Infobriefe

Stöbern Sie hier im Archiv unserer Infobriefe. Wenn Sie etwas zu einem bestimmten Thema suchen, dann sind die Briefe einerseits in Kategorien geordnet, andererseits können Sie auch unter "Tags" nach Themeninhalten suchen. Viel Spass!

Info 11-08 "Gute Beziehung oder Join-up: Was ist der Unterschied?"

Diese Frage stellte mir eine Lehrkraft, die schon lange vertrauenspädagogisch unterwegs ist. Das ist in der Tat im Einzelfall nicht immer einfach zu unterscheiden. Nun, theoretisch ist es einfach. Eine Join-up-Beziehung ist eine gute Beziehung, die zusätzlich noch eine hierarchische ist. Das heisst, jemand ist über-, jemand ist untergeordnet. Es gibt Kinder, die sind charmant und anhänglich und leben dennoch im latenten Widerstand. Das merkt man etwa daran, dass sie Mühe haben, auf Anordnungen zu reagieren bzw. das Verhalten der Situation anzupassen. Sie nehmen sich Freiheiten heraus, die nicht ok sind, und du bist versucht, es zu tolerieren, weil du die gute Beziehung nicht gefährden willst.

Was kannst du tun? Ganz einfach: Join-up-Interventionen. Wenn die Beziehung gut ist, werden Kinder sehr schnell darauf einsteigen. Sie sind im Grunde froh, wenn die Hierarchie geklärt ist. Beispiel: 

"Hast du gemerkt, Jan, dass ich ein bisschen genervt war heute im Matheunterricht?"
"Nein, wieso?" 
"Du hast einen Witz gemacht und gleich noch einen angehängt. Fast hätte ich dich unterbrochen."
"Man wird doch noch einen Scherz machen dürfen, oder?"
"Du sagst es: einen, aber nicht zwei." 
"Wieso haben Sie nichts gesagt?"
"Ich wollte das lieber mit dir alleine besprechen. Ich habe schon öfters das Gefühl gehabt, dass du dir etwas viel herausnimmst. Kannst du das verstehen?"
"Mh, ja und nein. Das enttäuscht mich jetzt ein bisschen. Ich dachte immer, sie finden es auch lustig, wenn ich Witze mache."
"Stimmt, das finde ich wirklich. Manchmal wird es mir zu viel, und ich weiss nicht, wie ich dich bremsen kann. Dann habe ich das Gefühl, dass du dich nur schwer unterordnest. Täuscht dieses Gefühl?"
"Wie meinen Sie das, 'unterordnen'?"

Jetzt ist es Zeit, darüber zu sprechen, wie man es sich gegenseitig leicht machen kann, die Gleichwürdigkeit zu schaffen bzw. zu erhalten. Die Hauptverantwortung dafür tragen die Erwachsenen. 

"Ok, das finde ich eine gute Idee, auf das Stichwort ... reagiere ich so schnell wie möglich."

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Info 11-07 "Erziehung zur Selbständigkeit"

"Mama, kannst du mir bitte bei diesen Aufgaben helfen?" - "Du kannst das selber!", sagt Joana zu ihrer dreizehnjährigen Tochter und lässt sie über ihren Matheaufgaben brüten. Joana wird ihr dann schon helfen, wenn sie es alleine nicht schafft. Alles ok, oder? Nun, etwas hat Joana nicht bedacht. Eigentlich muss man kein Kind zur Selbständigkeit drängen. Kinder wollen alles selber machen, was sie sich zutrauen. Selbstbewusst wird man kaum unter dem Zwang, etwas selber machen zu müssen, obwohl es da Ausnahmen geben mag. Aus vertrauenspädagogischer Sicht geht es darum, die Beziehung zu den Kindern zu vertiefen. Du bist es, an dem sich dein Kind orientieren soll, deine Hilfe soll es suchen, damit es nicht in Versuchung kommt, sich unreif und unsicher von dir zu lösen. Wenn sich unreife Kinder vorzeitig von ihren Eltern lösen (müssen), sind sie in grosser Gefahr, sich an andere Kinder zu binden, die in der gleichen Lage sind. Unreife orientieren sich dann an Unreifen.

Liebe Joana, vielleicht würde deine Tochter ja wirklich ein bisschen schneller lernen, Mathe-Übungen selbständig anzupacken. Vielleicht gibt sie wirklich nicht alles. Dennoch rate ich dir, jede Gelegenheit zu nutzen, deinem Kind zu helfen, wenn es dich darum bittet (ich meine: "bittet"!). Das festigt die Hierarchie zwischen euch. Das gibt dir Gelegenheit, fürsorglich zu sein und im Kind ebendiese Art der Hierarchie zu verankern. Das soll dich ja nicht hindern zu fragen: "Meinst du, du schaffst die nächste Übung alleine?"

Noch eine Anmerkung: Aus meiner Sicht ist das Streben nach Unabhängigkeit und Autonomie kein zentrales Anliegen im Reich Gottes. Es geht eigentlich um Reife, nicht so sehr um Selbständigkeit. Hilfe annehmen, ohne sich dabei schlecht und minderwertig zu fühlen, ist geradezu eine christliche Tugend. (Letztlich besteht ja die Sünde an sich gerade darin, von Gott unabhängig zu sein.) Diese Tugend fördern kannst du nur, wenn du dich verabschiedest von Gedanken des Misstrauens wie diesem: "Mein Kind könnte es schon, es ist nur zu faul zum Selber-Denken." Wie gesagt, es mag da und dort so sein, aber es ist nicht ok, das einem Kind zu unterstellen.

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Info 11-03 "Hierarchien"

Kannst du dich gut unterordnen? Kannst du nachgeben, ohne dich dabei schlecht zu fühlen? Ich meine natürlich nicht jene Situationen, wo du zu kurz kommst durchs Nachgeben, nein, sondern jene Situationen, wo das Nachgeben an sich das Problem ist. Das ist der Normalfall.

Wenn du damit Probleme hast, wirst du das auch von deinen Kindern erwarten. Die Gefahr, dass du Druck machst, um dem vorzubeugen, ist gross. Wenn du mit dem Widerstand in ihren Herzen rechnest, weil du selber im Widerstand bist gegen Menschen oder Aufgaben, wirst du mit hoher Wahrscheinlichkeit Widerstand in deinen Kindern provozieren. Was also tun?

Trainiere dich im Nachgeben. Trainiere dich darin, dich mit guten Gefühlen unterzuordnen (Ich weiss wovon ich rede!!). Du hast niemanden über dir? Kein Problem: Übe dich darin, dich Gott unterzuordnen und Seinem Wort, dann wirst du plötzlich überall Möglichkeiten sehen, dich unterzuordnen und Widrigkeiten ein- und wegzustecken ohne schlechte Gedanken und Gefühle.

Ja, und dann geht es darum, deine Kinder zu ehren, sie höher zu achten als dich selbst. In dieser Haltung werden sie sich eher unterordnen. Du denkst, das sei paradox? Ist es! Wie so vieles, das Jesus gesagt hat. Oder doch nicht? Umgekehrt ist es leichter nachzuvollziehen: Wem ordnest du dich lieber unter? Einem Chef, der dominant auftritt, weil er immer mit deinem Widerstand rechnet, oder jenem, der dich achtet, deine Bedürfnisse ernst nimmt und seine eigenen oft hintan stellt (Ich denke an jene Patrons, die für ihre Bude alles geben und wie Väter zu ihren Leuten schauen.)?

Und schliesslich lehre deine älteren Kinder diesen Führungsstil. Mache auch ihnen bewusst, dass die kleineren Geschwister schnell mit ihnen ins Join-up kommen, wenn sie ihrerseits im Join-up sind mit dir.

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Info 11-02 "Führen ohne Anklage - Teil 1"

Situation (aus einem Beratungsgespräch): Die Kinder dieser Familie müssen regelmässig Arbeiten aus einer Liste wählen und so ihren Beitrag an den Haushalt leisten. So haben es alle abgemacht. Die Idee ist, dass Kinder jene Arbeiten wählen, die sie mit Liebe tun können (das ist nicht das gleich wie „mit Spass“). Das entspräche dann VP.

Vorher (Rückfall in alte Muster): Du hast das Staubsaugen selber gewählt. Jetzt bist du nach fünf Minuten schon fertig. Geh noch Mal dran. (Widerstand, Diskussion, Konflikt, Druck, vielleicht sogar Beschimpfungen und Anklagen). Das Kind geht nochmals dran (vielleicht auch nur pro forma).

Nachher (VP): Du hast das Staubsaugen gewählt. Bist du zufrieden, so wie du die Arbeit gemacht hast? Ja, ich finde es sauber genug (eher trotzig.) Oha, da sind wir unterschiedlicher Meinung. Mama geht weg und lässt den Dingen ihren Lauf. Sie verzichtet im Moment auf eine Erklärung oder Begründung, weil sie den Widerstand des Kindes wahrnimmt.

Variante A: Das Kind geht nochmals dran. Dann wären die beiden – äusserlich gesehen – gleich weit wie „vorher“ ohne VP, aber eben: Welch ein Unterschied! Diesmal ohne Streit und erst noch mit der Energie des Kindes und nicht mir der Energie der Mutter. Vielleicht machte sich das Kind ganz wertvolle Gedanken und kam zu jenem Gehorsam, der Sieg ist, nicht Niederlage.

Variante B: Das Kind lässt es so, wie es ist. Dann ginge die Geschichte Tage später vielleicht etwa so weiter: Du möchtest staubsaugen? Mach lieber eine andere Arbeit. Wieso, ich möchte gerne. Bist du sicher? Ja, wieso meinst du? Letztes Mal war es mir zu wenig sauber. Dir schon. Mach lieber etwas anderes. Diesmal mach ich es bestimmt besser. Und was passiert, wenn wir wieder das gleiche Problem haben, wie letztes Mal? Dann geh ich nochmals ran. Ohne schlechte Gefühle? Ok, dann lass dir heute mehr Zeit und versuche nicht, möglichst schnell fertig zu sein. Der Staub braucht einfach seine Zeit, bis er sich aus dem Teppich löst. Da nützt es nichts, wenn du schnell bist mit der Staubdüse. Verstehst du das? Ja, sicher.

Hast du Zeit, die folgenden Zeilen zu lesen? Sie beschreiben eine Situation, die rein äusserlich nicht der Rede wert ist und doch markiert sie den Unterschied zweier Systeme. Gleichzeitig verdeutlichen sie, wie wichtig es gerade für uns Grosseltern ist, VP zu kennen.

J und wir Grosseltern haben einander sehr lieb, und trotzdem gab es immer wieder Situationen, in denen sie sich eigenartig verhielt. Wir erlebten, dass man sie sehr schnell "verlieren" kann, dass sie sich schnell innerlich zurückzieht, auf Widerstand geht, unberechenbar scheint, sich negativ verhält und Menschen dann vor den Kopf gestossen sein können. Seit wir und so auch ihre Eltern VP kennengelernt haben und praktizieren, spürt man eine Entlastung in der ganzen Situation. Folgende Erfahrung hat meine Beziehung zu J sehr gestärkt: Es war drei Tage nach dem ersten VP-Seminarabend. Wir hatten ja die Aufgabe bekommen, den Kindern und einander ohne Misstrauen zu begegnen. J und ihr kleiner Bruder D (2) waren an einem Nachmittag bei uns. Ich sass am Tisch, J stand/sass an/auf einem Stuhl neben mir, D stand zwischen uns. Wir waren irgendwas am Reden, ganz gelöste Situation. Da J eben nicht recht auf dem Stuhl sass, sondern so halb darauf lehnte, fiel der Stuhl mit ihr um und prallte dabei an D's Bein. D fiel auch um und begann sehr zu weinen. Dabei hielt er das Bein auf eine Weise, die  Schlimmes befürchten liess. Sofort nahm ich ihn zu mir, ging ins Bad und untersuchte das Bein. Es war dann aber schnell wieder gut, man musste nicht einmal kühlen. Als ich in die Stube zurückkam, bemerkte ich J's Unsicherheit. Sie wich mir aus. Mir war klar, dass sie ein schlechtes Gewissen hatte. Und wirklich, früher hätte ich wahrscheinlich gesagt, sie solle das nächste Mal besser aufpassen und nicht so halb auf den Stuhl sitzen. Aber da war wie ein kurzer "Blitz" in meinem Kopf: "Vertrauen". So schaute ich J fest an und sagte: "J, du bist ja mit dem Stuhl umgefallen. Hat es dir denn nicht weh gemacht?" Da begann J zu strahlen und sagte: "Nein." Die Situation war gelöst. Ich bin auch sicher, dass J jetzt besser aufpassen wird, auch wenn ich nichts davon gesagt habe. Kurz nachher kam meine Tochter die Kinder holen. Ich war grad allein in der Küche. Da hörte ich J daherstürmen, sie rannte richtig auf mich zu und sprang an mir hoch, umschlang mich ganz fest und drückte sich an mich. Seit diesem Erlebnis spüre ich, dass J noch viel mehr verbunden ist mit mir, unsere Beziehung ist sehr schön. Sie ist im Join-up mit mir. Claudia

Ich denke, Claudia hat recht. Was für eine Chance, wenn Kinder solche Beziehungen haben dürfen. Was für eine Chance für Grosseltern! Viele Grosseltern entschuldigen sich bei mir, wenn sie an einen Kurs kommen, weil sie ja keine Kinder mehr hätten. Ihr könnt euch vorstellen, was ich ihnen sage. Also, ermutigt auch andere Grosseltern, sich mit VP zu befassen. Ihr tut euren Kindern etwas zuliebe.

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Info 10-09 "Streit unter Geschwistern"

"Jeden Abend streiten sie. Wenn ich nicht eingreife, kommt es zu Gewalt. Was kann ich tun?" Solche und ähnliche Anfragen häufen sich in letzter Zeit. Deshalb möchte ich es hier thematisieren.

Oft gibt es in solchen Situationen das "liebe Kind" und das "böse Kind". Fast immer intervenieren Eltern dann zugunsten des lieben Kindes. Allermeist wohl zu Recht, denn rein äusserlich gesehen, sind die Umstände meist so. Das Problem ist, dass diese Haltung die Situation zementiert. Das "böse Kind" ist frustriert und sucht, sich zu rächen, das liebe Kind fühlt sich bestätigt und hat letztlich auch kein Interesse an einer Lösung. Oft ist es hilfreich, und das hat sich an einigen Orten bewährt, wenn man als Eltern den Schiedsrichterdienst nur sehr sparsam leistet. "Wenn ihr es schafft, ohne zu streiten, lese ich euch eine Geschichte vor, sonst müsst ihr alleine zurecht kommen." Sobald beide Kinder ein Interesse haben am friedlichen Beisammensein, kann sich etwas verändern.

Tiefer geht das folgende Vorgehen: Sprecht darüber, was Hierarchien sind. Ermutigt die jüngeren Kinder, sich unterzuordnen, und coacht die älteren darin, wie sie Führung wahrnehmen.

Letzthin sprachen wir an der FARO-Schule über Hierarchien und wer sich denn wem gerne unterordnet. Die Kinder konnten erstaunlich offen darüber sprechen. Nun waren da zwei Mädchen, die sich bewusst geworden waren, wie die Hierarchie zwischen ihnen ist. Und es ergab sich folgendes Gespräch bei einer Partnerarbeit:

T (untergeordnet): Sollen wir den Text nochmals durchlesen? Ich bin noch nicht ganz drausgekommen.
N: (übergeordnet): Nein, ich habe es begriffen.

Wie erwartet fügte sich T in die Sache, und die beiden gingen an ihre Plätze. Gelegenheit für mich, auf N zuzugehen. Ich fragte sie: "Hast du jetzt eher in deinem Interesse oder im Interesse von T entschieden?" Anstelle einer Antwort ging sie zu T, und sie lasen den Text nochmals durch. Ich denke, es ist zentral, dass wir den Kindern diese Art von Leiterschaft vermitteln: Wenn ich übergeordnet bin, bin ich nicht Herrscher über andere, sondern dann trage ich Verantwortung für andere. Deren Wohl ist mir mindestens so wichtig wie meines. Diese Haltung ist wohl die beste Voraussetzung, dass sich soziale Gefüge entwickeln, die eben nicht Hackordnungen sind, sondern gleichwürdige Hierarchien.

Es kommt dir das ein bisschen utopisch vor? Wir waren auch überrascht. Vor allem wurde uns bewusst, wie schwierig es für Kinder ist, wenn Erwachsene ihnen laufend vermitteln, dass das Bilden von Hierarchien unerwünscht sei. Fragt uns an der Konferenz nach unseren Erfahrungen.

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