Infobriefe

Stöbern Sie hier im Archiv unserer Infobriefe. Wenn Sie etwas zu einem bestimmten Thema suchen, dann sind die Briefe einerseits in Kategorien geordnet, andererseits können Sie auch unter "Tags" nach Themeninhalten suchen. Viel Spass!

Info 12-05 "Warum Schimpfen in der Regel kontraproduktiv ist"

Wenn man Kinder (und auch Erwachsene) beschimpft oder anklagt, reagieren sie in aller Regel mit Verteidigung und Gegenwehr oder gar mit Aggression. Seltener mit dem echten Eingeständnis von Schuld und der entsprechenden Bereitschaft zur Umkehr. Wieso ist das so?

Menschen denken und handeln auf zwei Motiv-Ebenen. Die eine, tiefer liegende Ebene bestimmt das Handeln. Da sind nicht immer nur edle Motive wirksam. Auf der anderen Ebene ist unsere "Zurechtlegung", jene Motive also, die mir gefallen und die ich auch gerne kommuniziere. Sie sind in meinem Bewusstsein, die anderen verbannen wir gerne in die Dunkelkammer unseres Gehirns. Deshalb finden die Menschen ihr eigenes Handeln in der Regel ok. 

Klagt man uns an, dann entfalten wir unsere Zurechtlegung wie der Pfau sein Rad. Die unedleren Motive geraten noch mehr in den Hintergrund. Wir fühlen uns je länger je mehr im Recht und je nachdem als bedauernswertes Opfer, und somit sind wir weiter entfernt von der Einsicht als vor der Zurechtweisung. 

"Meinrad hat auch... Ich habe nur...", so beginnt vielleicht die Antwort auf die elterliche Rüge. Dass er verbotenerweise den Compi eingeschaltet hat, tritt in den Hintergrund. Der Kopf ist ausgelastet mit dem Ausbreiten der entlastenden Umstände. Der Gedanke, dass er doch tun darf, was sein Bruder tut, tritt in den Vordergrund, und dass es nicht ok ist, ihn zu beschuldigen ohne gleichzeitig Meinrad verantwortlich zu machen. Und die Beschränkung des Computergebrauchs an sich wird ihm als scheussliche Willkür immer deutlicher vor Augen stehen... 

Ja, aber was wäre die Alternative zum Schimpfen in dieser Situation? Je tiefer die Beziehung zu deinem Kind ist, je mehr sich dein Kind angenommen fühlt trotz seiner dunklen Seiten, je mehr du fragst anstatt zu urteilen oder gar zu unterstellen, desto eher wird es sich getrauen, einen Blick in die unteren Schichten zu wagen, zu bereuen und umzukehren. Entwicklung kommt aus der Annahme - nicht umgekehrt.

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Info 12-04 "Grenzen setzen - aber wie? Teil 1"

Diskutieren oder entscheiden

"Nein, kein Guetzli vor dem Essen. Das verdirbt dir nur den Appetit."
"Aber Mami, das sind Apéro Snacks, schau, sie fördern den Appetit sogar. Lies selber."
"Das ist mir egal, ich habe nein gesagt und fertig."

Kennst du diese Situation? Du möchtest gerne das Einverständnis deines Kindes, anstatt ein Verbot auszusprechen. Du möchtest dein Kind überzeugen. Dagegen ist nichts einzuwenden. Weil es dir aber nicht gelingt, schiebst du dann das Verbot hinterher und vielleicht sogar noch mit einem leicht genervten Unterton. Dieses Vorgehen ist heikel, denn damit frustrierst du dein Kind unnötigerweise. Du erweckst den Eindruck, dass man über ein Thema diskutieren könne und wechselst dann während des Games die Regeln, weil die Argumente des Kindes besser sind als deine. Entscheide und begründe deinen Entscheid – oder diskutiere mit deinem Kind und versuche, es zu überzeugen, dann aber ziehe es durch. Du verlierst dein Gesicht dabei nicht.

"Ok, wenn das so ist… Lass mich auch eines probieren."

Kinder haben kein Problem, wenn wir als Eltern klar sagen, was wir wollen und was nicht – im Gegenteil. Sie geniessen es, wenn Eltern klar führen. Es fällt ihnen dann auch viel leichter, die Vergeblichkeit des Widerstandes zu fühlen. Es ist schön, aber nicht immer zwingend oder möglich, zu begründen, warum wir so denken.

„Ich möchte keine Gewaltspiele auf dem PC."
"Hallo, alle meine Kollegen spielen das!!"
"Es tut mir leid, wenn ich bei diesem Thema bis jetzt zu wenig klar war. Hattest du dafür Auslagen?"
"Ja, ..."
"Ok, das lege ich für dich aus. Du bist es mir wert."
"Ja, aber…"
"Schau, ich erkläre dir das gerne, aber jetzt musst du zuerst einmal deinen Frust verdauen. Frag mich, wenn du soweit bist."

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Info 12-03 "Führen ohne Anklage - Teil 2"

Stelle dir vor, dein Kind schüttet aus Unachtsamkeit ein Glas Sirup auf den Esstisch aus. Ist deine Reaktion gleich, wenn der Sirup anstatt auf dem Esstisch auf deiner Auslegeordnung mit Schriftstücken landet? Natürlich nicht, denn du bist ja gehörig frustriert. Wenn du jetzt dein Kind beschimpfst, dann ist das zwar "normal", aber dennoch unfair, denn sein Anteil ist ja in beiden Fällen gleich. Beide Male hat es einfach ein Glas Sirup ausgeschüttet. Dass die Blätter auf dem Tisch lagen, macht die Folgen gravierend, aber die "Schuld" des Kindes ist beide Male die gleiche. Die Vorstellung, es hätte doch achtsamer sein sollen angesichts der Blätter auf dem Tisch, scheint mir wenig realistisch.

Schön wäre es, wenn du in Bezug auf das Kind beide Male gleich reagieren würdest, aber einen guten Weg fändest, mit deiner Frustration umzugehen, die sich ja zwangsläufig aus den sich wellenden Dokumenten ergibt. Schön wäre es, wenn du dafür sorgen würdest, dass das Kind deine Wut nicht auf sich bezieht. Das würde es nämlich automatisch tun. Das könnte sich dann etwa so anhören: "Nein, wie sehen diese Blätter aus!!! Das ist wirklich ein Katastrophe. Du, Stefan, kannst ja nichts dafür, dass die Blätter hier lagen, ich bin einfach frustriert, dass sie jetzt so aussehen. Putze du bitte den Sirup auf, und ich rette die Blätter, so gut es geht." Wenn du Mühe hast, dir das vorzustellen bzw. umzusetzen, dann stelle dir doch in solchen Situationen vor, das Missgeschick sei einem väterlichen Freund passiert.

Es ist ganz allgemein wichtig, dass wir als Eltern uns immer wieder bewusst machen, wie wir selber mit unseren Frustrationen umgehen. Gordon Neufeld, dessen Entwicklungspsychologie passgenau VP vertieft, rät uns, wir sollten uns mit unseren Frustrationen arrangieren, mit ihnen rechnen wie mit vertrauten und doch immer wieder überraschenden Gästen. Er rät uns, Worte für die Frustration zu finden, anstatt jemanden anzuschreien. Meistens, wenn Eltern schreien, schreien wir aus Frust und nicht, weil wir hoffen, eine Veränderung im Kind zu erwirken.

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Info 12-02 "Wie kann man kleine Kinder führen?"

Kleine Kinder sind nicht loyal. Das heisst, sie tun das, was ihnen richtig erscheint. Das ist im Normalfall das, was die Eltern ihnen sagen. Oft aber auch nicht. Wenn man sie bedroht mit Strafen oder eine Belohnung in Aussicht stellt, ändert das für sie in der Regel die Sachlage, und sie verhalten sich wunschgemäss - oder auch nicht. Auf jeden Fall sind sie nicht in der Lage, um deinetwillen ihre eigenen Interessen hintanzustellen - eben loyal sein. Das werden Kinder erst mit etwa drei oder vier Jahren. Leider sind aber in diesem Alter viele Kinder schon so daran gewöhnt auf "Zuckerbrot und Peitsche" zu reagieren, dass die Loyalität gar nicht zum Tragen kommt. Es ist deshalb wichtig, die kleinen Kinder so zu führen, dass sie im Join-up bleiben. 

Wie aber soll man sie denn führen? Viele Eltern alarmieren ihre Kinder, indem sie ein energisches Nein sagen, wenn es etwas tut, was es nicht soll. Das soll einen Lernprozess auslösen. Oft weiss ein Kind dann aber nicht genau, wo das Problem ist. Mehrmalige Versuche des Kindes, Klarheit zu bekommen, was genau denn jetzt mit "nein" gemeint ist, interpretieren die Eltern dann oft als Provokation. "Er weiss genau, dass er die Kerze nicht anfassen darf, aber...". 

Hilfreicher ist es, dem Kind die richtigen Gefühle und Motive zu vermitteln - so quasi induktiv, ähnlich wie ich es beschrieben habe beim Trösten des Opfers im Infobrief 11-11. "Au, schau, diese Kerze darf man nicht herumtragen, sonst läuft der Wachs raus und tut dir weh." Verbunden mit den entsprechenden Gefühlsäusserungen von Besorgtheit um die Kerze und um das Kind, spürt ein Kind, wie kostbar, schön, aber auch gefährlich sie ist, selbst wenn es die Worte noch nicht versteht. Vielleicht darf es die Kerze auch einmal ganz vorsichtig mit dir zusammen halten.

Diese Art der Führung stärkt die Beziehung. Lass auch die Angst los, dass dein Kind gerade die Oberhand gewinnt, wenn du den Gehorsam nicht durchsetzen kannst. Löse dich von der unseligen Idee, "konsequent" sein zu müssen. Oder auch davon, immer sofort eine gute Lösung zu haben. Entspanne dich im Umgang mit deinem Kleinkind. Es ist jederzeit sofort bereit, mit dir über den eben verübten Blödsinn zu trauern. Das ist viel wertvoller als irgendwelche Strafreize zu setzen.

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Info 12-01 "Beziehungsfasten"

Das Wort stammt nicht von mir, und es steht auch nicht im Buch. Aber es gefällt mir. Ein junger Mann, der als Jungschileiter einen Kurs besucht hat, hat es spontan verwendet. Es gefällt mir deshalb, weil man merkt, dass es nicht das selbe ist wie die "Auszeit". Viele Eltern schicken ja ihre Kinder weg, um sie zu bestrafen, wenn sie sich nicht recht benehmen. Beziehungsfasten ist etwas anderes. Hier geht es darum, einem Kind, das im Widerstand ist, bewusst zu machen, dass die Beziehung ihm ja eigentlich etwas bedeutet. Beispiele:

  • Ein Kind, das das Gespräch verweigert, weil es sich der Abhängigkeit nicht mehr bewusst ist.
  • Ein Kind, das nicht motiviert ist, eine Lösung für ein Problem zu finden.

Für so ein Kind kann es sehr hilfreich sein, wenn die Eltern ihre Dienstleistungen und Hilfestellungen herunterfahren, immer aber mit diesen Worten und (!!) Gedanken: "Ich würde dir gerne bei den Hausaufgaben helfen, aber ich möchte, dass wir zuerst das Problem mit dem Facebook so regeln, dass es für beide stimmt." Natürlich muss das alles ehrlich gemeint sein. Also nicht so: "Ich helfe dir erst wieder, wenn du in Sachen Facebook klein bei gibst." Das sieht zwar äusserlich sehr ähnlich aus, ist aber in Wirklichkeit so verschieden wie Tag und Nacht. Ein Kind wird diese Haltung auch dann herausspüren, wenn man VP-Formulierungen gebraucht. So etwa müssten deine Gedanken sein:

  • Ich will wirklich ein Lösung, die auch für mein Kind stimmt. Je tiefer unsere Beziehung ist, desto mehr werden deine Argumente für das Kind Gewicht haben.
  • Meine "Dienstleistungen" sind für mich keine mühsame Pflicht, sondern Dinge, die ich meinem Kind "zu Liebe" tue. Der Verzicht darauf ist auch für mich ein Verzicht.
  • Ich zeige meinem Kind auf anderen Wegen, dass unsere Beziehung stärker ist als alle Schwierigkeiten und dass ich immer auf seiner Seite bin. So vielleicht: "Wir werden eine Lösung finden, aber wir wollen keine Instant-Lösung, die dann niemanden befriedigt."
  • Es ist hilfreich, das Beziehungsfasten nicht stur durchzuziehen. Ein Kind, das merkt, dass die Eltern sich ebenso freuen, bis es vorbei ist, wird in seiner Loyalität gefördert. Es geht eben gerade nicht darum, um jeden Preis konsequent zu sein. Das Kind soll sich nicht deshalb einklinken, weil der Druck zu gross ist, sondern weil es sich bewusst wird, wie wichtig ihm die Beziehung ist und dass es sich lohnt, dafür etwas zu investieren und Kompromisse einzugehen.

Wie du siehst, braucht es fürs Beziehungsfasten eine gewisse Reife. Mit Kindern unter drei bis vier Jahren sollte man grundsätzlich nicht auf Distanz gehen, bzw. sie zur Strafe wegschicken oder gar -sperren, höchstens einmal, um sie vor dem elterlichen Zorn zu schützen und so noch grösseren Beziehungsschaden zu vermeiden. Kleinkinder sind nicht in dem Sinn loyal, dass sie es uns recht machen wollen. Sie bauen unseren Wunsch in ihr Denken ein oder eben nicht, aber sie verzichten nicht aktiv auf etwas, um es uns recht zu machen. Kleine Kinder kann man beeinflussen, wenn sie spüren, dass es uns ernst ist und dass wir auf ihrer Seite sind, auch dann, wenn Kinder quer stehen und zornig sind. Je näher uns die Kinder sind, je tiefer die Bindung ist, desto besser werden sie reifen können. Wenn wir das Vertrauen der Kinder erhalten, bis sie etwa vier sind, beschenken sie uns mit ihrer Loyalität, ein Join-up auf einer neuen Ebene.

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Info 11-12 "Was unterscheidet denn VP von 'normaler' Erziehung?"

Wüsstest du so schnell, was der Unterschied ist? Nun, so will ich hier ein paar Dinge auflisten, die dir vielleicht helfen:

  • VP geht davon aus, dass Kinder jenen (meistens) gehorchen, mit denen sie im Join-up sind. Wenn man Kinder mit Belohnungen und Bestrafungen, Beschimpfungen und Demütigungen zum Gehorsam zwingen will, vertreibt man sie aus dem Join-up. Viele Kinder fügen sich diesem Druck, solange sie klein sind (oder auch nicht), aber es entwickelt sich nicht jene Beziehung, die sie als junge Menschen so dringend brauchen. "Mein Freund will unbedingt mit mir schlafen." Mit wem wird eine 17-jährige darüber reden? Welch eine Gnade, wenn es die Eltern sind und nicht ihre "Freundinnen".
  • Weil die Kinder oft nicht im Join-up sind mit den Lehrkräften, orientieren sie sich an den Gleichaltrigen. Sie übernehmen deren Werte, deren Haltungen und auch deren Sprache. Viele Kinder fürchten sich mehr davor, in der Schule ausgegrenzt zu werden, als vor einem Konflikt mit dem Lehrer oder den Eltern.
  • Eltern, die loyal sind mit ihren Kindern und mit der Loyalität der Kinder rechnen und diese nicht durch Misstrauen, Druck und Beschämungen untergraben, helfen ihren Kindern, dass sie sich vor lauter Anpassung an die Gleichaltrigen nicht selber verlieren, sondern an ihren Werten festhalten können und bereit sind, für ihre Haltungen einzustehen, auch wenn sie dafür Opfer bringen müssen. 
  • Eltern, die VP umsetzen wollen, schimpfen nicht in pädagogischer Absicht, sondern höchstens, um allenfalls ihrem Ärger Luft zu machen. Sie wissen, dass Beschimpfungen Menschen nicht zur Einsicht und Umkehr führen, sondern zur Verteidigung und Rechtfertigung. Verhaltensänderungen sind meist sehr kurzlebig.
  • Sie beschränken sich in der Krise auf Schadensbegrenzung und nehmen dann Einfluss, wenn Friedenszeit ist, wenn die Herzen wieder offen sind.
  • Sie fühlen sich nicht verpflichtet, immer eine Lösung für ein Problem zu haben und allzeit alles im Griff zu haben. Wer liebt, muss bereit sein, auf Kontrolle zu verzichten. Das gilt nicht nur mit Kindern, sondern unter Menschen ganz allgemein.
  • Sie führen klar und mutig und sagen ihren Kindern, was sie denken, aber sie wissen, dass sie den Gehorsam letztlich nicht erzwingen können. Gott verzichtet auch darauf. Er hat deshalb Seinen Sohn auf die Welt gesandt und uns angeboten, mit IHM ins Join-up zu kommen. ER hat dafür die Voraussetzungen geschaffen, nicht wir.

In diesem Sinne wünsche ich euch eine gesegnete Weihnachtszeit, dass ihr Zeit und Musse findet, eure Familienbande wieder enger zu knüpfen, aber auch jene an unsern geliebten Herrn. Im Join-up mit IHM können wir die Angst loslassen, unsere Kinder könnten uns entgleiten...

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Info 11-11 "Wenn Remo (3) seine kleine Schwester schlägt und kneift"

Du erinnerst dich an den letzten Infobrief? Dort ging es darum, dass es in einer Krisensituation wenig Sinn macht, erziehen zu wollen. Dort geht es um Schadensbegrenzung. Aber im Einzelfall ist es oft nicht so einfach. Deshalb hier als Beispiel ein solcher Einzelfall: 

Remo (3) hat eben wieder die kleine Jael (halbjährig) gekniffen und geschlagen. Seine Mama kommt dazu. Normalerweise überfallen sie in einer solchen Situation aggressive Gefühle gegen Remo. Vor allem deshalb, weil es in letzter Zeit häufig vorkommt. Je mehr sie versucht, Einfluss zu nehmen, desto schlimmer wird es. Sie weiss ja, dass Schimpfen nichts nützt und deshalb sagt sie nur: "Remo, das tut Jael weh. Du darfst sie nicht plagen." Aber sie spürt, dass das keine Wirkung hat. Oft wiederholt sich das Ganze schon kurz danach. Was könnte sie denn tun? Was können wir ihr aus Sicht der Vertrauenspädagogik raten?

"Deine negativen Gefühle gegen Remo melden sich immer schon, bevor deine fürsorglichen Gefühle für Jael sich melden. Versuche, zuerst die fürsorglichen Gefühle für Jael zu aktivieren. Geh auf sie zu und sage vielleicht: 'Oh, habt ihr Streit gehabt? Wow, das ist traurig. Tut es dir fest weh?! Komm, Mama und Remo trösten dich... arme Jael.' Du hast recht gelesen. Man kann in einem solchen Fall den Aggressor sofort fürs Trösten gewinnen. Remo wird im Normalfall sofort deine fürsorglichen Gefühle aufnehmen und dich beim Trösten unterstützen. Für ein dreijähriges Kind ist das kein Problem. Er liebt Jael ja auch, aber wenn er sich über sie aus irgend einem Grund ärgert, dann verliert er das aus dem Fokus. Wenn du ihn beschimpfst, ruft das natürlich seine Liebe nicht ins Bewusstsein. Wenn du aber fürsorgliche Gefühle für Jael hast und dir über Remos Aggression zunächst keine Gedanken machst, wird die brüderliche Fürsorglichkeit ganz schnell aktiviert. Wenn dann die Kleine getröstet ist und Remo sich freut, dass ihr zwei so gut zusammengewirkt habt, dann ist der Moment gekommen zu fragen: "Was war denn los, Remo?" Dann kann es sein, dass du etwas erfährst, was ihn bewegt hat, sie zu schlagen. Wahrscheinlich weiss er es selber nicht mehr so genau. Dann lass die Belehrungen und sage höchstens: 'Gell, das ist so traurig, wenn du sie schlägst und kneifst.' Seine Zustimmung ist sehr wahrscheinlich." 

Wenn eine Mama so vorgeht, ist die Chance gross, dass sich die Situation bessert. Mir geht aber noch etwas anderes durch den Kopf. Eigentlich sollte die kleine Jael nur ausnahmsweise ausserhalb von Mamas Blickfeld mit Remo zusammen sein. Ihr bester Platz wäre im Tragetuch auf dem Rücken ihrer Mutter oder einer anderen erwachsenen Person. Dort wäre sie nicht immer im Zentrum der Aufmerksamkeit, wäre beim Arbeiten nicht im Weg und wäre gesättigt durch Nähe und Geborgenheit, die beste Voraussetzung für eine gesunde Entwicklung. 

Und keine Angst, man kann ein Kind so nicht "verwöhnen". Es gibt nie ein Zuviel an Geborgenheit. Wenn Jael auf dem Rücken ist, dann ist vorne der Blick frei für Remo und für die Hausarbeit, die sie zusammen machen können, bevor dann in der Pause alle - gesättigt durch Nähe - eigene Wege gehen können. 

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Info 11-10 "Ein klares Kennzeichen"

Zweifelst du manchmal, ob denn das Vertrauenspädagogik sei, was du machst? Bist du manchmal unsicher und verlierst aus den Augen, worauf es ankommt? Dann wird dir der heutige Infobrief eine Hilfe sein. Es geht um die Frage, wie ich in einer Krisensituation reagiere.

Stell dir vor, du bist eben dazugekommen, wie dein zweijähriges Kind mit dem Filzstift deine Türe signiert hat. Wenn du verhaltensorientiert bist, wirst du dich erinnern, dass es jetzt darum geht, sofort zu reagieren, sofort einen Strafreiz zu setzen, damit dein Kind für immer weiss, dass das nicht ok ist. Du wirst "wissen", dass deine Reaktion unmittelbar erfolgen muss und nicht erst später, damit der Zusammenhang beim Kind klar ist. Du wirst zum Beispiel energisch den Filzstift aus seiner Hand nehmen und in schroffem Ton sagen: "Das darfst du nicht. Schau, was du gemacht hast!!" Dann ist die Sache für dich abgeschlossen. Du verlässt dich auf die abschreckende Wirkung deiner Massnahme. Wenn nicht, dann wirst du beim nächsten Einsatz des Filzschreibers sagen: "Mei, mei, wenn du wieder an die Türe malst, muss das Mami fest schimpfen," damit das Kind sich an den Strafreiz erinnert. Je mehr du an der Wirkung dieser Warnung zweifelst, desto energischer wirst du sie vortragen. 

Wenn du vertrauenspädagogisch unterwegs sein willst, dann wirst du in dieser Situation ja trotzdem emotional sein. Und Adrenalin wird auch in deine Adern schiessen. Und vielleicht wirst du wütend und aggressiv. Dann rate ich dir Folgendes: Richte deine Wut und deine Aggression nicht gegen das Kind, sondern gegen das Ereignis. Je schneller du von der Wut in die Traurigkeit wechseln kannst, desto besser. Traurigkeit ist eine Emotion, die nicht anklagt und die dein Herz und das deines Kindes weich erhält. Und du sagst dann vielleicht in traurigem Ton: "Wow, schau, dieser Strich darf hier nicht sein, der stört mich. Den wollen wir schnell wegmachen." Dann holst du am besten zwei Lappen, einen für dich und einen für dein Kind. Schau, dass du während der ganzen Zeit deine Konzentration beim Schaden behältst und deine Traurigkeit darüber spürbar bleibt. Sie wird im Herzen des Kindes ankommen. Nicht als Anklage, sondern als Orientierungshilfe. Und deshalb wird das Kind frei sein, zu lernen. Du weisst: In der akuten Situation belehre ich mein Kind nicht, denn jetzt regieren die Emotionen. Erst später, wenn ich selber und das Kind wieder ruhig sind, kann bewusste Beeinflussung geschehen. Zum Beispiel so: "Mit dem Filzstift musst du am Tisch bleiben. Sonst schreibt er wieder an die Wand. Darf er das? Nein. Genau, er darf nur hier am Tisch auf das Papier schreiben." 

Dieser Umgang wird deine Beziehung zum Kind stärken. Es wird deshalb motiviert sein, deine Sicht der Dinge zu übernehmen und mitzuhelfen, dass der Filzer keinen Schaden anrichtet. 

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Info 11-09 "Manchmal brauchen Kinder Grenzen, um frei zu sein"

Marc (13): "Ich gehe am Freitag in den Park mit den Kollegen."
Mama: "Was heisst das? Ich gehe…"
Marc (leicht gereizt): "Wir haben schon abgemacht. Alle gehen. Wir machen ein Lagerfeuer und sitzen ein bisschen ums Feuer. Das ist alles. Was soll da falsch sein dran?"

Was soll die Mama sagen? Es ist ja nichts Ungewöhnliches, dass Oberstüfler abends zusammensitzen wollen. Soll man das als Eltern zulassen oder nicht? Aus vertrauenspädagogischer Sicht könnte es so weitergehen:

Mama: "Weisst du, was mir aufgefallen ist? Du hast mir das mitgeteilt, anstatt zu fragen. Das entspricht nicht unseren Gewohnheiten."
Marc (druckvoll): "Ich muss da hingehen. Alle gehen. Keiner muss zu Hause fragen, nur ich. Das ist unfair."
Mama (ruhig und bestimmt): "Ich habe den Eindruck, dass du unter Druck bist und gar nicht wirklich frei, das zu tun, was du für richtig hältst. Das ist eine gefährliche Sache, Marc. Genau deshalb möchte ich nicht, dass du dort hingehst."
Marc (verzweifelt): "Das kannst du nicht machen, Mama, wie steh ich denn da?"
Mama: "Wir gehen an diesem Abend alle zusammen ins Kino. Das wird dir helfen abzusagen, aber wir müssen unbedingt darüber reden, wie du dich selber bleiben kannst in dieser Klasse, weisst du, so, dass du das machen kannst, was du selber für gut findest. Mir sind nämlich noch andere Dinge aufgefallen…"

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Info 11-08 "Gute Beziehung oder Join-up: Was ist der Unterschied?"

Diese Frage stellte mir eine Lehrkraft, die schon lange vertrauenspädagogisch unterwegs ist. Das ist in der Tat im Einzelfall nicht immer einfach zu unterscheiden. Nun, theoretisch ist es einfach. Eine Join-up-Beziehung ist eine gute Beziehung, die zusätzlich noch eine hierarchische ist. Das heisst, jemand ist über-, jemand ist untergeordnet. Es gibt Kinder, die sind charmant und anhänglich und leben dennoch im latenten Widerstand. Das merkt man etwa daran, dass sie Mühe haben, auf Anordnungen zu reagieren bzw. das Verhalten der Situation anzupassen. Sie nehmen sich Freiheiten heraus, die nicht ok sind, und du bist versucht, es zu tolerieren, weil du die gute Beziehung nicht gefährden willst.

Was kannst du tun? Ganz einfach: Join-up-Interventionen. Wenn die Beziehung gut ist, werden Kinder sehr schnell darauf einsteigen. Sie sind im Grunde froh, wenn die Hierarchie geklärt ist. Beispiel: 

"Hast du gemerkt, Jan, dass ich ein bisschen genervt war heute im Matheunterricht?"
"Nein, wieso?" 
"Du hast einen Witz gemacht und gleich noch einen angehängt. Fast hätte ich dich unterbrochen."
"Man wird doch noch einen Scherz machen dürfen, oder?"
"Du sagst es: einen, aber nicht zwei." 
"Wieso haben Sie nichts gesagt?"
"Ich wollte das lieber mit dir alleine besprechen. Ich habe schon öfters das Gefühl gehabt, dass du dir etwas viel herausnimmst. Kannst du das verstehen?"
"Mh, ja und nein. Das enttäuscht mich jetzt ein bisschen. Ich dachte immer, sie finden es auch lustig, wenn ich Witze mache."
"Stimmt, das finde ich wirklich. Manchmal wird es mir zu viel, und ich weiss nicht, wie ich dich bremsen kann. Dann habe ich das Gefühl, dass du dich nur schwer unterordnest. Täuscht dieses Gefühl?"
"Wie meinen Sie das, 'unterordnen'?"

Jetzt ist es Zeit, darüber zu sprechen, wie man es sich gegenseitig leicht machen kann, die Gleichwürdigkeit zu schaffen bzw. zu erhalten. Die Hauptverantwortung dafür tragen die Erwachsenen. 

"Ok, das finde ich eine gute Idee, auf das Stichwort ... reagiere ich so schnell wie möglich."

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Info 11-07 "Erziehung zur Selbständigkeit"

"Mama, kannst du mir bitte bei diesen Aufgaben helfen?" - "Du kannst das selber!", sagt Joana zu ihrer dreizehnjährigen Tochter und lässt sie über ihren Matheaufgaben brüten. Joana wird ihr dann schon helfen, wenn sie es alleine nicht schafft. Alles ok, oder? Nun, etwas hat Joana nicht bedacht. Eigentlich muss man kein Kind zur Selbständigkeit drängen. Kinder wollen alles selber machen, was sie sich zutrauen. Selbstbewusst wird man kaum unter dem Zwang, etwas selber machen zu müssen, obwohl es da Ausnahmen geben mag. Aus vertrauenspädagogischer Sicht geht es darum, die Beziehung zu den Kindern zu vertiefen. Du bist es, an dem sich dein Kind orientieren soll, deine Hilfe soll es suchen, damit es nicht in Versuchung kommt, sich unreif und unsicher von dir zu lösen. Wenn sich unreife Kinder vorzeitig von ihren Eltern lösen (müssen), sind sie in grosser Gefahr, sich an andere Kinder zu binden, die in der gleichen Lage sind. Unreife orientieren sich dann an Unreifen.

Liebe Joana, vielleicht würde deine Tochter ja wirklich ein bisschen schneller lernen, Mathe-Übungen selbständig anzupacken. Vielleicht gibt sie wirklich nicht alles. Dennoch rate ich dir, jede Gelegenheit zu nutzen, deinem Kind zu helfen, wenn es dich darum bittet (ich meine: "bittet"!). Das festigt die Hierarchie zwischen euch. Das gibt dir Gelegenheit, fürsorglich zu sein und im Kind ebendiese Art der Hierarchie zu verankern. Das soll dich ja nicht hindern zu fragen: "Meinst du, du schaffst die nächste Übung alleine?"

Noch eine Anmerkung: Aus meiner Sicht ist das Streben nach Unabhängigkeit und Autonomie kein zentrales Anliegen im Reich Gottes. Es geht eigentlich um Reife, nicht so sehr um Selbständigkeit. Hilfe annehmen, ohne sich dabei schlecht und minderwertig zu fühlen, ist geradezu eine christliche Tugend. (Letztlich besteht ja die Sünde an sich gerade darin, von Gott unabhängig zu sein.) Diese Tugend fördern kannst du nur, wenn du dich verabschiedest von Gedanken des Misstrauens wie diesem: "Mein Kind könnte es schon, es ist nur zu faul zum Selber-Denken." Wie gesagt, es mag da und dort so sein, aber es ist nicht ok, das einem Kind zu unterstellen.

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Info 11-06 "Führung - arbeitsteilig"

Monika hat den Kurs in Erding organisiert (Ihr habt wohl eher vom Bier als von der Gemeinde dort schon gehört…). Sie rief mich letzthin an und sagte mir, dass mein Input über den Gehorsam eine Entdeckung für sie war. Das gab mir zu denken, denn offensichtlich läuft man als Leser des Buches „Erziehen im Vertrauen“ Gefahr, etwas Wichtiges zu vergessen. Aufträge und Anweisungen gehören unbedingt dazu, obwohl es häufig hilfreich ist, eine Wahlfreiheit zu geben. Lest, was sie schrieb:

Beides wird getrennt betrachtet und - wichtig - dem Kind auch so mitgeteilt. Dies entlastet die Beziehung zum Kind enorm, da dieser ewige Machtkampf ums Gehorchen weg ist. Ich bin in meiner Anweisung greifbar und klar, das Kind darf gehorchen, es kann es aber auch sein lassen. Die Verantwortung fürs Gehorchen oder Nicht-Gehorchen liegt beim Kind. Wenn das Kind nicht nach meiner Anweisung handelt, bedeutet es nicht, dass meine Erziehung schlecht ist - und damit ich als Mama auch! Das Kind hat keine Macht über mich, es kann mich nicht ohnmächtig machen, unsere Beziehung bleibt frei. "Das grosse Puzzleteil im VP-Puzzle, das Du mir heute serviert hast, ist die Idee, dass ich meinem Kind die Anleitung für sein Handeln geben kann, darf und muss - das Kind wiederum ist für die Ausführung verantwortlich. Das sind zwei Paar Schuhe. Bisher habe ich unbewusst gedacht, ich sei für die Anleitung zuständig und auch dafür, dass mein Kind danach handelt, wobei ich gleich wieder die Gefahr im Hintergrund spüre, dem Kind, wenn es nicht folgt, den Satz "Ich hab's Dir ja gesagt!" um die Ohren zu knallen - statt mit ihm zu trauern."

Denkt dabei ans Bild mit den Enten. Das Folgen ist nicht Sache der Mutter, sondern der Entlein. Natürlich ist es in unserer Welt nicht immer möglich, das so durchzuziehen, aber als Grundhaltung sehr wichtig. Gehorchen unter Druck soll und wird dein Kind in anderen Umgebungen lernen.

Wer zum Gehorsam gezwungen wird, kann es nicht mehr freiwillig tun und wird so aus dem Join-up gedrängt.

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Info 11-05 "Vertrauen ist ansteckend"

Kennst du die Situation, wo ein kleines Kind sich hinter der Mutter versteckt, wenn eine fremde Person sich nähert? Es tut etwas ganz Normales. Es will zuerst wissen, wie die Person zur Mutter steht. Je enger das Kind an die Mutter gebunden ist, desto schneller wird es ihre Haltung übernehmen und sich dem Erwachsenen gegenüber öffnen – oder eben auch nicht. Und das Kind wird merken, ob die Mutter wirklich eine gute Beziehung hat zu dieser Person oder ob es nur Anstand ist. Hast du dir schon überlegt, wie oft du dein Kind in die Obhut von jemandem gegeben hast, ohne diese Person bei deinem Kind „einzuführen“? Ohne die Vertrauensbrücke zu schlagen von dir z. B. zur Hortnerin oder zur Kindergärtnerin? Kinder reagieren dann manchmal abweisend und misstrauisch und nicht selten gelten sie bald einmal als schwierige Kinder. Aber eigentlich sollten wir lieber über das Umgekehrte nachdenken. Du kannst mit wenig Aufwand für dein Kind etwas unendlich Wichtiges tun: Knüpfe eine Beziehung zu seinen Bezugspersonen in Schule und Freizeit. Lade die Lehrerin einmal zu dir nach Hause ein. Es ist gar nicht nötig, dass ihr dann über das Kind sprecht und sein Verhalten analysiert. Je lockerer und vertrauter ihr miteinander sprecht, desto loyaler wird dein Kind sich in der Schule in der Folge verhalten. Ich habe unter den Marotten meines Primarlehrers wesentlich weniger gelitten als meine Schulkameraden. Ich habe ihn nie verachtet wie manche von ihnen und habe trotz seiner Defizite viel von ihm gelernt. Weisst du, weshalb? Er war ein Freund meines Vaters. Wenn es dir nicht gelingt, ein Ja zu finden zur Lehrperson deines Kindes, dann solltest du über eine alternative Schule nachdenken. Dein Kind hat nur diese eine Schulzeit.

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Info 11-04 "Macht Liebe blind?"

Fest steht, dass Hass blind macht. Macht Liebe auch blind? Die Idee ist etwa die, dass Verliebte einander mit einer Rosabrille anschauen und irgendwann - spätestens im verflixten siebenten Jahr - einer vermeintlichen Wahrheit ins Auge schauen. Ich meine, dass es genau umgekehrt ist. Ist es nicht so, dass wir als Verliebte für kurze Zeit unser Misstrauen ablegen und einander so sehen, wie wir vielleicht gerne wären? Ich könnte mir vorstellen, dass das der Wahrheit näher kommt als das, was wir üblicherweise wahrnehmen bzw. interpretieren.

Ich habe im Infobrief über Anklagen geschrieben und darüber, dass sie Menschen abbauen. Mit der Liebe und ihrer Neigung, die Schattenseiten des Gegenübers auszublenden, ist es genau umgekehrt. Die Liebe ruft in uns unsere besten Möglichkeiten ab. Verliebte helfen einander bei jeder Gelegenheit, ermutigen sich gegenseitig, machen einander Komplimente, vermitteln, dass sie wertvoll sind usw. Was macht das mit denen? Sie werden ein bisschen so, wie sie gesehen werden. Mindestens im Kontext dieser Beziehung. Die Umstehenden sehen es oft anders und sagen: "Er ist halt verliebt." Da ist jemand als leicht unzurechnungsfähig entschuldigt. Dabei ist er gerade dabei, seine besten Seiten zu entwickeln.

Irgendwann nimmt die Verliebtheit ab und dann interpretieren die Menschen das gegenseitige Verhalten vermeintlich objektiver, in Wahrheit pessimistischer bzw misstrauischer. Der "Normalzustand" holt sie wieder ein und damit die Blindheit dafür, dass wir alle - meistens - unser Bestes geben.

Vertrauenspädagogik fordert dich auf, deine Kinder wie ein Verliebter zu sehen. Mit Augen der Liebe eben, die im Zweifelsfall die bessere Variante vermuten und nachfragen statt zu "sehen, was vor Augen ist". Mit Augen der Hoffnung und nicht der Kritik, mit Augen, die leiten und nicht gängeln. Das verändert Mitmenschen, nicht nur Kinder. Wenn du das tust, dann hoffentlich nicht blauäugig, weil du meinst deine Kinder seien schon so, wie du sie siehst, sondern weil du sie mit den Augen Jesu sehen möchtest.

Dann wäre es dann in Wahrheit so: Wir sind sehend, wenn wir lieben, erblinden langsam mit dem Erkalten der Liebe und sind blind, wenn wir dem Hass Raum geben. Oder umgekehrt: Erst die Liebe öffnet die Augen.

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Info 11-03 "Hierarchien"

Kannst du dich gut unterordnen? Kannst du nachgeben, ohne dich dabei schlecht zu fühlen? Ich meine natürlich nicht jene Situationen, wo du zu kurz kommst durchs Nachgeben, nein, sondern jene Situationen, wo das Nachgeben an sich das Problem ist. Das ist der Normalfall.

Wenn du damit Probleme hast, wirst du das auch von deinen Kindern erwarten. Die Gefahr, dass du Druck machst, um dem vorzubeugen, ist gross. Wenn du mit dem Widerstand in ihren Herzen rechnest, weil du selber im Widerstand bist gegen Menschen oder Aufgaben, wirst du mit hoher Wahrscheinlichkeit Widerstand in deinen Kindern provozieren. Was also tun?

Trainiere dich im Nachgeben. Trainiere dich darin, dich mit guten Gefühlen unterzuordnen (Ich weiss wovon ich rede!!). Du hast niemanden über dir? Kein Problem: Übe dich darin, dich Gott unterzuordnen und Seinem Wort, dann wirst du plötzlich überall Möglichkeiten sehen, dich unterzuordnen und Widrigkeiten ein- und wegzustecken ohne schlechte Gedanken und Gefühle.

Ja, und dann geht es darum, deine Kinder zu ehren, sie höher zu achten als dich selbst. In dieser Haltung werden sie sich eher unterordnen. Du denkst, das sei paradox? Ist es! Wie so vieles, das Jesus gesagt hat. Oder doch nicht? Umgekehrt ist es leichter nachzuvollziehen: Wem ordnest du dich lieber unter? Einem Chef, der dominant auftritt, weil er immer mit deinem Widerstand rechnet, oder jenem, der dich achtet, deine Bedürfnisse ernst nimmt und seine eigenen oft hintan stellt (Ich denke an jene Patrons, die für ihre Bude alles geben und wie Väter zu ihren Leuten schauen.)?

Und schliesslich lehre deine älteren Kinder diesen Führungsstil. Mache auch ihnen bewusst, dass die kleineren Geschwister schnell mit ihnen ins Join-up kommen, wenn sie ihrerseits im Join-up sind mit dir.

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Info 11-02 "Führen ohne Anklage - Teil 1"

Situation (aus einem Beratungsgespräch): Die Kinder dieser Familie müssen regelmässig Arbeiten aus einer Liste wählen und so ihren Beitrag an den Haushalt leisten. So haben es alle abgemacht. Die Idee ist, dass Kinder jene Arbeiten wählen, die sie mit Liebe tun können (das ist nicht das gleich wie „mit Spass“). Das entspräche dann VP.

Vorher (Rückfall in alte Muster): Du hast das Staubsaugen selber gewählt. Jetzt bist du nach fünf Minuten schon fertig. Geh noch Mal dran. (Widerstand, Diskussion, Konflikt, Druck, vielleicht sogar Beschimpfungen und Anklagen). Das Kind geht nochmals dran (vielleicht auch nur pro forma).

Nachher (VP): Du hast das Staubsaugen gewählt. Bist du zufrieden, so wie du die Arbeit gemacht hast? Ja, ich finde es sauber genug (eher trotzig.) Oha, da sind wir unterschiedlicher Meinung. Mama geht weg und lässt den Dingen ihren Lauf. Sie verzichtet im Moment auf eine Erklärung oder Begründung, weil sie den Widerstand des Kindes wahrnimmt.

Variante A: Das Kind geht nochmals dran. Dann wären die beiden – äusserlich gesehen – gleich weit wie „vorher“ ohne VP, aber eben: Welch ein Unterschied! Diesmal ohne Streit und erst noch mit der Energie des Kindes und nicht mir der Energie der Mutter. Vielleicht machte sich das Kind ganz wertvolle Gedanken und kam zu jenem Gehorsam, der Sieg ist, nicht Niederlage.

Variante B: Das Kind lässt es so, wie es ist. Dann ginge die Geschichte Tage später vielleicht etwa so weiter: Du möchtest staubsaugen? Mach lieber eine andere Arbeit. Wieso, ich möchte gerne. Bist du sicher? Ja, wieso meinst du? Letztes Mal war es mir zu wenig sauber. Dir schon. Mach lieber etwas anderes. Diesmal mach ich es bestimmt besser. Und was passiert, wenn wir wieder das gleiche Problem haben, wie letztes Mal? Dann geh ich nochmals ran. Ohne schlechte Gefühle? Ok, dann lass dir heute mehr Zeit und versuche nicht, möglichst schnell fertig zu sein. Der Staub braucht einfach seine Zeit, bis er sich aus dem Teppich löst. Da nützt es nichts, wenn du schnell bist mit der Staubdüse. Verstehst du das? Ja, sicher.

Hast du Zeit, die folgenden Zeilen zu lesen? Sie beschreiben eine Situation, die rein äusserlich nicht der Rede wert ist und doch markiert sie den Unterschied zweier Systeme. Gleichzeitig verdeutlichen sie, wie wichtig es gerade für uns Grosseltern ist, VP zu kennen.

J und wir Grosseltern haben einander sehr lieb, und trotzdem gab es immer wieder Situationen, in denen sie sich eigenartig verhielt. Wir erlebten, dass man sie sehr schnell "verlieren" kann, dass sie sich schnell innerlich zurückzieht, auf Widerstand geht, unberechenbar scheint, sich negativ verhält und Menschen dann vor den Kopf gestossen sein können. Seit wir und so auch ihre Eltern VP kennengelernt haben und praktizieren, spürt man eine Entlastung in der ganzen Situation. Folgende Erfahrung hat meine Beziehung zu J sehr gestärkt: Es war drei Tage nach dem ersten VP-Seminarabend. Wir hatten ja die Aufgabe bekommen, den Kindern und einander ohne Misstrauen zu begegnen. J und ihr kleiner Bruder D (2) waren an einem Nachmittag bei uns. Ich sass am Tisch, J stand/sass an/auf einem Stuhl neben mir, D stand zwischen uns. Wir waren irgendwas am Reden, ganz gelöste Situation. Da J eben nicht recht auf dem Stuhl sass, sondern so halb darauf lehnte, fiel der Stuhl mit ihr um und prallte dabei an D's Bein. D fiel auch um und begann sehr zu weinen. Dabei hielt er das Bein auf eine Weise, die  Schlimmes befürchten liess. Sofort nahm ich ihn zu mir, ging ins Bad und untersuchte das Bein. Es war dann aber schnell wieder gut, man musste nicht einmal kühlen. Als ich in die Stube zurückkam, bemerkte ich J's Unsicherheit. Sie wich mir aus. Mir war klar, dass sie ein schlechtes Gewissen hatte. Und wirklich, früher hätte ich wahrscheinlich gesagt, sie solle das nächste Mal besser aufpassen und nicht so halb auf den Stuhl sitzen. Aber da war wie ein kurzer "Blitz" in meinem Kopf: "Vertrauen". So schaute ich J fest an und sagte: "J, du bist ja mit dem Stuhl umgefallen. Hat es dir denn nicht weh gemacht?" Da begann J zu strahlen und sagte: "Nein." Die Situation war gelöst. Ich bin auch sicher, dass J jetzt besser aufpassen wird, auch wenn ich nichts davon gesagt habe. Kurz nachher kam meine Tochter die Kinder holen. Ich war grad allein in der Küche. Da hörte ich J daherstürmen, sie rannte richtig auf mich zu und sprang an mir hoch, umschlang mich ganz fest und drückte sich an mich. Seit diesem Erlebnis spüre ich, dass J noch viel mehr verbunden ist mit mir, unsere Beziehung ist sehr schön. Sie ist im Join-up mit mir. Claudia

Ich denke, Claudia hat recht. Was für eine Chance, wenn Kinder solche Beziehungen haben dürfen. Was für eine Chance für Grosseltern! Viele Grosseltern entschuldigen sich bei mir, wenn sie an einen Kurs kommen, weil sie ja keine Kinder mehr hätten. Ihr könnt euch vorstellen, was ich ihnen sage. Also, ermutigt auch andere Grosseltern, sich mit VP zu befassen. Ihr tut euren Kindern etwas zuliebe.

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Info 11-01 "Ermutigung"

Ein schönes Wort. Wer möchte nicht gern ermutigt werden? Kann man davon zu viel bekommen?

Kennst du diese Situation? "Ich mag nicht mehr." - "Nur noch bis zu jener Kurve, dann machen wir eine Pause. Komm, das schaffst du." - "Wieso machen wir denn immer Wanderungen?" - "Das ist doch schön, schau mal...."

Manchmal brauchen Kinder alle paar Minuten elterlichen Trost, weil die Schlange am Skilift so lang ist oder weil das Essen schnell kalt wird oder nicht schmeckt oder weil die Füsse kalt sind usw. Das Besondere daran ist, dass die Kinder den Trost in vorwurfsvollem Ton einfordern. Die Eltern sind ja in der Regel schuld, dass die Kinder in diese schlimme Situation geraten sind. Sie wollten ja, dass die Kinder dies oder jenes tun, also sind sie schuld an all dem Leiden, das damit verbunden ist. Kennst du das? Wenn ja, dann möchte ich dich ermutigen, dir das Ermutigen ein bisschen abzugewöhnen. "Rufe mich, wenn du dich positiv auf die Aufgaben eingestellt hast, dann helfe ich dir gerne." "Kannst du dich motivieren, bis ganz oben? Sonst warte doch einfach hier, bis wir wieder runterkommen mit den Schlitten." "Du musst doch nicht in die Skischule. Du darfst auch eine Schneeburg bauen." Kinder wollen dann plötzlich selber. Wenn sie lange genug beobachten, wie andere Spass haben, werden sie irgendwann selber die Kraft finden. Deine Ermutigung: "Schau, das ist doch toll, mit den andern das Skifahren zu lernen. Das schaffst du!!" bewirkt höchstens, dass das Kind dir Vorwürfe macht, wenn es öfter hinfällt als andere.

Im Moment läuft auf dem Forum ein Thema, auf das ich gespannt bin: Langeweile. Viele Eltern übernehmen die Verantwortung für die Langeweile ihrer Kinder und decken sie mit Vorschlägen ein, die diese dann vorwurfsvoll verwerfen. Hier läuft eine ganz unselige spiegelbildliche Kooperation. Je mehr die Eltern ihre Kinder "ermutigen", desto mehr geraten diese in emotionale Rücklage. Traurig ist es, dass wir solche Kinder dann als negativ erleben und dazu neigen, ihnen ihr Gejammer vorzuwerfen. Dabei haben sie sich einfach daran gewöhnt, angeschoben zu werden. Wer geschoben wird, muss sich zurücklehnen, um nicht hinzufallen.

Traue es also deinem Kind zu, seine Probleme selber zu lösen. Rede sie ihm nicht ein. Die Bibel fordert uns auf, mit den Weinenden zu weinen, nicht ihnen zu sagen, dass es gar nicht so traurig sei.

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Info 10-11 "Wenn das Essen nicht schmeckt"

"Meine Kinder motzen bei allem, was ich auf den Tisch stelle. Am liebsten würden sie nur Nutella und Zopf essen." Solche Klagen höre ich oft. Viele Eltern machen dann Druck auf ihre Kinder, und bei ihnen kommt an: „Mami hat ein Problem, wenn ich etwas nicht gern habe." Kinder können das nicht verstehen.

Sie können nicht verstehen, dass ihre Eltern leiden, nachdem sie das Essen ja geniessen können. Wieso wollen sie unbedingt noch, dass sie es essen, obwohl sie es nicht gern haben?

Besser als dieser Druck ist wahrscheinlich Folgendes: Sei nicht mehr wütend, beleidigt oder was auch immer, wenn das Kind etwas nicht mag, sondern vielmehr traurig. Traurig für das Kind, dem dieser Genuss entgeht. Und jetzt kommt ein wichtiger Grundsatz: Ziehe du deine Grenzen und überlass es dem Kind, seine Probleme zu lösen. Koche also nicht das, was ihm passt, sondern, was du für vernünftig hältst, und überlasse es Jonas, seine Probleme zu lösen.

„Schau Jonas, es ist traurig, wenn du etwas nicht magst, deshalb empfehle ich dir, immer wieder ein bisschen davon zu probieren. Aber das musst du selber wollen. Ich gebe mir Mühe, gesund und schmackhaft zu kochen. Wenn du das nicht magst, musst du selber für gesunde und schmackhafte Ernährung sorgen und ja nicht als Ersatz für das gesunde Essen ungesundes zu dir nehmen. Dessert und solche Dinge sind nicht zur Ernährung, sondern nur Genussmittel. Iss also zur Ernährung nach deiner Wahl Brot und Früchte und…. Du darfst dir auch mal selber etwas kochen. Mit den Genussmitteln müssen wir sehr zurückhaltend sein, damit sie nicht zum Nahrungsersatz werden." Jonas wird das wahrscheinlich einleuchten.

Jetzt wird er mit dieser Herausforderung umgehen. Dir bleibt es nur noch, ihn darin zu unterstützen und zu beraten. Klage ihn nicht mehr an, sondern trauere höchstens ab und zu mit ihm, geniesse das Essen und beachte sein Defizit nicht weiter. Du wirst staunen, wie schnell er alles geben wird, deine Mahlzeiten zu mögen.

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Info 10-10 "Manipulation"

Die folgende Frage eines Kursteilnehmers war der Ausgangspunkt dieses Inputs: "Du sagst, dass Kinder uns nicht manipulieren. Wie oft muss ich denn meinem Kleinkind den Löffel aufheben, den es umgehend wieder auf den Boden wirft?"

Kinder lieben Regeln. Sie lieben es, Gesetzmässigkeiten zu entdecken und zu schauen, ob sie das nächste Mal auch gelten. So auch mit dem Löffel.

„Ich lass ihn fallen, Papi hebt ihn auf. Ok, gleich nochmals probieren. Es klappt, aha, so ist die Spielregel.“ Diese lebenswichtige Fähigkeit, Regeln zu erkennen und einzuhalten, solltest du auf-, nicht abbauen. Das Kind würde dieses Spiel wohl noch lange spielen, wenn es nicht einen wachsenden Unmut in dir wahrnehmen würde. Dieser Unmut verwirrt es. Es spürt, dass etwas nicht stimmt, weiss aber nicht genau was. Was also tun? In der Verwirrung wird es wohl den Löffel noch einmal fallen lassen, in der Hoffnung, dass der alte Spass zurückkehrt.

Spiele das Spiel mit, zeige dem Kind, dass du seine Fähigkeit schätzest. Dann aber hebe den Löffel irgendwann zum letzten Mal auf, halte ihn ihm hin mit den Worten: "So, ich möchte mit diesem Spiel jetzt aufhören. Ich hebe ihn nicht mehr auf, wenn du ihn runter wirfst." Das Kind wird dann vielleicht prüfen wollen, ob es dich richtig verstanden hat, und wird den Löffel wieder runter schmeissen. Vielleicht wird es sich zunächst freuen, dass du dich erwartungsgemäss verhältst und den Löffel liegen lässt. Vielleicht aber hat es dich nicht verstanden und ist enttäuscht. Dann aber wird es wissen: „Aha, was er sagte, bedeutete, dass er den Löffel jetzt nicht mehr aufhebt. Zu dumm, dass ich das nicht gemerkt habe.“ In beiden Fällen wird es vielleicht den Löffel vermissen und jämmerlich schreien. Dann nimm das Kind am besten aus dem Hochsitz, damit es den Löffel selber holen kann und sich nicht geprellt fühlen muss.

Diese Interpretation ist vertrauenspädagogisch. Es mag sein, dass es Kinder gibt, die ihre Eltern manipulieren wollen. Ich denke, es wird die Ausnahme sein. Wenn du davon ausgehst und deinem Kind das unterstellst, wird es nicht lange dauern, und du wirst recht haben damit. Kinder pflegen das zu tun, was wir von ihnen erwarten.

Denke daran: Die Eltern sind es, die die Vertrauensbeziehung zum Kind, das Join-up, zuerst verlassen, nicht die Kinder. Kinder würden dir nie Manipulation unterstellen, deshalb dauert es oft so lange, bis sie es merken, wenn es vorkommt. Wir Erwachsenen neigen dazu, das dann als Dummheit und Naivität zu interpretieren.

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Info 10-09 "Streit unter Geschwistern"

"Jeden Abend streiten sie. Wenn ich nicht eingreife, kommt es zu Gewalt. Was kann ich tun?" Solche und ähnliche Anfragen häufen sich in letzter Zeit. Deshalb möchte ich es hier thematisieren.

Oft gibt es in solchen Situationen das "liebe Kind" und das "böse Kind". Fast immer intervenieren Eltern dann zugunsten des lieben Kindes. Allermeist wohl zu Recht, denn rein äusserlich gesehen, sind die Umstände meist so. Das Problem ist, dass diese Haltung die Situation zementiert. Das "böse Kind" ist frustriert und sucht, sich zu rächen, das liebe Kind fühlt sich bestätigt und hat letztlich auch kein Interesse an einer Lösung. Oft ist es hilfreich, und das hat sich an einigen Orten bewährt, wenn man als Eltern den Schiedsrichterdienst nur sehr sparsam leistet. "Wenn ihr es schafft, ohne zu streiten, lese ich euch eine Geschichte vor, sonst müsst ihr alleine zurecht kommen." Sobald beide Kinder ein Interesse haben am friedlichen Beisammensein, kann sich etwas verändern.

Tiefer geht das folgende Vorgehen: Sprecht darüber, was Hierarchien sind. Ermutigt die jüngeren Kinder, sich unterzuordnen, und coacht die älteren darin, wie sie Führung wahrnehmen.

Letzthin sprachen wir an der FARO-Schule über Hierarchien und wer sich denn wem gerne unterordnet. Die Kinder konnten erstaunlich offen darüber sprechen. Nun waren da zwei Mädchen, die sich bewusst geworden waren, wie die Hierarchie zwischen ihnen ist. Und es ergab sich folgendes Gespräch bei einer Partnerarbeit:

T (untergeordnet): Sollen wir den Text nochmals durchlesen? Ich bin noch nicht ganz drausgekommen.
N: (übergeordnet): Nein, ich habe es begriffen.

Wie erwartet fügte sich T in die Sache, und die beiden gingen an ihre Plätze. Gelegenheit für mich, auf N zuzugehen. Ich fragte sie: "Hast du jetzt eher in deinem Interesse oder im Interesse von T entschieden?" Anstelle einer Antwort ging sie zu T, und sie lasen den Text nochmals durch. Ich denke, es ist zentral, dass wir den Kindern diese Art von Leiterschaft vermitteln: Wenn ich übergeordnet bin, bin ich nicht Herrscher über andere, sondern dann trage ich Verantwortung für andere. Deren Wohl ist mir mindestens so wichtig wie meines. Diese Haltung ist wohl die beste Voraussetzung, dass sich soziale Gefüge entwickeln, die eben nicht Hackordnungen sind, sondern gleichwürdige Hierarchien.

Es kommt dir das ein bisschen utopisch vor? Wir waren auch überrascht. Vor allem wurde uns bewusst, wie schwierig es für Kinder ist, wenn Erwachsene ihnen laufend vermitteln, dass das Bilden von Hierarchien unerwünscht sei. Fragt uns an der Konferenz nach unseren Erfahrungen.

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