas Normales, ziemlich Verbreitetes. Sogar in der Tierwelt kommt es vor. Das wissen alle, die heimgekehrt vom Urlaub, von ihrer Katze über Tage ignoriert werden. 

Im Buch “Lernen UND Reifen im Vertrauen” beschreibe ich anhand eines Ehepaars, wie ganz normale Menschen reagieren können. Vielleicht geht es dir wie den meisten: Du schüttelst den Kopf und weisst gleichzeitig: Das könnte mir auch passieren. 

…. Stellen Sie sich eine Frau vor, die eben dabei ist, den Tisch für den Eheabend zu decken. In fünfzehn Minuten erwartet sie ihren Mann. Sie stellt sich schon vor, wie er hereinkommt, sie umarmt, ihr dankt für den schön gedeckten Tisch, wie er dann den Wein entkorkt, wie sie zusammen das Essen geniessen und ihre Liebe feiern. Nun ist es bereits fünf Minuten über die Zeit. Noch hat sich nichts verändert. Nach wie vor freut sie sich auf die Umarmung, auch nach zehn Minuten noch. Als er dann nach zwanzig Minuten endlich kommt, sieht sie seine vom Radwechsel schmutzigen Hände nicht, auch nicht das Taschentuch, das um den blutenden Finger gewickelt ist. Ihr Herz ist zu. Als ihr Mann sie in die Arme nehmen will, ist sie steif wie ein Brett. Ihre Sehnsucht und Liebe ist wie weggeblasen. Was ist passiert? Ihr Herz hat eine Notabschaltung vorgenommen. Das lange Warten war zu viel für sie, die Frustration zu gross, und plötzlich hat sich ihr ganzes Bindungsverhalten ins Gegenteil verkehrt. Hatte sie noch vor Minuten den Moment herbeigesehnt, wo er sie fragte: «Möchtest du noch ein Glas Wein?», wäre sie jetzt imstande zu sagen: «Nein, Wasser!» Schauen wir, was weiter passiert. In ihm äussert sich ein ähnliches Phänomen. Er hat sich nach dem Radwechsel so darauf gefreut, dass seine Frau sagt: «Oh, ich habe mir schon Sorgen gemacht. Hast du dir wehgetan?» Er hatte sich vorgestellt, wie sie seinen Finger liebevoll verbinden würde und sie dann den Abend zusammen geniessen würden – und nun das!! Und wie jetzt das «Oh, hast du dir wehgetan? Soll ich dich verbinden?» kommt, hört er sich sagen: «Kein Problem, das kann ich schon selber!» Er geht ins Bad und wäscht sich umständlich. In der Zwischenzeit ist die besorgte Herzlichkeit der Frau vielleicht bereits wieder der Bindungs-Umkehr gewichen, und sie sagt gekränkt vor sich hin: «Meine Güte, jetzt ist er auch noch eingeschnappt. Ich konnte doch nicht ahnen, dass er eine Panne hatte. Man darf sich doch mal irren, wenn ich so wäre...» Und als der Ehemann – mittlerweile einsichtig und versöhnt – aus dem Badezimmer kommt und die Sache mit einer herzlichen Umarmung beenden will, findet er womöglich seine Frau erneut steif und ablehnend vor. Den beiden ist zu wünschen, dass sich bald einmal alles in einem Lachen auflöst. So funktionieren wir Menschen. So schützen wir uns vor zu grosser Bindungsfrustration. Je tiefer die Bindung ist, desto verletzender erleben wir Enttäuschung oder Zurückweisung und desto schroffer wird die Bindungsumkehr sein.

Nicht immer, wenn ein Kind frech und dominant ist, ist es in der Bindungsumkehr - so wenig wie du selber. Oft stimmt einfach die Hierarchie nicht und das Kind ist wütend, weil jemand oder etwas seinen Plänen im Wege steht. Ich hoffe, diese kleine Geschichte hat dir die Augen für diesen Unterschied fühlbar gemacht. Freilich, es gibt Kinder, die häufiger in diesen Zustand geraten. Für uns alle gilt. Was wir dann brauchen, sind weder Belehrungen noch Vorwürfe, sondern einfach Menschen, die uns aushalten und an uns festhalten. Wende dich an unsere Hotline, wenn du denkst, dass du darin Hilfe brauchst.

 

Hier gehts zum Podcast. 

 

Podcast des Monats


Auch dieses Mal haben wir über das Thema des Monats einen Podcast aufgenommen. Hier findest du den Podcast mit Heinz Etter und Claudia Feierabend.

 

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Info 18-01 «Bindungsumkehr - Teil 2»

Hast du den letzten Infobrief noch in Erinnerung? Wenn nicht, dann kannst du ihn hier nochmals lesen. Ich möchte nächsten Montag in der Livesendung auf das Thema zu sprechen kommen. Bindungsumkehr kann man begreifen als «Notabschaltung» unseres Bindungsgehirns. Immer, wenn wir eine Sache oder einen Menschen lieben, öffnen wir uns und machen uns verwundbar. Wenn sich die Sache dann nicht wie gewünscht entwickelt, schmerzt das enorm. Hast du schon einmal jemandem deine Liebe gestanden und eine Abfuhr erhalten? Dann weisst du, was ich meine. Es tut sehr weh und löst im guten Fall Trauer aus, die irgendwann abklingt. Bei anderen löst die gleiche Erfahrung Hass aus. Bindungsumkehr! So neu ist das Phänomen also nicht. Wenn die Bindungsfrustration zu gross wird, kann sich Liebe ins Gegenteil verkehren.

Das ist nicht nur in der Liebe zu Menschen so, das Lernen kann davon ebenfalls betroffen sein. Habt ihr auch schon Kinder erlebt, die sich einer Sache mit Begeisterung nähern, um sich bald frustriert wieder davon abzuwenden, und die das Thema später womöglich vermeiden? Vielen Menschen passiert das mit Schulfächern und damit verbunden nicht selten auch mit entsprechenden Lehrpersonen. Je sensibler und verletzlicher Menschen sind, desto eher sind sie davon betroffen. Da unreife Kinder (und Erwachsene) schneller und gründlicher in solche Zustände geraten, ist es wichtig, im Spielmodus zu bleiben. Im Spiel erproben Menschen und auch Tiere all die tausend Dinge, die es zu lernen gilt. Sobald der Erfolg zu wichtig wird bzw. der Misserfolg zu verletzend, fallen wir aus dem Spielmodus und Kinder wie Erwachsene vermeiden das Thema. Der Ernstfall tritt ein. Nicht selten bleibt das Kind aber auch bei der Sache, weil es von aussen dazu gedrängt oder gar gezwungen wird. Das Lernen dient dann der Abwehr von negativen Rückmeldungen und geht allenfalls mit Erleichterung einher, kaum je aber mit Erfüllung, Freude und Begeisterung. Solchermassen gelernte Inhalte zerfallen dann auch relativ schnell wieder. Etwa so vielleicht wie deine Fertigkeiten auf der Blockflöte.

 

Talk über das Monatsthema

 

Livesendung vom 29. Januar 2018 (Start bei Minute 19:41)

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