Infobriefe

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Info 17-08 "...und nachher fühle ich mich wirklich schlecht"

Gehörst du auch zu den Menschen, die mit sich nicht immer zufrieden sind? Bist du selber dein schärfster Kritiker? Dann bist du nicht allein. Ich höre immer wieder, wie Eltern sich schlecht fühlen, wenn sie «nicht vp» gehandelt haben. Das Forum ist voll von solchen Klagen.
Ich denke, es ist Zeit, dass wir einmal darüber nachdenken, warum so viele Menschen (zu) oft auf der Hut sind, es ja richtig zu machen - manchmal weniger aus Liebe zum Kind, sondern aus Angst, keine gute Mutter, kein guter Vater zu sein. Aus Angst, kritisiert zu werden. Manchmal sind die vermeintlichen Ankläger längst aus deinem Leben verschwunden und du hast dich entschieden, nicht mehr so zu denken und zu handeln wie sie. Was hingegen geblieben ist, ist vielleicht jener ungnädige Blick auf dich selbst.
Ich würde dir wünschen, dass du dich einbeziehst in den Kreis der Menschen, die du liebst, deren guten Willen du anerkennst und auf deren Versagen du mit Barmherzigkeit blickst. Es könnte nämlich sonst geschehen, dass von deinem ganzen Engagement sich vor allem die folgende Schlussfolgerung in deinen Kindern festsetzt: «Egal, wie man sich Mühe gibt, es reicht doch nie. Man muss sich immer schämen, dass man nicht perfekt ist.» Oder aber sie verwerfen alle Selbstkritik in Bausch und Bogen. (Das wäre dann die spiegelbildliche Kooperation.)
Dass wir uns recht verstehen: Ich bin nicht gegen das kritische Reflektieren des eigenen Tuns, aber es muss im Geist der Wertschätzung geschehen. Nicht mit dem Ziel, so einer drohenden Kritik zuvorzukommen.
Die Liebe gedeiht dort, wo Vertrauen herrscht, statt Angst. Das gilt in hohem Masse auch im Umgang mit sich selbst. Wie heisst es so schön? Hinfallen, aufstehen, die Krone richten - und weitergehen.

Talk über das Monatsthema

Livesendung vom 28. August 2017

    • Leidensdruck der Eltern, die sich sehr engagieren und sich grosse Mühe geben: Sie beklagen sich, dass sie in alte Muster zurückfallen. Ab einem gewissen Grad ist das an sich ein Problem, sich ständig selber anzuklagen.
    • Kinder sollen an Eltern aufschauen können. Dann fühlen sie sich geborgen und sicher. Dann können sie reifen. Das hat viel mit Hierarchie zu tun.
    • Sehr wichtig, dass die Hierarchie stimmt, und Kinder zu den Eltern hochschauen und sich gut dabei fühlen, nicht unterdrückt. Sie fühlen sich gut, wenn sie Eltern nachfolgen dürfen.
    • Aber wenn Eltern sich ständig kritisieren, dann ist es sehr schwierig für das Kind. Das Kind erträgt das nicht.
    • Es ist okay, wenn sich Eltern bei den Kinder entschuldigen - aber bei einem bestimmten Alter ist das kontraproduktiv.
    • Z. B. sich bei einem 3-Jährigen zu entschuldigen, hilft dem Kleinen nicht. Es wäre für das Kind besser, wenn du als Elternteil mit deiner Schuld zu jemand anderem gehen würdest. Es reicht, wenn man dem Kind z. B. sagt: «Ja, da war ich jetzt sehr streng.»
    • Wir sind die Antwort, wenn die Kinder zu uns aufschauen.
    • Wenn man es immer richtig machen will, dann kommt man in einen Stress. Kinder wollen zu jemandem aufschauen können, der es im Griff hat.
    • Es geht nicht darum, mein Verhalten als Eltern zu ändern, sondern unsere Gesinnung. Es geht von innen nach aussen.
    • Wenn man sich vorgefertigte Reaktionen/ Rezeptur aneignen möchte, aber nicht konsequent reagiert, dann fühlt man sich immer wieder als Versager.
    • Das Ziel ist nicht die Reaktionen zu überlegen, sondern den «Spirit» zu verinnerlichen. Es muss ins Herz gehen - unsere Handlungen zu überdenken, unser Kind anders zu sehen, unser Kind anders zu lesen - von innen heraus.
    • Es gibt nichts Schlimmeres als Eltern, die immer «wie auf Eiern» gehen aus Angst etwas Falsches zu machen.
    • Die Kinder brauchen uns Eltern, wir nicht unbedingt die Kinder.
    • Wenn das Kind seine Komfortzone nicht verlassen will, dann später nachfragen. Auch wir als Eltern haben manchmal Mühe, die Komfortzone zu verlassen.
    • Heinz stellte das Konzept vom Join-up-Gitter vor. Das ist ein neues Tool. Kurs: Kommunikation im Join-up.
    • Wir sollten als Eltern den Mut haben, klare Ansagen zu machen. Wir sind nicht abhängig von wohlwollenden Reaktionen von den Kindern. Oft so angstvolle Stimme als Eltern: «Könntest du bitte mir folgen?»
    • Eltern haben häufig das Gefühl, dass sie ausgenutzt werden. Darum dem Kind klar sagen, was wir von ihnen wollen.
    • Die Kinder auch echt nachfragen, z. B. «Warum konntest du heute Mittag nicht folgen?» So spürt das Kind, dass wir es ernst nehmen und aber auch erwarten, dass es gehorsam ist. Dürfen nicht aus einer Niederlage heraus gehorsam sein. Kinder sollten sich als Überwinder fühlen.
    • Oder z. B. fragen: Warum willst du den Tisch nicht decken? Möchtest du lieber in der Pfanne rühren? Kinder wollen oft etwas «Richtiges» machen - z. B. lieber Traktor fahren und nicht mit dem Rechen hinterher rechen. Kinder wollen die anspruchsvollen Arbeiten erledigen.
    • Richtig machen: Zwei Varianten:
      1. Aus Liebe zu meinem Kind (positive Motivation)
      2. Es gibt eine Motivation, es richtig machen zu MÜSSEN. Diese zweite Motivation ist keine gute Variante.
      Wir müssen versuchen, unsere inneren Ankläger abzuschütteln. Mit sich selber vertrauenspädagogisch umgehen. Niemand muss es immer richtig machen und perfekt sein. Aus Liebe handeln. Gnädig mit sich selber sein.
    • Wenn zwei Kinder streiten. Reaktion der Eltern sollte im Hinterkopf die Hierarchie im Blick haben. Kinder können ihre Probleme selber lösen. Aber wir Eltern können das oft nicht aushalten. Wenn der Ältere nicht im «Fürsorgemodus» ist, sondern im «Herrschermodus», dann können wir als Eltern auch eingreifen. Wichtig ist aber einzugreifen, bevor man wütend ist. Vielleicht den Älteren auch alleine kurz zur Seite nehmen und ihn coachen - aber es wäre gut, wenn er das Problem selber lösen könnte.

 

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Info 17-07 "Wer hat das Sagen, wenn wir bei den Eltern sind?"

Ich hoffe, du weisst noch, dass es bei der Vertrauenspädagogik nicht darum geht, welche Haltungen «richtig» und welche «falsch» sind. Es geht vielmehr darum, auf welche Weise wir unsere Kinder prägen sollen und dürfen. Dennoch lohnt es sich darüber nachzudenken, wie die Hierarchien laufen, wenn du mit deinen Kindern in deinem Elternhaus oder im Haus deiner Schwiegereltern bist. Wie soll ein Kind das sehen dürfen? Soll es dich als oberste Autorität wahrnehmen oder deine Mutter? Hier gibt es erfahrungsgemäss viele Missverständnisse. Vor allem dann, wenn bei dir Autorität immer noch etwas mit Mehrwert oder Minderwert zu tun hat.
Welcher der beiden folgenden schwiegermütterlichen Gedanken gefällt dir besser?
  • «Sie soll selber zu ihren Kindern schauen! Ich sage da gar nichts, aber ich denke mir meinen Teil!»
  • «Ich gebe hier meinen Tarif durch, wie ich es immer gemacht habe. Meine Schwiegertochter kann sich ja wehren, wenn es ihr nicht passt.»
Wenn es dir geht wie mir, dann findest auch du beide nicht unbedingt friedensstiftend. Dennoch gefällt mir der zweite besser. Schön wäre es, wenn man darüber offen sprechen könnte. Bei Töchtern ist es einfacher, hier stimmt die gefühlte Hierarchie eher überein.
Ich schlage vor, dass wir als Eltern unseren Kindern nie besser vorleben können, was es heisst, die Eltern zu ehren, als durch die Art, wie wir selber unsere Eltern ehren. Das kann dann etwa so tönen:
«Mein Papa mag es nicht, wenn jemand anders am Tisch ein Gespräch beginnt, wenn gerade eines am Laufen ist. Also wollen wir das respektieren. Wenn er euch abstellt, dann nehmt es ihm nicht krumm. Er liebt euch, auch wenn er mal zornig wird.» (Dass es hier natürlich Grenzen gibt, brauche ich wohl nicht zu erwähnen.)
Wenn du in einer solchen Situation deine Kinder verteidigst, zum Beispiel sagst: «Er hat gemeint, wir seien fertig mit dem Gespräch!», dann meinst du vielleicht im Grunde:
«Papa, du kannst dich nicht in Kinder einfühlen! Du hast kein Verständnis für Kinder! Du bist kleinlich!» Vielleicht hast du das damals als Kind schon deshalb gedacht, weil deine Mutter dich so in Schutz genommen hat, wie du es eben getan hast.
Kinder vertragen gut mehrere Erziehungsstile und deine Autorität ist in keiner Weise in Gefahr, wenn du dich im Hause deiner Eltern weiterhin an ihre Anweisungen hältst - im Gegenteil: Du ehrst sie damit und hilfst deinen Kindern, dich in gleicher Weise zu ehren.
 
Livesendung vom 31. Juli 2017
 

Fragen und Inputs

  • Wie ist das Infobriefthema zu verstehen? Sind Grosseltern gegenüber den Eltern generell im Alpha oder handelt es sich um eine situative Hierarchie, die sich ändert, sobald die Grosseltern ihre Kinder und Enkel besuchen?
    Es handelt sich ganz klar um eine situative Hierarchie, weil die Eltern mit ihren Kindern bei den Grosseltern zu Besuch sind. Ich würde vorschlagen, dass die Regeln der Grosseltern aber auch gelten, wenn sie die Kinder alleine im Elternhaus betreuen. Sobald die Eltern zurückkehren, werden die Grosseltern zu Gästen und die Eltern übernehmen das Alpha wieder. Empfehlenswert ist es, solche Situationen zu klären und im Vorfeld darüber zu sprechen.

  • Die Enkel werden während der Arbeitszeit der Mutter von den Grosseltern betreut. Wenn die Mutter die Kinder abholt, hat sie anfangs jeweils keinen Einfluss auf die Kinder. Ihre Anweisungen werden ignoriert. Erst, wenn wieder alle zu Hause sind, kann die Mutter das Zepter wieder übernehmen. Die Mutter hat mit den Grosseltern vereinbart, dass die Oma die Führung bis zum Aufbruch behält: «Jetzt ziehen wir die Schuhe an und dann...» Ist das eine gute Lösung?
    Solche Übergänge sind typischerweise problematisch und für kleine Kinder schwierig, weil sie nicht gleichzeitig zu zwei Personen eine direkte Bindung aufrechterhalten können. Wenn die Mutter nach dem Arbeitstag eintrifft, halten die Kinder an der Bindung zur Grossmutter fest - sie ist dann die primäre Bezugsperson.
    Die Vereinbarung, dass die Grossmutter bis zum Aufbruch im Alpha bleibt, ist gut. Hilfreich ist es, wenn solche Übergänge generell «kurz und schmerzlos» gehalten werden, auch wenn man das vielfach eigentlich nicht möchte. Sobald der Entscheid zum Aufbruch gefällt ist, ist es wichtig, dass die Grossmutter mitzieht. Noch besser geht es, wenn die Kinder schon auf die Übergabe vorbereitet werden, bevor die Mutter kommt: «Bald kommt eure Mami. Wir ziehen jetzt schon die Schuhe an...» Hilfreich ist auch - wie immer - wenn die Kinder wissen, dass die Mutter und die Grosseltern einander vertrauen.

  • Wie kommt es, dass Kinder nach einer Rückkehr von den Grosseltern, nach einem besonderen Tag oder auch nach einem Schulanlass meistens so frustriert und «geladen» sind?
    Eine Rückkehr ist immer auch eine Trennungserfahrung. Die Kinder halten innerlich noch an der anderen Bezugsperson fest. Nach Schulanlässen könnte auch die Gleichaltrigenorientierung mitspielen. Das muss aber nicht zwingend so ablaufen.

  • Könnte es sein, dass die Kinder tatsächlich frustriert sind, weil der schöne Tag oder auch das Verwöhnen durch die Grosseltern ein Ende hat? Die Grossmutter bekocht die Enkel nach Wunsch, die Mutter kocht, ohne die Kinder nach ihren Wünschen zu fragen. Bei der Grossmutter dürfen die Enkel ohne Grenzen fernsehen, zu Hause wird die Zeit eingeschränkt usw.
    Möglicherweise sind die Kinder deswegen frustriert. Es könnte aber auch sein, dass sie die Unsicherheit der Mutter spüren. Vielleicht hat sie ein latent schlechtes Gewissen, weil sie den Kindern nicht in gleichem Mass entgegenkommt wie die Grossmutter. Vielleicht hat sie auch Angst, weniger geliebt zu werden, wenn sie streng führt.

  • Die Mutter konnte als Kind erleben, welche negativen Folgen ein Laisser-faire-Erziehungsstil haben kann. Sie und ihre Geschwister rebellierten in der Pubertät stark gegen die Eltern. Deshalb entschied sie sich bewusst, die Kinder klarer zu führen und konsequenter zu erziehen.
    Es ist wichtig, vom eigenen Erziehungsstil überzeugt zu sein. Es ist aber auch hilfreich sich zu hinterfragen: «Wie direktiv bin ich? Wie viel Spielraum lasse ich meinen Kindern?»

    Als mögliche Entlastung wäre auch denkbar, dem Kind nach der Rückkehr einen «Oma-Style-Tag» zu gewähren. An diesem Tag könnte man sich ganz bewusst auf die Bindung statt auf das Verhalten konzentrieren. Auch wenn man vom Führungsstil der Grosseltern nicht überzeugt ist, sollte man die Autorität von Oma und Opa nicht untergraben: «Weisst du, Menschen sind verschieden und gehen verschieden miteinander um. Damit dir die Umstellung ein bisschen leichter fällt, handhaben wir es heute so wie bei der Grossmutter. Ab morgen gelten wieder unsere Regeln.» Wenn die Beziehung stimmt, muss man kaum Angst haben, dass einem die Kinder entgleiten könnten. Kinder sind von Natur aus stark an die Eltern gebunden.


    Ein wichtiger Schlüssel ist, wie das älteste Kind funktioniert. Wenn das Älteste vertrauenspädagogisch gehorcht und führt, fungiert es in dieser Stellung als Assistent der Eltern.

  • Was kann man unternehmen, wenn das älteste Kind nicht vertrauenspädagogisch führt, obwohl man es coacht und obwohl man selbst ein Vorbild gibt?
    Möglicherweise folgt das Kind einem anderen Vorbild.

 
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Info 17-03 "Zwei Nabelschnüre"

Die erste der beiden schneiden wir heutzutage eher zu früh als zu spät durch. Aber es gibt da eine zweite, eine mentale, die sich manchmal zwischen Eltern und Kind einrichtet, die so eigentlich nicht gedacht ist. Naturgemäss geht es meist um die Mutter-Kind-Beziehung. Oft ist diese Beziehung so intensiv und eng, dass Mütter Schmerzen, Ängste und Freuden ihrer Kinder fast so wahrnehmen, als wären es ihre eigenen. Das ist nicht unproblematisch, denn Kinder sollten in ihren Eltern eigentlich ein Korrektiv haben für ihre eigene Wahrnehmung, jemanden, der den Überblick hat und die Dinge einordnen kann. Viele Kinder spüren aber anstatt dessen die Resonanz ihrer eigenen Gefühle. Ihre Wut auf den Lehrer überträgt sich auf die Eltern, ihre Sorge um die Anerkennung in der Klasse ebenso und manchmal sogar der Liebeskummer.
Kinder haben ein Recht auf ihre eigenen Probleme und auf Eltern, die wie Felsen in der Brandung sind und die nicht mit ihnen in den Problemen untergehen.

Talk über das Monatsthema

 

Livesendung vom 27. März 2017

 

Zwei Nabelschnüre

Viele Eltern - besonders Mütter - verschmelzen mit den Emotionen und Gefühlen ihrer Kinder. Leiden die Kinder, leiden die Mütter in gleicher Weise mit. Das Gefühl des Kindes spiegelt sich in der Mutter und umgekehrt - es schaukelt sich auf.

Natürlich ist es unsere Aufgabe als Eltern, empathisch zu sein, das Gefühl der Kinder zu sehen und zu benennen - Kinder haben ein Recht auf ihre eigene Schwarz-Weiss-Betrachtung - aber wir sollten nicht selber von diesem Gefühl überwältigt werden.

Wir haben die Möglichkeit, andere Aspekte und Ansichten miteinzubeziehen. Wir sehen, wie die Lehrperson oder die Schulkameraden die Situation gesehen haben könnten. So können wir einem Kind helfen (zum Beispiel durch Fragen), das Geschehen richtig einzuordnen, wir können ihm Orientierung geben in einer schwierigen Welt und es trösten.

 

Diese Gedanken lassen sich gut auf die Beziehung zu Gott übertragen: Natürlich nimmt Gott Anteil an meinem Leben, aber er ist nicht Teil meines Problems. Er steht über der Sache, behält den Überblick und ist nicht selbst überfordert. Bei der Beziehung zwischen Eltern und Kindern ist es genau gleich. Die Kinder sollen spüren: Die Eltern verstehen mein Problem, aber werden deswegen nicht aus der Bahn geworfen.

 

Nächsten Monat werden wir eine im Grunde ähnliche Thematik behandeln: Viele Eltern bringen es nicht über sich, Kinder «aus der Komfortzone zu schicken», weil sie selbst leiden, wenn das Kind leidet.

 

Fragen und Inputs

Denise: Sie reagiert selbst stark auf mobbingähnliche Szenen, obwohl sie sich zwischen fremden Menschen abspielen. Dies hat einen Zusammenhang mit ihrer eigenen Geschichte. Sie erlebt eine Art Wiederholung mit. Je besser sie die eigene Geschichte aufgearbeitet hat, desto besser kann sie in ähnlichen Situationen reagieren. Müssten erwachsene Personen nicht reagieren anstatt nur zuzusehen?

  • Empathie hat den Sinn, dass wir mit anderen Menschen mitfühlen können. Das ist etwas sehr Schönes und soll nicht angeprangert werden - im Gegenteil. Es gilt, mitzuschwingen und gleichzeitig unsere integrativen Funktionen zu behalten und auch andere Aspekte noch einbeziehen zu können: Was geht in den Kindern vor, die andere mobben usw.
  • Als ehemals Betroffene läuft man Gefahr, dass die eigenen alten Schmerzen auftauchen, dass man sich in der eigenen Geschichte wiederfindet. Aber wir Erwachsenen sollten vor allem die Emotionen der Kinder aufnehmen, spiegeln, den Kindern helfen, sie einzusortieren und damit umzugehen. Wenn die eigenen Gefühle aus der Erinnerung hochkommen, kann ich das nicht. Dann schaukeln sich die Gefühle - im Sinne der Resonanz - hoch.

 

Boris: Sohn (6) spricht respektlos: «Papi-Dummkopf, Mami-Dummkopf». Der Vater antwortet äusserlich ruhig: «Das stimmt nicht. Papi ist kein Dummkopf und fertig!», aber innerlich wird er zornig.

  • Es gilt, zwei verschiedene Situationen zu unterscheiden: Unwissenheit und Respektlosigkeit.
  • Weiss das Kind überhaupt, was ein Dummkopf ist? Hilfreich ist eine Erklärung, welche das Wirgefühl stärkt: «Weisst du, was du da sagst? Ich erkläre dir, was ein Dummkopf ist. Ich würde dieses Wort nie zu dir sagen. Es gibt Familien, die das Wort benutzen, aber wir möchten das nicht tun...»
  • Weiss das Kind, dass es ein Unterschied ist, ob Kinder dieses Wort untereinander oder gegenüber den Eltern verwenden? Auch unter Kindern ist es nicht in Ordnung, aber dass der Vater Dummkopf genannt wird, ist ein No-Go. Jedes Kind respektiert von Natur aus ältere bzw. erwachsene Menschen. Ist ein Kind aggressiv, kann es üble Wörter verwenden. Dadurch ehrt es seine Eltern aber nicht, wie es sollte. In solchen Situationen sollte man sich überlegen, wo man dem Kind falsche Signale sendet.
  • Ein letzter Gedanke - passend zum heutigen Thema: Wenn wir einem Kind eine schlechte Rückmeldung zu seinem Verhalten geben, riskieren wir, dass das Kind darunter leidet und unglücklich ist. Das dürfen und sollen wir zulassen. Kinder haben das Recht, auch mal frustriert und traurig zu sein.

 

Regula: Wie sollen Eltern damit umgehen, wenn einzelne Kinder - im Vergleich zu den Geschwistern - sehr viel häufiger korrigiert werden müssen?

  • Warum ein Kind häufiger korrigiert werden muss als andere, kann viele Ursachen haben. Wir alle wissen: Ab einer gewissen Häufigkeit nützen Korrekturen immer weniger und man sucht besser andere Wege.
  • Eine Korrektur aus dem Vorwurf bzw. der Anklage heraus löst in der Regeln nur Verteidigung und Gedanken der Abwehr aus.
  • Es ist generell besser, Kinder aus der Situation herauszunehmen und unter vier Augen zu versuchen, ihre Mitarbeit und ihr Mitdenken zu gewinnen. Besonders wichtig ist es, ältere Geschwister nicht vor den Ohren der jüngeren zu korrigieren (umgekehrt ist es weniger tragisch, aber dennoch nicht hilfreich). Das löst Scham und Gegenwille aus. Je häufiger Kinder öffentlich kritisiert werden, desto krasser ist der Effekt. Je intimer und privater die Situation ist bzw. je ruhiger Eltern sind, desto eher hat die Intervention Erfolg.

 

Regula: Es ist nicht möglich, das Kind (10) aus der Situation herauszunehmen.

  • Da die Situation nicht weiter bekannt ist, kann nur sehr allgemein auf diesen Umstand eingegangen werden: Wenn sich ein Kind nicht aus der Situation nehmen lässt, müssen wir warten.
  • Solange Eltern keine Kontrolle über das Kind haben, nützt auch die Intervention nichts.
  • Es sollte überlegt werden, wie solche Situationen vermieden werden könnten.

 

Kathrin: Die Tochter (4) hat diesen Sonntag von Gleichaltrigen das Wort «Scheisse» gelernt. Sie fand es spassig, das Wort immer und immer wieder zu gebrauchen. Sie weiss nicht, was es bedeutet.

  • Eine Erklärung könnte man ähnlich handhaben wie bei Boris’ Sohn (Erklärung verbunden mit einem Wirgefühl bzw. einer Identität).
  • Es gibt Wörter, die einfach Einzug in unsere Sprache halten. Früher waren Erwachsene zum Beispiel hell empört, wenn Kinder «Seich» sagten, heute ist es ein ganz normales Wort. Man muss unterscheiden können: Ein Wort, das in aller Munde ist, als unschicklich zu erklären, ist nicht ganz ohne. Man muss abwägen, ob sich ein Kampf dagegen lohnt.
  • Alternativ kann man das Wort gewichten bzw. ihm den richtigen Platz zuweisen: «Das Wort ‹Scheisse › braucht man, wenn man fest frustriert ist, aber nicht alle paar Minuten. Was sollen Leute, die das tun, sagen, wenn mal wirklich etwas schlimm ist?» Es kann quasi als «Extremwaffe» geduldet werden.
  • Bei Wörtern, die nicht so schlimm sind, haben manchmal selbst die Eltern gemischte Gefühle - einerseits sind sie etwas verblüfft oder lächeln darüber, wenn ein kleiner Kerl schon so ein «grosses» Wort verwendet, andererseits finden sie die Ausdrucksweise nicht ganz passend. Die Kleinen spüren dann diese heimliche Erheiterung. Kinder geniessen eine solche Form der Interaktion mit den Eltern. Meist verliert dieses Spiel mit der Zeit an Reiz.

 

Kathrin: Tochter (4) war den ganzen Tag mit anderen Kindern zusammen. Es wurde ihr zu viel und sie schlug zuerst ein gleichaltriges Kind, dann ein jüngeres.

  • Schlagen ist ein natürlicher Ausdruck von Aggression bei unreifen Kindern, also nichts Ungewöhnliches.
  • Kindern das Schlagen auszutreiben versuchen, macht keinen Sinn. Viel wichtiger ist es, dem Kind ein Ersatz-Tool anzubieten, z. B. so: «Mir ist lieber, wenn du schreist statt schlägst.»
  • Dem Kind soll vermittelt werden: Wut ist normal und richtig, aber du solltest so und so darauf reagieren.

 

Bettina: Das Kind lügt, z. B. wenn es ums Händewaschen oder die Schule geht.

  • Kleine Kinder sagen grundsätzlich die Wahrheit. Der Volksmund meint dazu: «Kinder und Narren sagen die Wahrheit.»
  • Erst wenn Kinder lernen, die Konsequenzen ihrer Handlungen auf weitere Sicht hinaus abzuschätzen, dann beginnt das Lügen.
  • Lügen ist auch eine Frage der Beziehung. Je vertrauensvoller die Beziehung ist, desto weniger wird das Kind versucht sein zu lügen.
  • Lügen dient in den meisten Fällen dazu, Scham zu vermeiden.
  • Es gibt eine Phase im Leben der Kinder, wo sie Lügen als «Problemlöser» einsetzen: Das Lügen empfinden sie weniger schlimm als das Getrenntsein von den Eltern bzw. die Vorwürfe, Beschämung oder Strafe. Kurzfristig verbessert eine Lüge deshalb scheinbar die Situation. Solche Kinder können noch nicht voraussehen, dass es auf lange Sicht schwierig ist und Konsequenzen hat.
  • Besser, als mit Strafen das Lügen zu verhindern, ist es, Druck wegzunehmen und das Schuldbewusstsein der Kinder zu entwickeln. «Es ist wichtig, dass ihr zu einem Fehler steht!»
  • Erst später, wenn das Schuldbewusstsein der Kinder vorhanden ist, kann eine Strafe dieses Schuldbewusstsein bedienen.

 

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Info 16-12 "Traditionen"

Hast du auch schon gestaunt darüber, dass Kinder Geschichten manchmal x-mal hören wollen? Ich glaube, dass Kinder es einfach geniessen, wenn in unserer flackernden, grellen und schwer zu durchschauenden Welt etwas vorhersehbar ist. Scheue dich deshalb nicht, die Weihnachtsgeschichte jedes Jahr zu erzählen. Erzähle sie so wie beim ersten Mal und du wirst staunen, wie alle davon berührt werden. Jedes Jahr dürfen wir neu mit Maria erschrecken über die Ankündigung. Und wie jedes Jahr dürfen wir mit den Hirten staunen darüber, dass es ausgerechnet sie waren, denen der Engel die Geburt Jesu ankündigte. An Weihnachten braucht es keine Abwechslung, auch nicht so sehr kreative neue Einfälle, sondern die schlichte Besinnung auf das immer gleiche Wunder, an das wir denken wollen - auch wenn wir wissen, dass das Datum so wenig damit zu tun hat wie der Tannenbaum.
Ich möchte uns deshalb ermutigen, dem Zeitgeist, der nach Abwechslung schreit, mutig die Stirn zu bieten und deinen Kindern eine immer wiederkehrende vorhersehbare Weihnachtstradition zuzumuten. Besinne dich auf deine eigenen Kindheitserfahrungen. Wie traurig wäre es, wenn man plötzlich neue Weihnachtsguetzli entwickeln würde. Ich bin überzeugt, es braucht weder neue Lieder noch ein anderes Menü als letztes Jahr.

In diesem Sinn wünsche ich dir und deinen Lieben ganz «gewöhnliche» Weihnachten.

Talk über das Monatsthema

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Info 16-05 "Die Krähen pfeifen es von den Dächern..."

Eine KV-Schülerin kurz vor dem Abschluss musste in die folgenden Sätze das richtige Tier einsetzen. Hier ihre Lösung:
«Ihn bringen keine zehn Schafe dazu, sich tätowieren zu lassen. Die Krähen pfeifen es von den Dächern…» und «Mich laust der Hund, jetzt hat auch sie ein Tatoo.»
Falls du selber zu den Leidtragenden gehörst, denen solche Redewendungen nicht mehr geläufig sind, hier die Auflösung: Pferde, Spatzen, Affe.
Wie kommt es, dass auch kluge Kinder diese Wendungen nicht mehr beherrschen? Ich meine es zu ahnen: Eine Sprache erlernt man nicht aus Sprachbüchern, Filmen oder Comics, und man kann solche Wendungen nur sehr kurzfristig (auf die Prüfung hin) auswendig lernen. Eine Sprache erlernt man von Menschen, zu denen man eine Beziehung hat. Moderner Unterricht lässt es immer weniger zu, dass Kinder ihren Lehrkräften beim Erzählen zuhören dürfen. Kinder lernen heute von Videos, von Bildschirmtexten, aus Büchern, aber seltener von Menschen, die ihnen etwas erzählen.
Die Beziehung zu diesen würde es ausmachen, ihre Betonung, ihr Blick, ihre Ausstrahlung. All das verdichtet sich in den Kinderherzen zu einer Sprache. Früher schon vergifteten oft Disziplinkonflikte solche Situationen. Später war es dann die Diffamierung des Frontalunterrichts als «lehrerzentriert».
Deshalb ist es umso wichtiger, dass ihr als Eltern und Grosseltern euren Kindern Geschichten erzählt. Vorlesen ist ja auch schön, aber halt nicht dasselbe. Erzähle doch mal aus deinem Leben. Lass dir Zeit dabei, beschreibe die Szenerie, die Düfte und Geräusche. Nimm dir die literarische Freiheit die Geschichte auszuschmücken, solange sie wahr bleibt. Noch spannender ist es, aus dem Leben deines Kindes zu erzählen. Zeige dazu anstatt die halbe Smartphone-Galerie nur ein einziges Bildchen und dann - erzähle! Lass die Kinder die Augen schliessen und male mit deinen Worten, erkläre und beschreibe. Geniesse es, wenn sie dir an den Lippen hängen, statt am Bein.

Talk über das Monatsthema

 

Livesendung vom 30. Mai 2016

    • Unser Wortschatz/Satzbau wird immer simpler und einfacher.
    • Unsere Sprache verliert an Differenziertheit.
    • Auch die indirekte Rede verliert sich.

 

  • Wie differenziert wir denken können - so differenziert können wir reden

 

    • Spracherwerb durch Erziehung
    • Die Kinder orientieren sich nur für kurze Zeit an den Eltern, danach orientieren sie sich an den Gleichaltrigen.
    • Die Komplexität/Ausdrucksweise bleibt mit sieben Jahren stehen, da die Orientierung sich verändert hat.

 

  • Sprachen: Alltags-Kommunikation und Erzählsprache
  • Es ist wichtig, dass wir wieder zur Erzählkultur zurückkehren

 

    • Wir sollen nicht nur Bilder erklären, wir sollen sie unseren Kindern erzählen.

 

  • Das Erzeugen innerer Bilder durch die Sprache ist sehr wichtig!

 

    • Wörter/Struktur/Grammatik haben einen enormen Einfluss auf unser Denken.

 

  • Unsere Kinder interessieren sich für unsere und ihre Geschichten

 

    • Jede Generation verliert Wörter, und es kommen nur wenige oder sehr allgemeine Wörter dazu.
    • Wörter gehen durch Nichtgebrauch verloren.
    • Frustbewältigung durch die Sprache wäre der Königsweg.

 

  • Es ist wichtig, dass unsere Kinder Gefühle formulieren können

 

  • Wer keine Trauer fühlt, kann auch keine Freude spüren.
  • Ein Kind, dem es nicht wohl ist, dessen Aufmerksamkeit ist nicht bei der Geschichte. Und das sollte ein Warnsignal für die Erwachsenen sein.
  • Kinder kriegen nicht genug von erzählten Geschichten
  • Es gibt verschiedenen Umsetzungen: Beispiel von Heinz Etter von den zwei Wassertropfen, wo der jüngere Tropfen vom älteren lernt. Bei Wanderungen, beim Zähneputzen - überall.
  • Die Sprache wird über die Bindung vermittelt.
  • Bei der Sprachentwicklung ist der Augenkontakt wichtig.
  • Geschichten in eigenen Worten erzählen, nicht direkt vom Hochdeutsch ins Schweizerdeutsch übersetzen.

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