Infobriefe

Stöbern Sie hier im Archiv unserer Infobriefe. Wenn Sie etwas zu einem bestimmten Thema suchen, dann sind die Briefe einerseits in Kategorien geordnet, andererseits können Sie auch unter "Tags" nach Themeninhalten suchen. Viel Spass!

Refresher 18-10 «Hast du ein gutes Gewissen?»

Im Moment bin ich in der Endphase der Vorbereitung für einen Vortrag in Schaffhausen mit dem Titel «Das befreite Gewissen». Wenn du das liest, wird der Vortrag schon vorbei sein. Wenn du gerne dabei gewesen wärest, dann schaue im Shop nach, ob es gelungen ist, meine Gedanken rüberzubringen…
Hier kurz ein Erlebnis, das mich in diesem Zusammenhang beschäftigt. Die Frage im Titel hat es dir vielleicht schon gezeigt: Du spürst dein Gewissen nur dann, wenn du in Gefahr bist, ein schlechtes Gewissen zu haben, bzw. wenn dir jemand ein schlechtes Gewissen macht. Das gute Gewissen an sich spüren wir gar nicht. Oder doch? Es müsste das gute Lebensgefühl eines Menschen sein, der im Join-up mit den Mitmenschen ist, auf deren Vergebung vertraut und an einen liebenden, fürsorglichen Gott glaubt, dem er nachfolgt, ohne Angst zu haben, etwas falsch zu machen, was ihn um die Gunst Gottes bringen könnte.
Ein solcher Mensch ist vielleicht mein ältester Enkel. Er musste sich diese Woche in unserem Auto übergeben und schaffte es trotz seiner 14 Jahre nicht, den Sitz und die stoffbezogene Türe zu verschonen. Das Besondere: Ich stellte kein schlechtes Gewissen bei ihm fest, nur sein eigenes Leiden und später das Mitleid mit uns, dass wir jetzt ein übel riechendes Auto haben. Der Impuls stieg in mir auf, ihm ein schlechtes Gewissen zu machen, nachdem mich dessen Fehlen irritierte. Hätte ich das tun sollen? Was meinst du? Diskutiere mit uns darüber am nächsten Montag an der Livesendung.

 

Talk über das Monatsthema

 

Livesendung vom 29. Oktober 2018

 

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Refresher 18-09 «Spielen - Teil 2»

Wir haben uns letzten Monat damit beschäftigt, wie wichtig es ist, unseren Kindern echtes Spiel zu ermöglichen. Du erinnerst dich vielleicht noch an Angelas Bericht über die Familienferien in Schweden. Schule und Freizeitangebote buhlen mit den Medien um die wertvolle Zeit unserer Kinder. Oft bleibt dann fürs eigentliche Spiel (zu) wenig Zeit. Aber es gibt noch einen wichtigen inneren Feind des echten Spiels, nämlich die soziale Situation eines Kindes.
Kinder, die in Beziehungskonflikten stecken, sei es mit den Eltern, den Lehrkräften oder beiden, haben schlechte Karten, sich in wirkliches Spiel zu versenken. Sie werden eher nach Ablenkung durch Unterhaltung rufen. Aber selbst dort, wo es Kindern grundsätzlich gut geht und Raum für Kreativität und Engagement da wäre, steht oft die soziale Situation im Wege. Gehen wir zusammen auf einen Spielplatz. Geschieht hier echtes Spiel? Vielleicht im Sandhaufen, falls dort nicht ein Streit um die Werkzeuge oder um den «Bauplatz» vorherrscht. Viele andere Tätigkeiten bestehen im passiven Sich-bewegen-Lassen durch Schaukeln, Rutschbahnen und dergleichen. Auch den Bewegungsangeboten fehlt oft jener Aspekt, der beim Klettern auf einen Baum oder beim Klettern im Gelände den Reiz ausmacht: Das mutige Überwinden von Angst. Moderne Spielplätze tragen diesem Gedanken Rechnung. Sie erlauben wirkliches Spiel. Wenn viele Kinder dennoch nicht ins kreative Spiel finden und so das Eigentliche verpassen, liegt es vielleicht an anderen Kindern oder Erwachsenen, die ihnen im Weg stehen. Worin besteht es denn, das Eigentliche? Dass ein Kind aus Freude an der Sache selbst unterwegs ist und nicht deshalb, weil es anderen etwas beweisen will oder muss oder verhindern will, beschämt zu werden. Dieses eigentliche Spiel geschieht oft, wenn das Kind alleine ist, seltener mit guten Freunden, die eben ein «eingespieltes» Team sind.

 

Talk über das Monatsthema

 

Livesendung vom 24.09.2018

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Refresher 18-08 «Spielen»

Wenn wir kleinen Kindern zuschauen, wie sie in ein Spiel vertieft sind, fühlt sich das in der Regel gut und richtig an. Wir sind uns wohl alle einig, dass Spielen für Kinder etwas Wichtiges ist. Doch wie ist es mit grösseren Kindern, Teenagern, Jugendlichen…? Vor einigen Jahren verbrachten wir einige Ferientage in einem schwedischen Nationalpark. Unsere Kinder (damals 14, 12 und 9) spielten stundenlang im Wald und wir Eltern staunten echt darüber, wie sie sich noch so ins Spiel vertiefen konnten. Noch heute erinnern wir uns gerne an diese ausserordentlich friedlichen Ferien.
Vor einiger Zeit begann ich mich vertiefter mit dem Thema Spielen auseinanderzusetzen und jene Tage im Nationalpark Tiveden wurden zu einem Schlüssel für mich.
Was machte es aus, dass die Kinder dort so ins Spiel finden konnten? Sie hatten viel (bildschirmfreie!) Zeit, einen sicheren Rahmen, Freiheit, Vergnügen und Sicherheit. Ihr Spiel war Spiel, keine Realität. Es kam aus ihnen heraus und es hatte nichts mit Arbeit zu tun. Das sind die Punkte, die eben echtes Spiel ausmachen.
In diesem Jahr fragte ich mich im Voraus, ob wir auch wieder solche Momente erleben würden. Und tatsächlich, es gab sie! Weitsprung im Sand, Steinhäuschen bauen beim Wandern, ein völlig chaotisches und lustiges Wasserballspiel usw. Was es dazu brauchte? Zeit, Natur und manchmal mitspielende Eltern.
Wir spürten, wie Spannungen abgebaut wurden. Auf diese Weise konnten Erlebnisse verarbeitet und Aggressionen herausgelassen werden. Emotionen kamen ins Fliessen, Kreativität entstand.
Spielen, echtes Spielen tut gut - auch uns Erwachsenen. Und ich wünsche unseren Kindern, Teenagern, Jugendlichen und auch uns Erwachsenen immer wieder Momente, in denen wir abtauchen und ins Spiel finden können.

Talk über das Monatsthema

 

Livesendung vom 27. August 2018

 

 

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Refresher 18-07 «Au, das war wieder einmal nicht VP»

Es berührt mich immer ein bisschen zwiespältig, wenn ich eine solche Aussage höre. Es ist doch gut, wenn Eltern sich bemühen, ihrem Kind gerecht zu werden - oder? Sicher, aber für Kinder gibt es etwas noch Wichtigeres, als ob die Eltern immer richtig handeln: Sie brauchen Eltern, die mit ihren Kindern und mit sich selber einen entspannten - einen vertrauensvollen und vertrauten - Umgang haben. Kinder sollen sehen, hören und fühlen, wie es ihren Eltern geht - nicht so sehr, wenn sie traurig sind (die Kinder sollen ja nicht ihre Tröster sein), aber sicher, wenn sie frustriert sind. Frust auszudrücken, ohne aggressiv gegen Menschen zu werden, ist eine schöne Zielsetzung, aber Kinder haben volles Verständnis dafür, wenn das nicht immer gelingt. Mit der Erziehung ist es wie mit der Hygiene: Das richtige Mass ist nicht bei der Sauerei, aber auch nicht bei der Sterilität. Wenn wir gesund sein wollen, dürfen wir nicht im Reinraum leben. Unser Immunsystem braucht gewisse Herausforderungen. Genauso ist es mit den menschlichen Unzulänglichkeiten. Kinder von perfekten Eltern würden ganz viele wichtige Dinge nicht lernen, nämlich mit dem Versagen anderer umzugehen, Ungerechtigkeiten zu ertragen usw. Aber keine Angst, du darfst dich entspannen. Die Gefahr in dieser Ecke ist eher klein. Viel eher neigen wir zu Selbstvorwürfen und meist in der Folge zu Vorwürfen gegenüber unseren Lieben, wenn wir etwas verbockt haben.

 

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Info 18-06 «Oh, dieses elende Handy»

Obiger Titel war vor ein paar Jahren ein Thema im Forum und kam aus meinem tiefsten Herzen. Heute weiss ich: Wir waren damals ziemlich blauäugig, als wir unserer 12-jährigen Tochter ein Smartphone in die Hand drückten. Wir wussten noch nichts davon, dass der vernünftige Umgang mit einem Handy mit Reife zu tun hat, und auch nicht, dass Medienmündigkeit nicht durch Übung und Umgang mit Medien, sondern vielmehr mit breiten, praktischen Erfahrungen - sprich: solchen in der realen Welt - erreicht wird. Dies sind die beiden Dinge, auf die es wirklich ankommt: persönliche Reife und Medienmündigkeit.
Reife entsteht bekanntlich in einer tiefen Vertrauensbeziehung zu Eltern oder anderen Bezugspersonen. Reife junge Erwachsene sind in der Lage, ihre Gefühle zu mischen und überlegte Entscheidungen zu treffen. Sie können mit Frustration verträglich umgehen usw.
Medienmündigkeit bedeutet nicht, dass man Medien einfach nutzen kann. (Das geht ja heute unheimlich schnell und ist keine grosse Leistung mehr…) Vielmehr bedeutet es, einen selbstbestimmten und verantwortlichen Umgang zu finden, der immer weniger Schutz und Anleitung von aussen benötigt.
Auf dem Weg dorthin tun wir als Eltern gut daran, wenn wir unsere Kinder und Teenager begleiten, sie führen und zu ihrer eigenen Sicherheit auch Grenzen setzen, so wie wir dies auch in anderen Bereichen tun. Wer lässt sein Kind schon uneingeschränkt am Strassenverkehr teilnehmen? Und, obwohl ich eine absolute Schokoladen-Liebhaberin bin, habe ich den Konsum bei meinen Kindern - und bei mir ☺ - vorsorglich eingeschränkt.
Medien mit Schokolade zu vergleichen, hat was… Sie sind genial, sie erleichtern und versüssen uns das Leben. Aber zu viel und zur falschen Zeit sind sie ungesund!
 

Talk über das Monatsthema

 

Livesendung vom 25. Juni 2018

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Info 18-05 «Schreckgespenst Gleichaltrigenorientierung»

«Ich möchte nicht, dass mein Kind in den FC geht, sonst bekommt es noch die Gleichaltrigenorientierung.» Wer den Begriff Gleichaltrigenorientierung nicht schon kennt, könnte bei diesem Satz denken, sie sei ein Virus, den unser Kind aus dem Nichts heraus überfallen könnte, vor allem im FC. Natürlich ist dem nicht so. Weder ist Gleichaltrigenorientierung ein Virus, noch befällt sie unsere Kinder einfach so. Ersteres wissen wir alle, nehme ich an, aber beim Zweiten möchte ich kurz stehen bleiben. Der Satz am Anfang ist ja nicht erfunden, sondern den bekam ich wirklich so zu hören, und des Öfteren habe ich den Eindruck, Eltern haben eine grosse Angst davor, dass ihre Kinder sich an Gleichaltrigen orientieren könnten, gerade eben, wenn sie einen Verein besuchen oder gute Freunde haben. Diesen Eltern möchte ich sagen: Entspannt euch! Gleichaltrigenorientierung passiert nicht einfach und es gibt ein naheliegendes und wirkungsvolles «Mittel», mit dem wir unsere Kinder schützen können! Das Gefährliche an der Gleichaltrigenorientierung ist ja, dass wir als Eltern in unserer Rolle als Hauptbezugspersonen durch Gleichaltrige ersetzt werden, dass also andere Kinder unseren Platz im Herzen des Kindes einnehmen. Dies kann aber nur passieren, wenn das Kind nicht im Join-up oder unerträglicher Trennung ausgesetzt ist. Umgekehrt, eine tiefe Bindung wird nicht einfach ersetzt. Ist mein Kind gut und sicher gebunden, ist es auch in der Lage, Freundschaften zu Gleichaltrigen zu pflegen, ohne dass diese gleich meinen Platz einnehmen. Je tiefer die Bindung, desto mehr Freiheit entsteht auch und desto mehr können Kinder auch über längere Trennungsphasen hinweg innerlich an uns festhalten. Gerade wenn die Kinder sehr lange in der Schule sind oder sie gar ein Camp besuchen, ist es essenziell wichtig, dass sie innerlich mit uns verbunden bleiben. Freundschaften, auch unter Kindern und Teenagern, sind etwas Wertvolles, und es wäre doch schade, wenn wir sie aus Angst vor Gleichaltrigenorientierung nicht unterstützen oder gar verbieten würden…

 

Talk über das Monatsthema

 

Livesendung vom 28. Mai 2018

 

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Info 18-04 «Und dann spricht man von ADHS»

Es ist in der Tat ein Merkmal von Kindern mit ADHS, dass sie ihre Emotionen schlechter im Griff haben als andere Kinder. Dass die Diagnose ADHS heute viel öfter gestellt wird als früher, hat wahrscheinlich weniger mit dem modernen Leben zu tun als mit der Tatsache, dass ganz viele Kinder mit einer kleinkindlichen Psyche klarkommen müssen. Sie kommen viel schneller als ihre Altersgenossen in den Zustand, wo sie nur noch das Einerseits oder das Anderseits im Kopf haben, aber nicht mehr abwägen können. Sie überborden - wie kleine Kinder - schnell in ihrer Wut und ihrer Freude, in ihrer Frustration und ihrer Begeisterung, weil sie ihre Gefühle nicht altersgemäss mischen können. All das wird mit jedem Jahr schlimmer und schlimmer. Kinder erhalten viele ablehnende Feedbacks, fühlen sich unverstanden und nutzen dann ihre zunehmenden intellektuellen Möglichkeiten, um ihr tief sitzendes Defizit zu kompensieren. Die einen machen das gesellschaftskonformer und konstruktiver, die anderen sind voller Rachegedanken gegen ihre Bezugspersonen und manchmal gegen die Erwachsenen ganz allgemein. Und irgendwann sind sie dann vielleicht Jugendliche, wie wir sie im letzten Infobrief betrachtet haben.
Wo wären denn die Lösungsansätze?
Reifung geschieht in der Ruhe. Man kann Reifung weder durch Zwang und Druck beschleunigen noch durch Lob und Anerkennung herbeizaubern. Sie ist ein spontaner Vorgang, der sich dann einstellt, wenn ein Kind Kind sein darf. (Gut, wenn das geschieht, bevor ein Kind 15 ist!) Wenn sich die Zeiten des Spiels und der freien Entfaltung die Waage halten mit Zeiten des Engagements und sinnerfüllten Tuns im Rahmen seiner Familie oder Gruppen, wo es dazugehört (davon mehr an der Frühlingskonferenz). Und was noch wichtiger ist: Es braucht mindestens einen Menschen, von dem es sich angenommen und verstanden fühlt.

Talk über das Monatsthema

 

Livesendung vom 30. April 2018

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Info 18-03 «Wenn ein 15-jähriges Gehirn mit einem 5-jährigen Herzen klarkommen soll»

Ich komme eben von einer Supervision zurück. Einmal mehr stehen wir bei einem Jugendlichen in dieser Situation. Woran merkt man es, wenn ein Jugendlicher mit einem kleinkindlichen Herzen leben muss? Ein Hauptmerkmal ist seine mangelnde Fähigkeit, bei seinen Entscheidungen mehrere Faktoren zu berücksichtigen, sie abzuwägen und schliesslich den klugen Weg zu wählen. Das ist für ihn ähnlich schwierig, wie wenn du einem Farbenblinden sagst: «Beim roten Haus musst du rechts abbiegen.» Vielleicht wird er dir nicht sagen, dass er es nicht von den grünen unterscheiden kann. Er schämt sich, darüber zu sprechen. Ähnlich geht es dem Jugendlichen. Er fällt oft kurzsichtige Entscheidungen, aber er würde sich schämen zuzugeben, dass er immer die Eltern fragen muss, was sie meinen. Wenn er überlegt, ob er noch ein drittes Bier trinken soll, dann ist nur das Argument im Kopf, dass die Kollegen ihn toll finden, wenn er dabei ist. Er denkt nicht ans Morgen, nicht an die Heimkehr, nicht ans Sackgeld, sondern nur an die Dynamik der Gemeinschaft, die ihn trägt und ihm ein gutes Gefühl vermittelt.
Wenn er anderntags damit konfrontiert wird, wird ihm das bestätigen, dass er nicht okay ist. Es wird ihn einmal mehr in Sorge, in Frustration oder in Wut versetzen. Niemand versteht ihn und er sich selber auch nicht, aber auch darüber kann er mit niemandem sprechen. Wir rechnen nicht damit, dass 15-jährige Jungs mit Bartwuchs kleine Kinder sein können. Aber wir werden uns daran gewöhnen müssen. Sie werden immer zahlreicher. In diesen Tagen hat sich in der NZZ ein Professor der Stanford University darüber beklagt, dass seine Schüler zwar genial sind, aber nicht erwachsen. Das ist sehr gefährlich. Was tun?
Menschen jeden Alters können reifen - und darum geht es - wenn sie ein weiches Herz haben und wenn sie sich geborgen und geschützt fühlen, wie es ihrem 5-jährigen Herzen entspricht. Wie unendlich schlechte Karten hat doch ein solches Kind, wenn es schon 15 ist. Und doch, wenn wir es sehen und beides berücksichtigen - sein «kleines» Herz und sein «grosses» Gehirn samt Anspruch auf Freiheit und Respekt - dann kann es geschehen, dass das Kind sich öffnet, Vertrauen fasst und sich am liebsten zu uns auf die Knie setzen würde - und dann rutsche ein bisschen zur Seite auf dem Sofa.

 

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Info 18-02 «Gutes tun»

Woran denkst du, wenn jemand davon spricht, Gutes zu tun? Als Eltern denken wir vielleicht daran, die Kinder zu verstehen anstatt sie anzuklagen und zu verurteilen, oder daran, nicht nur ihren Körper, sondern auch ihr Herz zu nähren (Stichwort: 2. Meile). Wenn wir kleine Kinder haben, fällt uns vielleicht das Stillen nach Bedarf ein, das Familienbett oder das Tragen des Säuglings. Eltern wollen ihr Bestes geben und ihren Kindern einen optimalen Start ins Leben ermöglichen. Vertrauenspädagogisch erziehende Väter und Mütter legen dabei die Messlatte womöglich noch höher als andere.
Die Folge davon sind oft ausgelaugte Mütter und - eventuell in der Folge - gestresste Väter, deren Nervenkostüm ziemlich dünn ist und die chronisch das Gefühl haben, vieles falsch zu machen. Vor allem Mütter fühlen sich oft wie Zugpferde, denen eine immer grössere Last aufgeladen wird.
Wer vertrauenspädagogisch mit Kindern umgehen möchte, sollte darauf achten, mit sich selbst ebenso umzugehen. Säuglinge nach Bedarf zu stillen, sie womöglich windelfrei aufzuziehen, den Haushalt zu schmeissen, gesund zu kochen und nebenher noch ältere Kinder bei den Hausaufgaben zu unterstützen, mag zwar schöpfungsgemäss und bedürfnisorientiert sein - für das Kind. Dass Mütter all diese Bedürfnisse alleine erfüllen sollten, ist hingegen kaum schöpfungsgemäss und deswegen auch für die Kinder nicht das, was sie brauchen.
Andere Kulturen wissen darum, dass es für die Erziehung eines Kindes «ein ganzes Dorf braucht». So ist ein funktionierendes Bindungsdorf nicht nur für unsere Kinder natürlich und bereichernd, sondern auch für Eltern eine immense Entlastung und ein Schritt in eine «artgerechte Elternschaft». Wir sind nicht dafür geschaffen, alles alleine zu schaffen! Warum also nicht gemeinsam mit anderen Müttern putzen oder die Grosseltern um Hilfe bitten, bevor wir völlig erschöpft sind? Auch Nachbarn stehen oft gerne für kleinere Hilfestellungen zur Verfügung. Und nicht zuletzt ist es auch für Kinder wichtig, dass sie sich nützlich machen dürfen.
Wenn du selber keine gestresste Mutter bist oder kein ausgelaugter Vater, dann könntest du dir vielleicht überlegen, ob du dich nicht einer solchen Familie als Hilfe anbieten könntest. Vielfach ist es ja für junge Mütter bzw. Familien in einer solchen Situation ganz schwer, Kontakte zu pflegen oder gar zu knüpfen und Hilfe zu holen. Dies umso mehr wir ja alle ein Problem gemeinsam haben:
Wir nehmen nichte gerne von anderen etwas an, wenn wir nichts Vergleichbares zurückgeben können. Aber du kannst sehr wohl das Umgekehrte tun: Etwas geben, ohne etwas zu erwarten. Es ist nämlich das Erfüllendste.
Möchtest du deinen Kindern etwas Gutes tun? Tu dir und deinem Partner bzw. deiner Partnerin etwas Gutes bzw. nimm es an, wenn andere es tun wollen. Was Kinder brauchen sind starke Eltern, denen es gut geht!
PS: Und denke daran: Deine Kinder vertragen gut mehrere Erziehungsstile.

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Livesendung vom 26. Februar 2018

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Info 18-01 «Bindungsumkehr - Teil 2»

Hast du den letzten Infobrief noch in Erinnerung? Wenn nicht, dann kannst du ihn hier nochmals lesen. Ich möchte nächsten Montag in der Livesendung auf das Thema zu sprechen kommen. Bindungsumkehr kann man begreifen als «Notabschaltung» unseres Bindungsgehirns. Immer, wenn wir eine Sache oder einen Menschen lieben, öffnen wir uns und machen uns verwundbar. Wenn sich die Sache dann nicht wie gewünscht entwickelt, schmerzt das enorm. Hast du schon einmal jemandem deine Liebe gestanden und eine Abfuhr erhalten? Dann weisst du, was ich meine. Es tut sehr weh und löst im guten Fall Trauer aus, die irgendwann abklingt. Bei anderen löst die gleiche Erfahrung Hass aus. Bindungsumkehr! So neu ist das Phänomen also nicht. Wenn die Bindungsfrustration zu gross wird, kann sich Liebe ins Gegenteil verkehren.

Das ist nicht nur in der Liebe zu Menschen so, das Lernen kann davon ebenfalls betroffen sein. Habt ihr auch schon Kinder erlebt, die sich einer Sache mit Begeisterung nähern, um sich bald frustriert wieder davon abzuwenden, und die das Thema später womöglich vermeiden? Vielen Menschen passiert das mit Schulfächern und damit verbunden nicht selten auch mit entsprechenden Lehrpersonen. Je sensibler und verletzlicher Menschen sind, desto eher sind sie davon betroffen. Da unreife Kinder (und Erwachsene) schneller und gründlicher in solche Zustände geraten, ist es wichtig, im Spielmodus zu bleiben. Im Spiel erproben Menschen und auch Tiere all die tausend Dinge, die es zu lernen gilt. Sobald der Erfolg zu wichtig wird bzw. der Misserfolg zu verletzend, fallen wir aus dem Spielmodus und Kinder wie Erwachsene vermeiden das Thema. Der Ernstfall tritt ein. Nicht selten bleibt das Kind aber auch bei der Sache, weil es von aussen dazu gedrängt oder gar gezwungen wird. Das Lernen dient dann der Abwehr von negativen Rückmeldungen und geht allenfalls mit Erleichterung einher, kaum je aber mit Erfüllung, Freude und Begeisterung. Solchermassen gelernte Inhalte zerfallen dann auch relativ schnell wieder. Etwa so vielleicht wie deine Fertigkeiten auf der Blockflöte.

 

Talk über das Monatsthema

 

Livesendung vom 29. Januar 2018 (Start bei Minute 19:41)

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Info 17-12 «Wenn der Frust zu gross ist - Bindungsumkehr»

Dieser Tage war ich wieder einmal wirklich glücklich, Neufeld* zu kennen. Das muss ich dir erzählen:
Mein siebenjähriger Enkel hatte eben mutwillig die Schnur unseres Heizstrahlers abgerissen. Als Erwachsener würde man ja erwarten, dass ein Kind sagt: «Oh, Bipapi, das tut mir leid, ich wollte nicht so fest ziehen!» Das hätte meine Barmherzigkeit ausgelöst, ich hätte meinen Frust darüber vielleicht angemessen ausgedrückt und vorbei wäre es gewesen.
Es kam aber anders: Mein Enkel ging zornig weg, zog sich in sein Zimmer zurück, kam später wieder herunter und bedachte mich mit einem feindlichen Blick, als ich ihn in der Stube antraf. Das hätte mich bis vor einigen Jahren stinkesauer gemacht und ich hätte mich berufen gefühlt, einiges klarzustellen, ihm «die Knöpfe zuzutun», wie wir das thurgauisch nennen. Heute ging ich nicht darauf ein. Beim Frühstückstisch setzte er sich möglichst weit weg von mir, was ich dann aber nicht duldete. Ich nahm ihn nahe zu mir, worauf er sich sein T-Shirt über den Kopf zog. Wir andern sprachen dann darüber, was das für eine gute Idee sei. So wussten wir einfach, dass er wieder herauskommt, wenn er kann. So war es auch kurze Zeit später. Jetzt wollte er mir wieder ganz nahe sein.
Wie soll man sich darauf einen Reim machen? Des Rätsels Lösung heisst Bindungsumkehr. Wir lieben uns sehr, mein Enkel und ich. Umso schlimmer ist es für ihn, wenn wir einen Konflikt haben. Weil er extrem sensibel ist, übersteigt seine Frustration das Mass dessen, was er ertragen kann. Und er verhält sich dann so wie Eheleute, deren Beziehung nicht funktioniert. Sie fangen an zu hassen. Glücklicherweise geht das normalerweise schnell vorbei – wenn es uns gelingt, nicht ebenfalls in die Bindungsumkehr zu geraten.  

* Dr. Gordon Neufeld, Entwicklungs- und Bindungspsychologe, Vancouver

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Info 17-11 «Schenken»

Wie weit bist du mit deinen Geschenken? Ist das für dich auch eine gewisse Last? In unserer Familie war es so, und so beschlossen wir gemeinsam, auf das Beschenken der Erwachsenen zu verzichten. Aber eigentlich ist das ja auch schade. Das Problem ist doch einfach, dass man einander früher einen Topf Honig, eine Flasche Wein oder auch ein Kleidungsstück schenken konnte - im Bewusstsein, dass damit viel Freude ausgelöst wurde. Heute sind wir mit all diesen Dingen oft mehr als nur eingedeckt.
Irgendwie bin ich in dieser Sache an die Geschichte mit der zweiten Meile erinnert. Nicht wahr, eigentlich wollen wir ja die Erwartungen unserer Liebsten nicht enttäuschen - namentlich nicht diejenigen der Kinder. Aber so richtiges weihnachtliches Kribbeln kommt ja bei den «bestellten», sprich «gewünschten» Geschenken nicht auf, noch weniger freilich bei Geldspenden oder Beteiligungen. Es sei denn, der Spielraum sei gross genug und der Mut Enttäuschungen auszuhalten auch. Es müssten irgendwie die Elemente der Überraschung und vor allem auch der Freiwilligkeit drin sein, das Engagement beim Aussuchen und das Sich-Einfühlen. Und da sind wir dann bald wieder beim Stress (wenn ich an meine 13 Enkel denke). Meine Frau erhielt jedes Jahr vom Götti ein weiteres Teil des grossen Silberbestecks. Das war wohl auch nicht sehr prickelnd. Aber - hm - das haben wir immer noch und freuen uns daran. Diese Gedanken haben bei Angela Indermaur letztes Jahr einiges ausgelöst. Im Talk erzählt sie uns davon. Sehr inspirierend. 

Talk über das Monatsthema

 

Livesendung vom 27. November 2017

 

 

 

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Info 17-10 "Wegweiser Misstrauen!"

Möchten Sie auch lieber vertrauensvolle und harmonische Beziehungen als solche, die mit Misstrauen versehen sind? Misstrauen muss jedoch nicht per se negativ sein. So wie Tag und Nacht für ihre Gott gegebene Nützlichkeit stehen, hat auch «Misstrauen» seinen Nutzen. Misstrauensgefühle können Ihnen hilfreiche Wegweiser sein. Ein gesundes Mass an Misstrauen half schon das eine oder andere Mal, Schaden zu vermeiden. Wo also ziehen wir die Grenze? Aus dem Blickwinkel der Komplementarität betrachtet, wird Misstrauen nicht mehr als Feind von Vertrauen gesehen, sondern als ein ergänzendes Moment. Misstrauen assoziieren wir mit Argwohn, Befürchtungen, Besorgnis, Disharmonie, Eifersucht, Verdacht, Hintergedanken. All dies hat in guten Beziehungen nichts zu suchen - zumindest nicht über einen längeren Zeitraum. Gute Beziehungen bauen auf Transparenz, Offenheit, Loyalität, Integrität, Respekt und Wohlwollen auf und bilden dadurch eine Vertrautheit in den Beziehungen.
Kommen Gefühle des Misstrauens langanhaltend aus einer persönlichen Mangellage heraus, wirken sie beziehungsschädigend. Entstanden sie jedoch aus einer Wachsam- und Achtsamkeit der momentanen Ereignislage heraus, können sie gute Hinweise für eventuelle Gefahren oder Risiken sein.
Denken sie an Menschen, die zu vertrauensvoll Verträge unterschreiben und nachher in der Gefangenschaft des Kleingeschriebenen stehen. Oder an einen Berufspiloten, der zu vertrauensvoll daran glaubt, dass sein Flugzeug bereits vom Co-Piloten durchgecheckt worden ist.
Gesundes Misstrauen zeigt sich da, wo jemand Vertrauen zu sich und seinen Gefühlen hat. Vertraue ich mir selbst, bin ich in der Lage, Situationen angemessen zu klären, meine und andere Gefühle liebevoll aufzunehmen und deren Signale zu verstehen.
Ähnlich, wie der Wind weht, wo er will, werden auch Misstrauenserlebnisse spontan und situativ auftauchen. Sie sind nicht planbar, aber dafür wahrnehmbar und dadurch auch steuerbar.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen geschärften Blick dafür und einen achtsamen und liebevollen Umgang mit Ihren Misstrauensgefühlen.

Livesendung vom 30. Oktober 2017

 

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Info 17-09 "Hilfe Pubertät"

«Gibt es etwas, was ich vorbeugend tun kann, damit meine Kinder gut durch die Pubertät kommen?» - «Ich habe so vieles verpasst! Gibt es noch eine Chance?»
Solche und ähnliche Fragen werden mir oft gestellt, und ähnliche Fragen habe ich mir vor einigen Jahren selber gestellt. Es wäre doch super, wenn es so ein Wundermittel gäbe, ähnlich einem Pflanzendünger, den man verabreichen kann, und dann ist Wachstum garantiert. Nun, so etwas gibt es tatsächlich! Allerdings ist es weder ein Wundermittel, noch kann man es einfach verabreichen. Und doch ist es vergleichbar mit einem guten Dünger…
Wir alle wünschen uns Teenager mit eigener Persönlichkeit, reife junge Leute, und fragen uns, was wir zur Reifung beitragen können.
Reifung ist ganz eng mit Bindung verknüpft. Was unsere Kinder brauchen, ist eine tiefe und feste Bindung an uns, in diesem Kontext kann Reifung stattfinden.
Wenn unsere Kinder klein sind, ist uns das mit der Bindung noch klar. Doch spätestens wenn sie in die Oberstufe kommen, hören wir von vielen Seiten, leider auch von sogenannten Fachleuten, dass wir sie nun loslassen müssten, dass Rebellion normal sei, dass nun Gleichaltrige wichtiger würden als wir Eltern usw.
Dabei sind unsere Kinder gerade während der Pubertät so sehr auf eine Bindung an uns und den Schutz vor Angriffen und Verletzungen von aussen, den diese bietet, angewiesen. Nur in diesem sicheren «Zuhause» kann ihr Herz weich bleiben, und nur ein weiches Herz kann reifen. So eine sichere Bindung kann kein Gleichaltriges bieten, das ist unsere Aufgabe.
Ich weiss noch gut, wie ich als Jugendliche meinen Eltern mein Herz ausgeschüttet habe, ihnen mein Innerstes anvertraut habe. Heute weiss ich, das war Ausdruck einer tiefen Bindung. Und genau diese tiefe und sichere Bindung hat mich geschützt vor vielen Verletzungen von Gleichaltrigen. Ich habe sie durchaus gespürt, aber die giftigen Pfeile konnten nicht in mein Innerstes vordringen. Und das war der Kontext für Reifung!
Die gute Nachricht ist, es ist nie zu spät! Wir können immer in die Bindung investieren!
Halten wir an unseren Teenagern fest, bieten wir ihnen diese Geborgenheit eines sicheren Hafens, auf das sie reifen und auch in stürmischen Zeiten bestehen können!

 

Talk über das Monatsthema

 

 

Livesendung vom 25. September 2017

 

Hilfe Pubertät

Die Pubertät ist eine Zeit des Umbaus: Es finden hormonelle Veränderungen, aber auch Veränderungen in der Gehirnstruktur statt. Der Ausspruch «Kleine Kinder, kleine Sorgen. Grosse Kinder, grosse Sorgen.» zeigt, dass viele Eltern Angst vor der Pubertät ihrer Kinder haben. Sie fragen sich, ob es etwas gibt, was vorbeugend hilft, und tatsächlich gibt es das: Eine tiefe und starke Bindung zum Kind aufzubauen, legt ein wunderbares Fundament und erleichtert die Phase der Pubertät. Eltern sollten auch im Teenageralter an der Bindung festhalten und ihren Jugendlichen einen sicheren Hafen bieten, wo sie bedingungslos geliebt und angenommen sind. Dadurch bleiben die Herzen der Teenager weich und ungepanzert, was Voraussetzung ist, dass Jugendliche zu einer reifen Persönlichkeit werden können.

Der Volksmeinung entspricht etwa folgende Aussage: «Es ist ganz normal, wenn Jugendliche ausbrechen, wenn Gleichaltrige wichtiger werden als die Eltern und wenn Teenager rebellieren. Du musst einfach während der Pubertät durchhalten, am Ende kommt alles automatisch wieder gut.» Diese Aussage stimmt so nicht. Natürlich gibt es in jeder Familie mal Streit, und selbstverständlich hinterfragen Jugendliche alles und wollen irgendwann selbständig und unabhängig von ihren Eltern sein, aber es gibt einen ganz entscheidenden Unterschied:

  • Sind Teenager nicht an ihre Eltern gebunden, übernehmen die Gleichaltrigen deren Aufgabe. Jugendliche rebellieren dann aus purem Gegenwillen gegen die Eltern. Dies führt zu den klassischen «Pubertätskämpfen». Die Teenager sind aus Prinzip gegenteiliger Meinung wie die Erwachsenen, haben aber eigentlich gar keine eigene Meinung.

  • Jugendliche, die sicher und tief gebunden sind, finden hingegen «sich selbst». Sie stellen alles infrage und probieren etwas aus, weil sie ihre eigenen Meinungen, Wünsche und Ziele fürs Leben finden wollen und sollen. Das ist in Ordnung und dafür brauchen sie Freiraum. Je besser die Bindung ist, desto eher kommen die Teenager «in den sicheren Hafen», um zu erzählen, was sie bewegt und beschäftigt.

    Solche Bindungen schützen vor Angriffen von aussen, aber auch vor Versuchungen von innen. Sicher gebundene Jugendliche müssen nicht alles ausprobieren, weil sie auch den Wunsch spüren, es den Eltern recht zu machen.

Auch wenn Jugendliche bereits gleichaltrigenorientiert sind, ist es nie zu spät. Es ist immer möglich, sich neu in eine Beziehung zu investieren und sich neu dem Kind zuzuwenden. Die Veränderung beginnt immer bei mir als Elternteil, in meinem Herzen. Eine Join-up-Intervention kann ein Anfangspunkt sein. Jugendliche bzw. Menschen generell können sich immer noch weiter entwickeln, sogar im hohen Erwachsenenalter.

 

Fragen und Inputs

Nora: Tochter (13) ist gut gebunden und als einzige nicht im Klassenchat. Deswegen wird sie ausgegrenzt. Würden die Eltern erkennen, wenn diese Belastung zu viel für die Tochter würde?

  • Das ist eine mutige Entscheidung. Um der Gleichaltrigenorientierung vorzubeugen, ist es empfehlenswert, Kinder so spät wie möglich mit Handys, Klassenchats, Internet usw. in Berührung kommen zu lassen. Sie brauchen eine gewisse Reife, um damit umgehen zu können. Kinder geraten dadurch zwar oft ins Abseits und spüren die Ausgrenzung, sind aber durch die Bindung an die Eltern davor geschützt.
  • Wenn die Tochter eine gute Bindung an die Eltern hat, wird sie den Entscheid vermutlich mittragen, und die Eltern würden ganz sicher spüren, wenn die Ausgrenzung für das Kind unerträglich wird.
  • Schwierig wird es, wenn die Bindung nicht so stark ist bzw. wenn das Thema die Beziehung sehr belastet, z. B. weil das Kind bereits gleichaltrigenorientiert ist oder weil das Kind die Entscheidung der Eltern als «feindlich» empfindet. Dann gilt es abzuwägen. In so einer Situation wäre auch denkbar, zusammen mit der Tochter den gesunden Umgang mit dem Klassenchat zu regeln und ihr zu helfen, richtig damit umzugehen: «Ich verstehe, dass das für dich schwierig ist. Ich werde dir helfen...» Zum Beispiel könnte die Jugendliche das Handy um 20:00 oder 21:00 Uhr abgeben. Wichtig ist, dass die Tochter spürt: Meine Eltern sind auf meiner Seite.
  • Beide Wege sind nicht einfach, und es gibt keine allgemein richtige Lösung. Wir können unsere Kinder nicht immer vor allem beschützen. Das Wichtigste ist, die Bindung nicht aufs Spiel zu setzen.

 Joana: Bis jetzt wurde immer gesagt, gute Freunde seien sehr wichtig, weil sich Teenager von ihren Eltern abwenden. Der Sohn ist eher ein Einzelgänger und die Mutter versuchte bis anhin eher, Freundschaften «zu organisieren». Nach dem Infobrief und der Sendung ist sie verunsichert, was jetzt richtig ist.

  • Gegen gute Freunde spricht grundsätzlich nichts. Es ist schön, gute Freunde zu haben. Es ist nur dann etwas gegen Freundschaften einzuwenden, wenn die Freunde die Stelle der Eltern einnehmen. Die Aufgabe der Eltern ist es, ihr Kind bedingungslos anzunehmen und ihm Geborgenheit zu vermitteln, damit es sich gut entwickeln und zu einer reifen und eigenständigen Person werden kann. Gleichaltrige können diese Aufgabe (noch) nicht bzw. nicht über längere Zeit wahrnehmen. Gleichaltrige verletzen sich zwangsläufig immer wieder. Deshalb ist es so wichtig, dass wir als reife Erwachsene die Hauptbezugspersonen unserer Kinder sind.
  • In der Bibel gibt es eine Bibelstelle von blinden Blindenführern. Es ist nicht gut, wenn Blinde Blinde oder eben Unreife Unreife führen. Dies führt unweigerlich zu Verletzungen. Damit Jugendliche das aushalten, müssen sie sich panzern. Genau das passiert bei der Gleichaltrigenorientierung, wenn eine gleichaltrige Person zur wichtigsten Bezugsperson wird. Die Meinung der anderen Jugendlichen wird dann wichtiger als die der Eltern oder der anderen erwachsenen Bezugspersonen. Jugendliche brauchen einerseits Freiheiten, andererseits aber auch ein Zuhause, wo sie sich selbst sein dürfen.
  • Ein Wort zum Thema Lager und Camps: Es spricht grunsätzlich nichts dagegen, Kinder in Lager zu schicken. Die zwei Fragen, die man sich dabei stellen muss: «Ist mein Kind in der Lage, während seiner Abwesenheit an mir festzuhalten und die Trennung während einer Woche zu überbrücken? Gibt es im Lager erwachsene Bezugspersonen, welche wie bei einem Staffellauf den Stab von den Eltern übernehmen, so dass das Kind nicht gezwungen wird, sich an Gleichaltrige zu binden?» Wenn diese beiden Voraussetzungen gegeben sind, kann ein Camp eine sehr wertvolle Erfahrung sein.

Maja: Schon im Infobrief wurde von den Bindungsstufen gesprochen. Worum geht’s da?

  • Vieles, was wir in der Vertrauenspädagogik bewegen, findet seine Parallelen bei Dr. Gordon Neufeld. Er ist ein kanadischer Entwicklungspsychologe und hat sechs Bindungsstufen definiert. Im Idealfall bindet sich ein Kind bis zum Ende seines sechsten Lebensjahres über diese Bindungsstufen an die Eltern. Es kann aber auch viel länger dauern. Je tiefer diese Bindung wird, desto verletzlicher wird sie auch.
  • Wer mehr darüber erfahren möchte, findet weitere Informationen dazu in den Büchern
    - «Unsere Kinder brauchen uns!» von Dr. Gordon Neufeld
    - «Der Neufeld-Ansatz für unsere Kinder» von Dagmar Neubronner
    - «Vertrauen - von Anfang an» von Maria Lüscher und Heinz Etter
    - «Lernen und reifen im Vertrauen» von Heinz Etter

 Nicole: Unser ältester Sohn (16) ist der Gleichaltrigenorientierung erlegen. Er stellt unsere Familienwerte infrage und wertet seine kleineren Brüder verbal ab. Wie kann ich der Gleichaltrigenorientierung entgegenwirken?

  • Eltern müssen der Gleichaltrigenorientierung nicht entgegenwirken, und es ist auch keine Krankheit. Eltern sollten sich darauf konzentrieren, in die Bindung zum Jugendlichen zu investieren und seine Bindungsbedürfnisse zu befriedigen. Wenn Teenager gleichaltrigenorientiert sind, ist es schwierig und braucht Geduld, sie wieder an sich zu binden, aber es ist möglich. Das Ziel wäre, dem Jugendlichen Nähe zu geben. Hilfreich kann es sein, Gemeinsamkeiten zu betonen, an die man anknüpfen kann: z. B. die Vorliebe für einen Fussballverein. Manchmal braucht es einen Einstieg: eine für den Teenie gekochte Mahlzeit oder ein kleines Geschenk, damit der Jugendliche wieder in die Beziehung einsteigen und aufblühen kann.
  • Wichtig ist es auch, auf die Hierarchie zu achten. Eltern sollten in der versorgenden, übergeordneten Rolle zu bleiben und nicht in die hierarchisch untergeordnete Position zu rutschen. Unterordnung bzw. eine Verkehrung der Bedürfnislage würde den Jugendlichen verunsichern. Gute Situationen, um diese versorgende Führungsrolle zu übernehmen, sind diejenigen, wo der Jugendliche die Hilfe der Eltern, z. B. einen Transportdienst, Hilfe bei einer Reparatur oder einem Projekt, braucht.
  • Es kann auch hilfreich sein, Beratung in Anspruch zu nehmen.

Dora: Unser Sohn hat eine leichte autistische Störung. Für ihn sind Freunde kein Thema - er ist lieber alleine oder mit uns Eltern zusammen. Wir haben daher keine Probleme mit der Gleichaltrigenorientierung. Was ihm fehlt, ist die wechselnde Hierarchie. Entweder lehnt er an uns an oder er führt seine Geschwister. Die wechselnde Hierarchie zwischen Gleichaltrigen kann er aber nicht üben.

  • Jede Beziehung ist hierarchisch. Es ist wunderbar, wenn der Junge sich an die Eltern anlehnen und die kleinen Geschwistern führen kann. Kindern mit autistischen Störungen fallen diese «Beziehungstänze» schwer. Was bei uns intiutiv läuft, muss ein autistisches Kind lernen. (Anmerkung Heinz Etter: Selten lässt man ihnen genug Zeit und Raum für die Reifung, dass auch sie die Beziehungsaufnahme von innen heraus leisten könnten.)
  • Kinder mit autistischen Störungen sind oft in einem Gebiet, z. B. in Mathematik, sehr stark. Dadurch kommt der Jugendliche automatisch in die Rolle, wo er z. B. den Eltern etwas erklären kann. Das wäre dann eine wechselnde Hierarchie.
  • Es gibt keinen Grund, sich Sorgen zu machen.

 

 

 

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Info 17-08 "...und nachher fühle ich mich wirklich schlecht"

Gehörst du auch zu den Menschen, die mit sich nicht immer zufrieden sind? Bist du selber dein schärfster Kritiker? Dann bist du nicht allein. Ich höre immer wieder, wie Eltern sich schlecht fühlen, wenn sie «nicht vp» gehandelt haben. Das Forum ist voll von solchen Klagen.
Ich denke, es ist Zeit, dass wir einmal darüber nachdenken, warum so viele Menschen (zu) oft auf der Hut sind, es ja richtig zu machen - manchmal weniger aus Liebe zum Kind, sondern aus Angst, keine gute Mutter, kein guter Vater zu sein. Aus Angst, kritisiert zu werden. Manchmal sind die vermeintlichen Ankläger längst aus deinem Leben verschwunden und du hast dich entschieden, nicht mehr so zu denken und zu handeln wie sie. Was hingegen geblieben ist, ist vielleicht jener ungnädige Blick auf dich selbst.
Ich würde dir wünschen, dass du dich einbeziehst in den Kreis der Menschen, die du liebst, deren guten Willen du anerkennst und auf deren Versagen du mit Barmherzigkeit blickst. Es könnte nämlich sonst geschehen, dass von deinem ganzen Engagement sich vor allem die folgende Schlussfolgerung in deinen Kindern festsetzt: «Egal, wie man sich Mühe gibt, es reicht doch nie. Man muss sich immer schämen, dass man nicht perfekt ist.» Oder aber sie verwerfen alle Selbstkritik in Bausch und Bogen. (Das wäre dann die spiegelbildliche Kooperation.)
Dass wir uns recht verstehen: Ich bin nicht gegen das kritische Reflektieren des eigenen Tuns, aber es muss im Geist der Wertschätzung geschehen. Nicht mit dem Ziel, so einer drohenden Kritik zuvorzukommen.
Die Liebe gedeiht dort, wo Vertrauen herrscht, statt Angst. Das gilt in hohem Masse auch im Umgang mit sich selbst. Wie heisst es so schön? Hinfallen, aufstehen, die Krone richten - und weitergehen.

Talk über das Monatsthema

Livesendung vom 28. August 2017

    • Leidensdruck der Eltern, die sich sehr engagieren und sich grosse Mühe geben: Sie beklagen sich, dass sie in alte Muster zurückfallen. Ab einem gewissen Grad ist das an sich ein Problem, sich ständig selber anzuklagen.
    • Kinder sollen an Eltern aufschauen können. Dann fühlen sie sich geborgen und sicher. Dann können sie reifen. Das hat viel mit Hierarchie zu tun.
    • Sehr wichtig, dass die Hierarchie stimmt, und Kinder zu den Eltern hochschauen und sich gut dabei fühlen, nicht unterdrückt. Sie fühlen sich gut, wenn sie Eltern nachfolgen dürfen.
    • Aber wenn Eltern sich ständig kritisieren, dann ist es sehr schwierig für das Kind. Das Kind erträgt das nicht.
    • Es ist okay, wenn sich Eltern bei den Kinder entschuldigen - aber bei einem bestimmten Alter ist das kontraproduktiv.
    • Z. B. sich bei einem 3-Jährigen zu entschuldigen, hilft dem Kleinen nicht. Es wäre für das Kind besser, wenn du als Elternteil mit deiner Schuld zu jemand anderem gehen würdest. Es reicht, wenn man dem Kind z. B. sagt: «Ja, da war ich jetzt sehr streng.»
    • Wir sind die Antwort, wenn die Kinder zu uns aufschauen.
    • Wenn man es immer richtig machen will, dann kommt man in einen Stress. Kinder wollen zu jemandem aufschauen können, der es im Griff hat.
    • Es geht nicht darum, mein Verhalten als Eltern zu ändern, sondern unsere Gesinnung. Es geht von innen nach aussen.
    • Wenn man sich vorgefertigte Reaktionen/ Rezeptur aneignen möchte, aber nicht konsequent reagiert, dann fühlt man sich immer wieder als Versager.
    • Das Ziel ist nicht die Reaktionen zu überlegen, sondern den «Spirit» zu verinnerlichen. Es muss ins Herz gehen - unsere Handlungen zu überdenken, unser Kind anders zu sehen, unser Kind anders zu lesen - von innen heraus.
    • Es gibt nichts Schlimmeres als Eltern, die immer «wie auf Eiern» gehen aus Angst etwas Falsches zu machen.
    • Die Kinder brauchen uns Eltern, wir nicht unbedingt die Kinder.
    • Wenn das Kind seine Komfortzone nicht verlassen will, dann später nachfragen. Auch wir als Eltern haben manchmal Mühe, die Komfortzone zu verlassen.
    • Heinz stellte das Konzept vom Join-up-Gitter vor. Das ist ein neues Tool. Kurs: Kommunikation im Join-up.
    • Wir sollten als Eltern den Mut haben, klare Ansagen zu machen. Wir sind nicht abhängig von wohlwollenden Reaktionen von den Kindern. Oft so angstvolle Stimme als Eltern: «Könntest du bitte mir folgen?»
    • Eltern haben häufig das Gefühl, dass sie ausgenutzt werden. Darum dem Kind klar sagen, was wir von ihnen wollen.
    • Die Kinder auch echt nachfragen, z. B. «Warum konntest du heute Mittag nicht folgen?» So spürt das Kind, dass wir es ernst nehmen und aber auch erwarten, dass es gehorsam ist. Dürfen nicht aus einer Niederlage heraus gehorsam sein. Kinder sollten sich als Überwinder fühlen.
    • Oder z. B. fragen: Warum willst du den Tisch nicht decken? Möchtest du lieber in der Pfanne rühren? Kinder wollen oft etwas «Richtiges» machen - z. B. lieber Traktor fahren und nicht mit dem Rechen hinterher rechen. Kinder wollen die anspruchsvollen Arbeiten erledigen.
    • Richtig machen: Zwei Varianten:
      1. Aus Liebe zu meinem Kind (positive Motivation)
      2. Es gibt eine Motivation, es richtig machen zu MÜSSEN. Diese zweite Motivation ist keine gute Variante.
      Wir müssen versuchen, unsere inneren Ankläger abzuschütteln. Mit sich selber vertrauenspädagogisch umgehen. Niemand muss es immer richtig machen und perfekt sein. Aus Liebe handeln. Gnädig mit sich selber sein.
    • Wenn zwei Kinder streiten. Reaktion der Eltern sollte im Hinterkopf die Hierarchie im Blick haben. Kinder können ihre Probleme selber lösen. Aber wir Eltern können das oft nicht aushalten. Wenn der Ältere nicht im «Fürsorgemodus» ist, sondern im «Herrschermodus», dann können wir als Eltern auch eingreifen. Wichtig ist aber einzugreifen, bevor man wütend ist. Vielleicht den Älteren auch alleine kurz zur Seite nehmen und ihn coachen - aber es wäre gut, wenn er das Problem selber lösen könnte.

 

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Info 17-07 "Wer hat das Sagen, wenn wir bei den Eltern sind?"

Ich hoffe, du weisst noch, dass es bei der Vertrauenspädagogik nicht darum geht, welche Haltungen «richtig» und welche «falsch» sind. Es geht vielmehr darum, auf welche Weise wir unsere Kinder prägen sollen und dürfen. Dennoch lohnt es sich darüber nachzudenken, wie die Hierarchien laufen, wenn du mit deinen Kindern in deinem Elternhaus oder im Haus deiner Schwiegereltern bist. Wie soll ein Kind das sehen dürfen? Soll es dich als oberste Autorität wahrnehmen oder deine Mutter? Hier gibt es erfahrungsgemäss viele Missverständnisse. Vor allem dann, wenn bei dir Autorität immer noch etwas mit Mehrwert oder Minderwert zu tun hat.
Welcher der beiden folgenden schwiegermütterlichen Gedanken gefällt dir besser?
  • «Sie soll selber zu ihren Kindern schauen! Ich sage da gar nichts, aber ich denke mir meinen Teil!»
  • «Ich gebe hier meinen Tarif durch, wie ich es immer gemacht habe. Meine Schwiegertochter kann sich ja wehren, wenn es ihr nicht passt.»
Wenn es dir geht wie mir, dann findest auch du beide nicht unbedingt friedensstiftend. Dennoch gefällt mir der zweite besser. Schön wäre es, wenn man darüber offen sprechen könnte. Bei Töchtern ist es einfacher, hier stimmt die gefühlte Hierarchie eher überein.
Ich schlage vor, dass wir als Eltern unseren Kindern nie besser vorleben können, was es heisst, die Eltern zu ehren, als durch die Art, wie wir selber unsere Eltern ehren. Das kann dann etwa so tönen:
«Mein Papa mag es nicht, wenn jemand anders am Tisch ein Gespräch beginnt, wenn gerade eines am Laufen ist. Also wollen wir das respektieren. Wenn er euch abstellt, dann nehmt es ihm nicht krumm. Er liebt euch, auch wenn er mal zornig wird.» (Dass es hier natürlich Grenzen gibt, brauche ich wohl nicht zu erwähnen.)
Wenn du in einer solchen Situation deine Kinder verteidigst, zum Beispiel sagst: «Er hat gemeint, wir seien fertig mit dem Gespräch!», dann meinst du vielleicht im Grunde:
«Papa, du kannst dich nicht in Kinder einfühlen! Du hast kein Verständnis für Kinder! Du bist kleinlich!» Vielleicht hast du das damals als Kind schon deshalb gedacht, weil deine Mutter dich so in Schutz genommen hat, wie du es eben getan hast.
Kinder vertragen gut mehrere Erziehungsstile und deine Autorität ist in keiner Weise in Gefahr, wenn du dich im Hause deiner Eltern weiterhin an ihre Anweisungen hältst - im Gegenteil: Du ehrst sie damit und hilfst deinen Kindern, dich in gleicher Weise zu ehren.
 
Livesendung vom 31. Juli 2017
 

Fragen und Inputs

  • Wie ist das Infobriefthema zu verstehen? Sind Grosseltern gegenüber den Eltern generell im Alpha oder handelt es sich um eine situative Hierarchie, die sich ändert, sobald die Grosseltern ihre Kinder und Enkel besuchen?
    Es handelt sich ganz klar um eine situative Hierarchie, weil die Eltern mit ihren Kindern bei den Grosseltern zu Besuch sind. Ich würde vorschlagen, dass die Regeln der Grosseltern aber auch gelten, wenn sie die Kinder alleine im Elternhaus betreuen. Sobald die Eltern zurückkehren, werden die Grosseltern zu Gästen und die Eltern übernehmen das Alpha wieder. Empfehlenswert ist es, solche Situationen zu klären und im Vorfeld darüber zu sprechen.

  • Die Enkel werden während der Arbeitszeit der Mutter von den Grosseltern betreut. Wenn die Mutter die Kinder abholt, hat sie anfangs jeweils keinen Einfluss auf die Kinder. Ihre Anweisungen werden ignoriert. Erst, wenn wieder alle zu Hause sind, kann die Mutter das Zepter wieder übernehmen. Die Mutter hat mit den Grosseltern vereinbart, dass die Oma die Führung bis zum Aufbruch behält: «Jetzt ziehen wir die Schuhe an und dann...» Ist das eine gute Lösung?
    Solche Übergänge sind typischerweise problematisch und für kleine Kinder schwierig, weil sie nicht gleichzeitig zu zwei Personen eine direkte Bindung aufrechterhalten können. Wenn die Mutter nach dem Arbeitstag eintrifft, halten die Kinder an der Bindung zur Grossmutter fest - sie ist dann die primäre Bezugsperson.
    Die Vereinbarung, dass die Grossmutter bis zum Aufbruch im Alpha bleibt, ist gut. Hilfreich ist es, wenn solche Übergänge generell «kurz und schmerzlos» gehalten werden, auch wenn man das vielfach eigentlich nicht möchte. Sobald der Entscheid zum Aufbruch gefällt ist, ist es wichtig, dass die Grossmutter mitzieht. Noch besser geht es, wenn die Kinder schon auf die Übergabe vorbereitet werden, bevor die Mutter kommt: «Bald kommt eure Mami. Wir ziehen jetzt schon die Schuhe an...» Hilfreich ist auch - wie immer - wenn die Kinder wissen, dass die Mutter und die Grosseltern einander vertrauen.

  • Wie kommt es, dass Kinder nach einer Rückkehr von den Grosseltern, nach einem besonderen Tag oder auch nach einem Schulanlass meistens so frustriert und «geladen» sind?
    Eine Rückkehr ist immer auch eine Trennungserfahrung. Die Kinder halten innerlich noch an der anderen Bezugsperson fest. Nach Schulanlässen könnte auch die Gleichaltrigenorientierung mitspielen. Das muss aber nicht zwingend so ablaufen.

  • Könnte es sein, dass die Kinder tatsächlich frustriert sind, weil der schöne Tag oder auch das Verwöhnen durch die Grosseltern ein Ende hat? Die Grossmutter bekocht die Enkel nach Wunsch, die Mutter kocht, ohne die Kinder nach ihren Wünschen zu fragen. Bei der Grossmutter dürfen die Enkel ohne Grenzen fernsehen, zu Hause wird die Zeit eingeschränkt usw.
    Möglicherweise sind die Kinder deswegen frustriert. Es könnte aber auch sein, dass sie die Unsicherheit der Mutter spüren. Vielleicht hat sie ein latent schlechtes Gewissen, weil sie den Kindern nicht in gleichem Mass entgegenkommt wie die Grossmutter. Vielleicht hat sie auch Angst, weniger geliebt zu werden, wenn sie streng führt.

  • Die Mutter konnte als Kind erleben, welche negativen Folgen ein Laisser-faire-Erziehungsstil haben kann. Sie und ihre Geschwister rebellierten in der Pubertät stark gegen die Eltern. Deshalb entschied sie sich bewusst, die Kinder klarer zu führen und konsequenter zu erziehen.
    Es ist wichtig, vom eigenen Erziehungsstil überzeugt zu sein. Es ist aber auch hilfreich sich zu hinterfragen: «Wie direktiv bin ich? Wie viel Spielraum lasse ich meinen Kindern?»

    Als mögliche Entlastung wäre auch denkbar, dem Kind nach der Rückkehr einen «Oma-Style-Tag» zu gewähren. An diesem Tag könnte man sich ganz bewusst auf die Bindung statt auf das Verhalten konzentrieren. Auch wenn man vom Führungsstil der Grosseltern nicht überzeugt ist, sollte man die Autorität von Oma und Opa nicht untergraben: «Weisst du, Menschen sind verschieden und gehen verschieden miteinander um. Damit dir die Umstellung ein bisschen leichter fällt, handhaben wir es heute so wie bei der Grossmutter. Ab morgen gelten wieder unsere Regeln.» Wenn die Beziehung stimmt, muss man kaum Angst haben, dass einem die Kinder entgleiten könnten. Kinder sind von Natur aus stark an die Eltern gebunden.


    Ein wichtiger Schlüssel ist, wie das älteste Kind funktioniert. Wenn das Älteste vertrauenspädagogisch gehorcht und führt, fungiert es in dieser Stellung als Assistent der Eltern.

  • Was kann man unternehmen, wenn das älteste Kind nicht vertrauenspädagogisch führt, obwohl man es coacht und obwohl man selbst ein Vorbild gibt?
    Möglicherweise folgt das Kind einem anderen Vorbild.

 
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Info 17-06 "Aufschauen"

Gehörst du auch zu den Menschen, die sich ständig überlegen, ob sie auch alles richtig machen mit ihren Kindern? Die sich ständig hinterfragen und sich häufig bei ihren Kindern entschuldigen, wenn sie zum Schluss kommen, dass nicht alles korrekt war?

Wenn du diese Haltung im Umgang mit deiner Partnerin oder deinem Partner hast, dann mag das edel sein, solange du es nicht übertreibst.

Kinder hingegen haben ein anderes Bedürfnis. Sie wollen zu dir aufschauen, wollen glauben, dass du die beste Mami, der beste und erst noch stärkste Papi bist. Sie wollen zu dir aufschauen dürfen. Nur so fühlt sich Gehorsam gut an, nur so sind deine Ermutigungen wertvoll und deine Ermahnungen relevant.

Sei vielleicht ein bisschen weniger selbstkritisch, ein bisschen gnädiger und lockerer mit dir selber, ein bisschen entspannter. So fällt es deinen Kindern leichter zu dir aufzuschauen. Ja, und vielleicht solltest du selber zu jemandem aufschauen, der dich liebt und ein ganzes Ja zu dir hat.

Und vergiss eines nicht: Es geht Kindern selten besser als ihren Eltern. 

 

Livesendung vom 26. Juni 2017

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Info 17-05 "Teenies brauchen nicht weniger Bindung, sondern eine andere"

Viele Menschen denken, dass sich Teenager von ihren Eltern lösen müssen, um selbständig und erwachsen zu werden. Das ist etwa ähnlich, wie wenn man einen Baum aus der Erde zieht, damit er ja eine schöne Höhe erreicht. Nein, je tiefer unsere Kinder in ihrer Familie verwurzelt sind, desto mutiger werden sie sich aufmachen, sich selber zu werden.
Viele Jugendliche, die sich von den Eltern lösen, werden weder freier noch selbständiger, sondern sie geraten in die Abhängigkeit von den Meinungen der Gleichaltrigen und fühlen sich auch gedrängt, Zeitplan, Freizeitaktivität und Vorlieben den Gleichaltrigen anzupassen bzw. anzugleichen.
Je mehr Jugendliche sich in einer tiefen und deshalb freilassenden Beziehung mit ihrer Familie verbunden fühlen, desto weniger verlieren sie sich selbst und ihre Identität, wenn sie sich aufmachen, Freundschaften zu schliessen und sich Vereinen und Gruppen anzuschliessen.
Was zeichnet diese tiefen Beziehungen aus? Sie tragen nicht nur dem Bedürfnis der Jugendlichen Rechnung, sich selber ans Steuerrad ihres Lebens zu setzen, sondern sie rechnen auch damit, dass Jugendliche dennoch Schutz, Nähe und Zärtlichkeit brauchen und viel Vertrauen in ihren guten Willen. Und wenn sie das Vertrauen nicht verdienen? Dann gilt das alles umso mehr!
Diese Gedanken haben uns an der Frühlingstagung beschäftigt. Daneben haben wir auch dem Begriff «Safer Sex» eine erweiterte Bedeutung gegeben. Nicht nur unser Körper soll ja sicher sein, auch unser Herz.

Talk über das Monatsthema

 

Livesendung vom 29. Mai 2017

Teenies brauchen nicht weniger Bindung, sondern eine andere

  • Die Adoleszenz ist eine Zeit der Umwandlung vom Kind zum Erwachsenen.
  • Das Kind nimmt diese Transformation in sich wahr. Es gehört zum Wesen dieser Umwandlungszeit, dass Teenager manchmal fast schon erwachsen sind und manchmal wieder Kind. Ihre Selbstsicht, ihre Identität, ihr Selbstwert ist immer wieder verändert - und das ist für das Kind bzw. den Teenager und für uns nicht so einfach.
  • Kinder sollten in dieser Zeit nicht vermehrt Abneigung, sondern vermehrt unsere Nähe und Zuneigung spüren. Sie brauchen es in dieser Zeit genauso wie früher. Ein Teenager braucht weniger unsere Kritik, sondern Zuwendung und Zuspruch.
  • Zärtlichkeit in dieser Zeit ist wichtig. Das hat sich verändert zu früher. Früher wollten die Teenager gar keine Zärtlichkeit.
  • So wie es im Natürlichen eine Veränderung vom Kind zum Erwachsenen gibt, so gibt es diese auch im geistlichen Bereich. Jesus ging seinen Jüngern voran und diese folgten ihm. Danach gab Jesus ihnen Autorität und sandte sie aus. In dieser Lehrzeit mussten sie es selber tun, wurden durch Jesus aber noch betreut. Dann, als Jesus in den Himmel zurückkehrte, gab er ihnen einen Auftrag und die Rollen veränderten sich. Genauso ist es bei den Eltern und Kindern. Am Anfang gehen wir ihnen voran, danach (wenn sie Teenager sind) lassen wir sie los, sind aber noch da. Wir ermächtigen unsere Kinder bzw. «senden sie aus», auch wenn wir wissen, dass sie noch nicht alles können.

 

Fragen und Inputs

  • Die Freundin vom Sohn hat Schluss gemacht. Wie geht sie als Mutter damit um?
    Sie kann nicht mehr tun, als ihm das Angebot zu machen, dass sie da ist. Innere Haltung: Ich traue meinen Sohn zu, dass er mit diesem Verlust, dieser Frustration klarkommt. Vielleicht den Sohn nach einem Monat fragen, wie es ihm geht.
  • Was ist mit der erweiterten Bedeutung von Safer Sex gemeint?
    Viele Eltern haben Sorgen, dass ihr Kind zu früh ein eigenes Kind bekommt, oder Angst vor Aids. Es gibt aber auch die seelische Dimension, wo ein Kind vielleicht noch mehr verletzt werden kann. Durch die Pille hatten früher viele Teenager das Gefühl, dadurch wären sie geschützt. Warum ist das so tragisch, wenn Teenager mit verschiedenen Partnern schlafen? In dem Moment wo man mit jemandem schläft, sollte man auch die innerlichen Hüllen fallen lassen können. Sex verbindet mehr, als viele meinen. Sex ist wie Sekundenkleber. Jungs gehen viel gepanzerter in solche Situation hinein, Mädchen weniger. Darum sind Mädchen häufig verletzter. Wenn man die Sexualität nicht im geschützten Rahmen erleben kann, ist das gefährlich.
  • Zärtlichkeit zwischen Kleinkindern und Eltern gilt als normal. Bei Teenagern hat man das Gefühl, das passe nicht. Wenn aber die Beziehung in Ordnung ist, wie können Eltern Körperkontakt bzw. Nähe geben?
    Stundenlange Diskussionen mit Kindern können ein Gefühl der Nähe geben. Das zeigt, dass die Eltern die Kinder ernst nehmen und sich Zeit für sie nehmen. Auch das Fernsehsofa ist ein guter Ort für körperliche Nähe zwischen Kindern und Eltern. Auch wir Eltern müssen unsere eigenen Grenzen spüren. Wenn das Kind sich uns in erotischer Weise nähert und wir uns nicht wohlfühlen, dann müssen wir es nicht abstellen, aber verändern.
  • Was ist mit «Fusion» gemeint?
    Wenn ein Jugendlicher zu früh ein Erwachsener sein muss, dann lebt er zwar in der Erwachsenenwelt, aber weiss noch nicht, wer er ist - die Reife fehlt. Wenn die Reife fehlt und man eine Beziehung startet, dann ist es schwer, den Platz in der Beziehung einzunehmen. Wenn ein Jugendlicher reif genug ist, dann weiss er, wer er ist. Wenn er so in eine Beziehung startet, dann muss er sich nicht unnatürlich dem Partner anpassen. Ein Angleichen ist okay, das passiert automatisch - aus Liebe zueinander.
    Die Jugendlichen brauchen ein sicheres Umfeld, wo sie sich getrauen, sich zu entfalten. Ein Teenager sollte sich auf keinen Fall von den Eltern freistrampeln, um alles von den Gleichaltrigen zu übernehmen und deren Einfluss ausgeliefert zu sein. Was können wir Eltern tun? Wir können es ihnen ermöglichen, dass sie in Freiheit erwachsen werden, weil wir sie aussenden, weil wir sie ernst nehmen, weil wir ein Gegenüber sind, das lebt und auf positive liebende Art - wenn nötig - Widerstand leistet.
  • Eine Tochter braucht viel Nähe, die andere weniger. Ist das ein Ausdruck der Beziehung oder gibt es Menschen, die einfach weniger Nähe brauchen?
    Die Liebessprache ist nicht bei allen gleich. Es kann aber auch sein, dass es Ausdruck einer gewissen Distanziertheit ist. Vielleicht liegt ihr das nicht gleich wie der anderen Tochter. Eine andere Form der Nähe zu finden, vielleicht durch Geschenke, Anteilnahme, das Anbieten kleiner, nicht eingeforderter Dienste. Wir sollten den Kindern unsere Liebesdienste schenken, ohne dass die Teens sie einfordern müssen (meistens passiert das dann eher auf schroffe Art).
  • Wie können wir die Nähe zu den Teenagern fördern, ohne sie zu nerven?
    Teenager gehen ganz unterschiedlich mit Zärtlichkeit um. Eine neutrale Form von Körperkontakt ist zum Beispiel das Kräftemessen mit den Eltern (ohne Streit). Man kann sie z. B. spielerisch in der Gegend herumschieben. Gleichzeitig sollten die Eltern den Kindern die Freiheit schenken, die sie brauchen, und sich dabei bewusst sein, dass es ein Stück weit normal ist, wenn das Kind z. B. gerne lange im Zimmer ist. Man kann auch mit dem Kind darüber sprechen, dass man es gerne umarmen würde. Das ist eine zärtliche Aussage. Und vielleicht sagen die Jugendlichen: «Ja, ist okay, einfach nicht vor Kollegen.» Die heutigen Teenager sind viel offener im Umgang mit diesem Thema wie früher, auch untereinander.
  • Könnte das Suchen nach Nähe einer Dreizehnjährigen auf eine unsichere Bindung zurückgeführt werden?
    Ja, es ist zwar seltener bei Jugendlichen. Jede Suche nach Nähe kann die Wurzel darin haben, dass das Kind sich nicht so sicher ist und dauernd die Bestätigung sucht. Aber meist ist es ganz normal und schön, wenn Jugendliche die Nähe der Eltern suchen.
  • Man sollte die Bedürfnisse von Kindern und Eltern gut auseinanderhalten.
    Eltern dürften zeigen, dass sie auch gerne einmal ihre Kinder umarmen wollen. Mein Kind darf spüren, dass ich selber Freude habe an einer Umarmung vom Kind. Ich muss nicht nur umarmen, weil es dem Kind guttut, sondern auch den Eltern - natürlich, ohne dem Kind zu nahe zu treten. Die Volksmeinung ist, dass die Teenager keine Zärtlichkeit wollen, deshalb geben wir sie ihnen nicht. Diese Meinung ist aber falsch.

 

 

 

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Info 17-04 "Komfortzone verlassen"

«Philipp, ich möchte, dass du die Spielsachen im Wohnzimmer aufräumst!» - «Wieso ich? Lara hat mit diesen Sachen gespielt.» Vielleicht kennst du diese und ähnliche Situationen, in denen Kinder nicht bereit sind, eine Aufgabe für andere zu übernehmen oder Verantwortung für andere zu tragen. Vielleicht geht die Geschichte so weiter: Philipp gehorcht zwar widerwillig, schleudert die Spielsachen seiner kleinen Schwester aber achtlos und unsortiert in eine grosse Kiste. Einzelne Teile zerbrechen oder verbiegen und alles landet irgendwo im Kinderzimmer anstatt am richtigen Ort.

«Was ist daran falsch», wirst du vielleicht denken, «wenn jeder in der Familie Verantwortung für seine eigenen Sachen übernimmt?» Im normalen Leben ist es doch auch so. Wer die Küche benutzt, räumt sie nachher auf. Wer einem Mitmenschen den Kaffee über das teure Jackett leert, bezahlt die Reinigung. Wer einen Unfall verursacht, kommt für den Schaden auf. So ist das Gesetz!

Es gibt aber weit Grösseres als das Gesetz. Jesus hat es uns vorgelebt. Er, der König der Welt, kam, um uns Menschen ohne Eigennutz zu dienen. Wie können wir unseren Kindern helfen, ihm ähnlich zu werden? Wie können wir ihnen Werte wie Liebe, Selbstlosigkeit, Hilfsbereitschaft und Verantwortungsbewusstsein vermitteln? Wie können wir ihnen helfen, das freudlose «Verursacherprinzip» zu überwinden?

Zum einen haben Kinder ein Recht darauf, dass wir ihnen etwas zutrauen und zumuten. Sie dürfen und sollen die «Komfortzone verlassen». Zum zweiten haben Kinder - wie auch wir Erwachsenen - jeden Tag neu die Wahl, wie sie ihr Leben in den Dienst anderer stellen wollen: mit ständigem Jammern und dem stetigen Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, oder mit einem Gefühl der Freude. Ich wünsche uns allen, dass wir uns für die Freude entscheiden!

Talk über das Monatsthema

 

Livesendung vom 24. April 2017

Komfortzone verlassen

  • Es gibt Situationen, in denen wir als Eltern den Kindern Anweisungen geben oder sie bitten: «Könntest du bitte den Tisch decken?» und ein Widerwille vonseiten der Kinder kommt zurück.
  • Wie gehen wir als Eltern mit Widerwille um?
  • Als Eltern erledigen wir viele Arbeiten, welche wir wegen der Kinder tun müssen - sie haben z. B. die Unordnung verursacht - und das kann uns frustrieren.
  • Teilweise haben wir das Gefühl, dass wir den Kindern nicht zu viel zumuten dürfen und wollen ihnen Freiheit geben.
  • Wir haben oft Hemmungen, unsere Kinder einzubeziehen und ihnen eine Aufgabe zu geben, die sie erledigen können.
  • Wo fängt der Bereich an, wo das Kind die Komfortzone verlassen soll, wenn es eben eine Arbeit tun sollte, die ihm keinen Spass macht?
  • Wir müssen uns häufig selber dazu entscheiden, gewisse Arbeiten gerne zu erledigen. Denn wenn wir das nicht schaffen und auch unsere Kinder nicht, dann ist es schwierig, Dinge, die einfach zum Alltag dazugehören, zu erledigen. Dann haben wir ein Leben, wo wir ständig Dinge erledigen müssen, die wir nicht gerne machen.
  • Die Entscheidung, die Arbeit gerne zu machen, weil sie einfach zum Leben gehört, ist wichtig.
  • Wenn wir es schaffen, unseren Kindern zu vermitteln, dass sie ein Teil des Kollektivs bzw. der Familie sind und nicht einfach ein Gast oder Zuschauer, dass sie gebraucht werden, dann haben wir viel erreicht.
  • Wenn Kinder die Gemeinschaft spüren und wir ihnen Aufgaben anvertrauen, die sie auch erledigen können, dann erleben sie, dass sie ein Teil der Familie und wichtig für die Familie sind.

 

Fragen und Inputs

  • Wie findet man die Balance zwischen Dem-anderen-Dienen und Sich-selber-nicht-Vergessen?
    Jeder muss sich in der Familie wohlfühlen. Jeder hat aber auch seine Grenzen. Gerade als Eltern verzichten wir auf vieles und haben ein bisschen den Dienstmodus. Ich kann dem anderen keinen guten Dienst erweisen, wenn ich nicht auch zu mir schaue. Das müssen wir auch bei den Kindern beachten. Aber es gibt Raum, wo es jedem wohl sein muss. Wenn alle die Freiheit haben, zu tun und machen, was sie wollen, dann kann ich als Elternteil frustriert oder sogar gekränkt sein, es kann mir zu viel werden. Auch wir als Eltern brauchen Balance. Es geht nicht um Druck ausüben, sondern darum, ein Gefühl von Kollektiv weiterzugeben. Man kann nicht immer Spass haben bei allen Aufgaben, dann wird es schwierig, vielleicht auch später in der Arbeitswelt.
  • Teenager macht Aufgaben «oberschludrig». Wie kann man damit umgehen?
    Diese Thematik kommt ja häufig auch bei Kleinkindern vor. Was ist uns als Eltern wichtig? Die Schule nimmt einen wichtigen Platz ein. Die Eltern spüren Druck und geben ihn auch den Kindern weiter. Der Schuldruck kommt häufig nicht von den Lehrern, sondern vor allem von den Eltern. Den Eltern ist oft die Schule sehr wichtig. Sie wollen, dass die Kinder die Hausaufgaben erledigen. Und wenn dann das Kind kommt und sagt: «Oh, ich kann nicht helfen, ich muss noch Hausaufgaben erledigen!», dann kommen wir dem Kind oft entgegen und es entkommt der Aufgabe. Die Kinder nutzen das auch schnell aus, und so entkommen sie Aufgaben, die ihnen nicht besonders Spass machen. Hier müssen wir als Eltern überlegen, was uns wichtig ist. Was wollen wir unseren Kindern vermitteln? Wichtig ist, dass das Kind weiss, dass es ein Teil der Familie ist und es seinen Teil beiträgt. Es ist nicht nur Gast und alle anderen kümmern sich darum, dass es dem Kind gut geht. Wir wollen Kinder, die Verantwortung übernehmen können und fähig sind, auch Verantwortung für andere zu übernehmen. Wir sind es den Kindern schuldig, sie an Arbeiten heranzuführen, die sie ein Stück weit freiwillig und gerne machen, weil sie ein Teil der Familie sind und es zu einer Selbstverständlichkeit wird, dass jeder seinen Beitrag leistet. Es darf nicht demütigend sein. Wenn etwas «oberschludrig» gemacht wird, dann ist es meistens so, weil es eben gemacht werden muss, und nicht, weil es das Kind machen will, weil es sich als Teil des Ganzen sieht. Es geht dann einfach um Gehorsam. Wir sollen den Kindern zeigen, dass es schön ist, etwas miteinander zu machen. Es ist keine Strafe, sondern es ist schön, etwas zusammen zu erledigen und es gerne zu machen. Es wäre eine Illusion, dass es immer harmonisch und schön ist, aber das Ziel sollte sein, als Familie eine gute Zeit zu haben - auch bei Arbeiten, die weniger toll sind.
  • Macht es Sinn, einem Vierjährigen ein Ämtli zu übergeben? Oder ist das zu früh?
    Für ein vierjähriges Kind ist es noch schwierig, ein selbständiges Ämtli auszuführen. Es kann die Verantwortung dafür noch nicht tragen. Aber das Kind kann gut mit den Eltern zusammen Aufgaben erledigen. Dann kann man dem Kind punktuell Aufgaben geben.
  • Als Eltern sind wir ein grosses Vorbild, wie wir mit Aufgaben umgehen. Wie gehe ich mit meinen Aufgaben um? Was gebe ich meinen Kindern weiter? Wie sinnvoll sehen wir unsere Aufgaben? Jesus hat all seine Aufgaben aus Überzeugung gemacht. Was macht wirklich Sinn? In welchen Aufgaben können wir auch aufgehen? Welche Aufgaben machen wir aus Überzeugung?

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Info 17-03 "Zwei Nabelschnüre"

Die erste der beiden schneiden wir heutzutage eher zu früh als zu spät durch. Aber es gibt da eine zweite, eine mentale, die sich manchmal zwischen Eltern und Kind einrichtet, die so eigentlich nicht gedacht ist. Naturgemäss geht es meist um die Mutter-Kind-Beziehung. Oft ist diese Beziehung so intensiv und eng, dass Mütter Schmerzen, Ängste und Freuden ihrer Kinder fast so wahrnehmen, als wären es ihre eigenen. Das ist nicht unproblematisch, denn Kinder sollten in ihren Eltern eigentlich ein Korrektiv haben für ihre eigene Wahrnehmung, jemanden, der den Überblick hat und die Dinge einordnen kann. Viele Kinder spüren aber anstatt dessen die Resonanz ihrer eigenen Gefühle. Ihre Wut auf den Lehrer überträgt sich auf die Eltern, ihre Sorge um die Anerkennung in der Klasse ebenso und manchmal sogar der Liebeskummer.
Kinder haben ein Recht auf ihre eigenen Probleme und auf Eltern, die wie Felsen in der Brandung sind und die nicht mit ihnen in den Problemen untergehen.

Talk über das Monatsthema

 

Livesendung vom 27. März 2017

 

Zwei Nabelschnüre

Viele Eltern - besonders Mütter - verschmelzen mit den Emotionen und Gefühlen ihrer Kinder. Leiden die Kinder, leiden die Mütter in gleicher Weise mit. Das Gefühl des Kindes spiegelt sich in der Mutter und umgekehrt - es schaukelt sich auf.

Natürlich ist es unsere Aufgabe als Eltern, empathisch zu sein, das Gefühl der Kinder zu sehen und zu benennen - Kinder haben ein Recht auf ihre eigene Schwarz-Weiss-Betrachtung - aber wir sollten nicht selber von diesem Gefühl überwältigt werden.

Wir haben die Möglichkeit, andere Aspekte und Ansichten miteinzubeziehen. Wir sehen, wie die Lehrperson oder die Schulkameraden die Situation gesehen haben könnten. So können wir einem Kind helfen (zum Beispiel durch Fragen), das Geschehen richtig einzuordnen, wir können ihm Orientierung geben in einer schwierigen Welt und es trösten.

 

Diese Gedanken lassen sich gut auf die Beziehung zu Gott übertragen: Natürlich nimmt Gott Anteil an meinem Leben, aber er ist nicht Teil meines Problems. Er steht über der Sache, behält den Überblick und ist nicht selbst überfordert. Bei der Beziehung zwischen Eltern und Kindern ist es genau gleich. Die Kinder sollen spüren: Die Eltern verstehen mein Problem, aber werden deswegen nicht aus der Bahn geworfen.

 

Nächsten Monat werden wir eine im Grunde ähnliche Thematik behandeln: Viele Eltern bringen es nicht über sich, Kinder «aus der Komfortzone zu schicken», weil sie selbst leiden, wenn das Kind leidet.

 

Fragen und Inputs

Denise: Sie reagiert selbst stark auf mobbingähnliche Szenen, obwohl sie sich zwischen fremden Menschen abspielen. Dies hat einen Zusammenhang mit ihrer eigenen Geschichte. Sie erlebt eine Art Wiederholung mit. Je besser sie die eigene Geschichte aufgearbeitet hat, desto besser kann sie in ähnlichen Situationen reagieren. Müssten erwachsene Personen nicht reagieren anstatt nur zuzusehen?

  • Empathie hat den Sinn, dass wir mit anderen Menschen mitfühlen können. Das ist etwas sehr Schönes und soll nicht angeprangert werden - im Gegenteil. Es gilt, mitzuschwingen und gleichzeitig unsere integrativen Funktionen zu behalten und auch andere Aspekte noch einbeziehen zu können: Was geht in den Kindern vor, die andere mobben usw.
  • Als ehemals Betroffene läuft man Gefahr, dass die eigenen alten Schmerzen auftauchen, dass man sich in der eigenen Geschichte wiederfindet. Aber wir Erwachsenen sollten vor allem die Emotionen der Kinder aufnehmen, spiegeln, den Kindern helfen, sie einzusortieren und damit umzugehen. Wenn die eigenen Gefühle aus der Erinnerung hochkommen, kann ich das nicht. Dann schaukeln sich die Gefühle - im Sinne der Resonanz - hoch.

 

Boris: Sohn (6) spricht respektlos: «Papi-Dummkopf, Mami-Dummkopf». Der Vater antwortet äusserlich ruhig: «Das stimmt nicht. Papi ist kein Dummkopf und fertig!», aber innerlich wird er zornig.

  • Es gilt, zwei verschiedene Situationen zu unterscheiden: Unwissenheit und Respektlosigkeit.
  • Weiss das Kind überhaupt, was ein Dummkopf ist? Hilfreich ist eine Erklärung, welche das Wirgefühl stärkt: «Weisst du, was du da sagst? Ich erkläre dir, was ein Dummkopf ist. Ich würde dieses Wort nie zu dir sagen. Es gibt Familien, die das Wort benutzen, aber wir möchten das nicht tun...»
  • Weiss das Kind, dass es ein Unterschied ist, ob Kinder dieses Wort untereinander oder gegenüber den Eltern verwenden? Auch unter Kindern ist es nicht in Ordnung, aber dass der Vater Dummkopf genannt wird, ist ein No-Go. Jedes Kind respektiert von Natur aus ältere bzw. erwachsene Menschen. Ist ein Kind aggressiv, kann es üble Wörter verwenden. Dadurch ehrt es seine Eltern aber nicht, wie es sollte. In solchen Situationen sollte man sich überlegen, wo man dem Kind falsche Signale sendet.
  • Ein letzter Gedanke - passend zum heutigen Thema: Wenn wir einem Kind eine schlechte Rückmeldung zu seinem Verhalten geben, riskieren wir, dass das Kind darunter leidet und unglücklich ist. Das dürfen und sollen wir zulassen. Kinder haben das Recht, auch mal frustriert und traurig zu sein.

 

Regula: Wie sollen Eltern damit umgehen, wenn einzelne Kinder - im Vergleich zu den Geschwistern - sehr viel häufiger korrigiert werden müssen?

  • Warum ein Kind häufiger korrigiert werden muss als andere, kann viele Ursachen haben. Wir alle wissen: Ab einer gewissen Häufigkeit nützen Korrekturen immer weniger und man sucht besser andere Wege.
  • Eine Korrektur aus dem Vorwurf bzw. der Anklage heraus löst in der Regeln nur Verteidigung und Gedanken der Abwehr aus.
  • Es ist generell besser, Kinder aus der Situation herauszunehmen und unter vier Augen zu versuchen, ihre Mitarbeit und ihr Mitdenken zu gewinnen. Besonders wichtig ist es, ältere Geschwister nicht vor den Ohren der jüngeren zu korrigieren (umgekehrt ist es weniger tragisch, aber dennoch nicht hilfreich). Das löst Scham und Gegenwille aus. Je häufiger Kinder öffentlich kritisiert werden, desto krasser ist der Effekt. Je intimer und privater die Situation ist bzw. je ruhiger Eltern sind, desto eher hat die Intervention Erfolg.

 

Regula: Es ist nicht möglich, das Kind (10) aus der Situation herauszunehmen.

  • Da die Situation nicht weiter bekannt ist, kann nur sehr allgemein auf diesen Umstand eingegangen werden: Wenn sich ein Kind nicht aus der Situation nehmen lässt, müssen wir warten.
  • Solange Eltern keine Kontrolle über das Kind haben, nützt auch die Intervention nichts.
  • Es sollte überlegt werden, wie solche Situationen vermieden werden könnten.

 

Kathrin: Die Tochter (4) hat diesen Sonntag von Gleichaltrigen das Wort «Scheisse» gelernt. Sie fand es spassig, das Wort immer und immer wieder zu gebrauchen. Sie weiss nicht, was es bedeutet.

  • Eine Erklärung könnte man ähnlich handhaben wie bei Boris’ Sohn (Erklärung verbunden mit einem Wirgefühl bzw. einer Identität).
  • Es gibt Wörter, die einfach Einzug in unsere Sprache halten. Früher waren Erwachsene zum Beispiel hell empört, wenn Kinder «Seich» sagten, heute ist es ein ganz normales Wort. Man muss unterscheiden können: Ein Wort, das in aller Munde ist, als unschicklich zu erklären, ist nicht ganz ohne. Man muss abwägen, ob sich ein Kampf dagegen lohnt.
  • Alternativ kann man das Wort gewichten bzw. ihm den richtigen Platz zuweisen: «Das Wort ‹Scheisse › braucht man, wenn man fest frustriert ist, aber nicht alle paar Minuten. Was sollen Leute, die das tun, sagen, wenn mal wirklich etwas schlimm ist?» Es kann quasi als «Extremwaffe» geduldet werden.
  • Bei Wörtern, die nicht so schlimm sind, haben manchmal selbst die Eltern gemischte Gefühle - einerseits sind sie etwas verblüfft oder lächeln darüber, wenn ein kleiner Kerl schon so ein «grosses» Wort verwendet, andererseits finden sie die Ausdrucksweise nicht ganz passend. Die Kleinen spüren dann diese heimliche Erheiterung. Kinder geniessen eine solche Form der Interaktion mit den Eltern. Meist verliert dieses Spiel mit der Zeit an Reiz.

 

Kathrin: Tochter (4) war den ganzen Tag mit anderen Kindern zusammen. Es wurde ihr zu viel und sie schlug zuerst ein gleichaltriges Kind, dann ein jüngeres.

  • Schlagen ist ein natürlicher Ausdruck von Aggression bei unreifen Kindern, also nichts Ungewöhnliches.
  • Kindern das Schlagen auszutreiben versuchen, macht keinen Sinn. Viel wichtiger ist es, dem Kind ein Ersatz-Tool anzubieten, z. B. so: «Mir ist lieber, wenn du schreist statt schlägst.»
  • Dem Kind soll vermittelt werden: Wut ist normal und richtig, aber du solltest so und so darauf reagieren.

 

Bettina: Das Kind lügt, z. B. wenn es ums Händewaschen oder die Schule geht.

  • Kleine Kinder sagen grundsätzlich die Wahrheit. Der Volksmund meint dazu: «Kinder und Narren sagen die Wahrheit.»
  • Erst wenn Kinder lernen, die Konsequenzen ihrer Handlungen auf weitere Sicht hinaus abzuschätzen, dann beginnt das Lügen.
  • Lügen ist auch eine Frage der Beziehung. Je vertrauensvoller die Beziehung ist, desto weniger wird das Kind versucht sein zu lügen.
  • Lügen dient in den meisten Fällen dazu, Scham zu vermeiden.
  • Es gibt eine Phase im Leben der Kinder, wo sie Lügen als «Problemlöser» einsetzen: Das Lügen empfinden sie weniger schlimm als das Getrenntsein von den Eltern bzw. die Vorwürfe, Beschämung oder Strafe. Kurzfristig verbessert eine Lüge deshalb scheinbar die Situation. Solche Kinder können noch nicht voraussehen, dass es auf lange Sicht schwierig ist und Konsequenzen hat.
  • Besser, als mit Strafen das Lügen zu verhindern, ist es, Druck wegzunehmen und das Schuldbewusstsein der Kinder zu entwickeln. «Es ist wichtig, dass ihr zu einem Fehler steht!»
  • Erst später, wenn das Schuldbewusstsein der Kinder vorhanden ist, kann eine Strafe dieses Schuldbewusstsein bedienen.

 

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