Infobriefe

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Info 17-09 "Hilfe Pubertät"

«Gibt es etwas, was ich vorbeugend tun kann, damit meine Kinder gut durch die Pubertät kommen?» - «Ich habe so vieles verpasst! Gibt es noch eine Chance?»
Solche und ähnliche Fragen werden mir oft gestellt, und ähnliche Fragen habe ich mir vor einigen Jahren selber gestellt. Es wäre doch super, wenn es so ein Wundermittel gäbe, ähnlich einem Pflanzendünger, den man verabreichen kann, und dann ist Wachstum garantiert. Nun, so etwas gibt es tatsächlich! Allerdings ist es weder ein Wundermittel, noch kann man es einfach verabreichen. Und doch ist es vergleichbar mit einem guten Dünger…
Wir alle wünschen uns Teenager mit eigener Persönlichkeit, reife junge Leute, und fragen uns, was wir zur Reifung beitragen können.
Reifung ist ganz eng mit Bindung verknüpft. Was unsere Kinder brauchen, ist eine tiefe und feste Bindung an uns, in diesem Kontext kann Reifung stattfinden.
Wenn unsere Kinder klein sind, ist uns das mit der Bindung noch klar. Doch spätestens wenn sie in die Oberstufe kommen, hören wir von vielen Seiten, leider auch von sogenannten Fachleuten, dass wir sie nun loslassen müssten, dass Rebellion normal sei, dass nun Gleichaltrige wichtiger würden als wir Eltern usw.
Dabei sind unsere Kinder gerade während der Pubertät so sehr auf eine Bindung an uns und den Schutz vor Angriffen und Verletzungen von aussen, den diese bietet, angewiesen. Nur in diesem sicheren «Zuhause» kann ihr Herz weich bleiben, und nur ein weiches Herz kann reifen. So eine sichere Bindung kann kein Gleichaltriges bieten, das ist unsere Aufgabe.
Ich weiss noch gut, wie ich als Jugendliche meinen Eltern mein Herz ausgeschüttet habe, ihnen mein Innerstes anvertraut habe. Heute weiss ich, das war Ausdruck einer tiefen Bindung. Und genau diese tiefe und sichere Bindung hat mich geschützt vor vielen Verletzungen von Gleichaltrigen. Ich habe sie durchaus gespürt, aber die giftigen Pfeile konnten nicht in mein Innerstes vordringen. Und das war der Kontext für Reifung!
Die gute Nachricht ist, es ist nie zu spät! Wir können immer in die Bindung investieren!
Halten wir an unseren Teenagern fest, bieten wir ihnen diese Geborgenheit eines sicheren Hafens, auf das sie reifen und auch in stürmischen Zeiten bestehen können!

 

Talk über das Monatsthema

 

 

Livesendung vom 25. September 2017

 

Hilfe Pubertät

Die Pubertät ist eine Zeit des Umbaus: Es finden hormonelle Veränderungen, aber auch Veränderungen in der Gehirnstruktur statt. Der Ausspruch «Kleine Kinder, kleine Sorgen. Grosse Kinder, grosse Sorgen.» zeigt, dass viele Eltern Angst vor der Pubertät ihrer Kinder haben. Sie fragen sich, ob es etwas gibt, was vorbeugend hilft, und tatsächlich gibt es das: Eine tiefe und starke Bindung zum Kind aufzubauen, legt ein wunderbares Fundament und erleichtert die Phase der Pubertät. Eltern sollten auch im Teenageralter an der Bindung festhalten und ihren Jugendlichen einen sicheren Hafen bieten, wo sie bedingungslos geliebt und angenommen sind. Dadurch bleiben die Herzen der Teenager weich und ungepanzert, was Voraussetzung ist, dass Jugendliche zu einer reifen Persönlichkeit werden können.

Der Volksmeinung entspricht etwa folgende Aussage: «Es ist ganz normal, wenn Jugendliche ausbrechen, wenn Gleichaltrige wichtiger werden als die Eltern und wenn Teenager rebellieren. Du musst einfach während der Pubertät durchhalten, am Ende kommt alles automatisch wieder gut.» Diese Aussage stimmt so nicht. Natürlich gibt es in jeder Familie mal Streit, und selbstverständlich hinterfragen Jugendliche alles und wollen irgendwann selbständig und unabhängig von ihren Eltern sein, aber es gibt einen ganz entscheidenden Unterschied:

  • Sind Teenager nicht an ihre Eltern gebunden, übernehmen die Gleichaltrigen deren Aufgabe. Jugendliche rebellieren dann aus purem Gegenwillen gegen die Eltern. Dies führt zu den klassischen «Pubertätskämpfen». Die Teenager sind aus Prinzip gegenteiliger Meinung wie die Erwachsenen, haben aber eigentlich gar keine eigene Meinung.

  • Jugendliche, die sicher und tief gebunden sind, finden hingegen «sich selbst». Sie stellen alles infrage und probieren etwas aus, weil sie ihre eigenen Meinungen, Wünsche und Ziele fürs Leben finden wollen und sollen. Das ist in Ordnung und dafür brauchen sie Freiraum. Je besser die Bindung ist, desto eher kommen die Teenager «in den sicheren Hafen», um zu erzählen, was sie bewegt und beschäftigt.

    Solche Bindungen schützen vor Angriffen von aussen, aber auch vor Versuchungen von innen. Sicher gebundene Jugendliche müssen nicht alles ausprobieren, weil sie auch den Wunsch spüren, es den Eltern recht zu machen.

Auch wenn Jugendliche bereits gleichaltrigenorientiert sind, ist es nie zu spät. Es ist immer möglich, sich neu in eine Beziehung zu investieren und sich neu dem Kind zuzuwenden. Die Veränderung beginnt immer bei mir als Elternteil, in meinem Herzen. Eine Join-up-Intervention kann ein Anfangspunkt sein. Jugendliche bzw. Menschen generell können sich immer noch weiter entwickeln, sogar im hohen Erwachsenenalter.

 

Fragen und Inputs

Nora: Tochter (13) ist gut gebunden und als einzige nicht im Klassenchat. Deswegen wird sie ausgegrenzt. Würden die Eltern erkennen, wenn diese Belastung zu viel für die Tochter würde?

  • Das ist eine mutige Entscheidung. Um der Gleichaltrigenorientierung vorzubeugen, ist es empfehlenswert, Kinder so spät wie möglich mit Handys, Klassenchats, Internet usw. in Berührung kommen zu lassen. Sie brauchen eine gewisse Reife, um damit umgehen zu können. Kinder geraten dadurch zwar oft ins Abseits und spüren die Ausgrenzung, sind aber durch die Bindung an die Eltern davor geschützt.
  • Wenn die Tochter eine gute Bindung an die Eltern hat, wird sie den Entscheid vermutlich mittragen, und die Eltern würden ganz sicher spüren, wenn die Ausgrenzung für das Kind unerträglich wird.
  • Schwierig wird es, wenn die Bindung nicht so stark ist bzw. wenn das Thema die Beziehung sehr belastet, z. B. weil das Kind bereits gleichaltrigenorientiert ist oder weil das Kind die Entscheidung der Eltern als «feindlich» empfindet. Dann gilt es abzuwägen. In so einer Situation wäre auch denkbar, zusammen mit der Tochter den gesunden Umgang mit dem Klassenchat zu regeln und ihr zu helfen, richtig damit umzugehen: «Ich verstehe, dass das für dich schwierig ist. Ich werde dir helfen...» Zum Beispiel könnte die Jugendliche das Handy um 20:00 oder 21:00 Uhr abgeben. Wichtig ist, dass die Tochter spürt: Meine Eltern sind auf meiner Seite.
  • Beide Wege sind nicht einfach, und es gibt keine allgemein richtige Lösung. Wir können unsere Kinder nicht immer vor allem beschützen. Das Wichtigste ist, die Bindung nicht aufs Spiel zu setzen.

 Joana: Bis jetzt wurde immer gesagt, gute Freunde seien sehr wichtig, weil sich Teenager von ihren Eltern abwenden. Der Sohn ist eher ein Einzelgänger und die Mutter versuchte bis anhin eher, Freundschaften «zu organisieren». Nach dem Infobrief und der Sendung ist sie verunsichert, was jetzt richtig ist.

  • Gegen gute Freunde spricht grundsätzlich nichts. Es ist schön, gute Freunde zu haben. Es ist nur dann etwas gegen Freundschaften einzuwenden, wenn die Freunde die Stelle der Eltern einnehmen. Die Aufgabe der Eltern ist es, ihr Kind bedingungslos anzunehmen und ihm Geborgenheit zu vermitteln, damit es sich gut entwickeln und zu einer reifen und eigenständigen Person werden kann. Gleichaltrige können diese Aufgabe (noch) nicht bzw. nicht über längere Zeit wahrnehmen. Gleichaltrige verletzen sich zwangsläufig immer wieder. Deshalb ist es so wichtig, dass wir als reife Erwachsene die Hauptbezugspersonen unserer Kinder sind.
  • In der Bibel gibt es eine Bibelstelle von blinden Blindenführern. Es ist nicht gut, wenn Blinde Blinde oder eben Unreife Unreife führen. Dies führt unweigerlich zu Verletzungen. Damit Jugendliche das aushalten, müssen sie sich panzern. Genau das passiert bei der Gleichaltrigenorientierung, wenn eine gleichaltrige Person zur wichtigsten Bezugsperson wird. Die Meinung der anderen Jugendlichen wird dann wichtiger als die der Eltern oder der anderen erwachsenen Bezugspersonen. Jugendliche brauchen einerseits Freiheiten, andererseits aber auch ein Zuhause, wo sie sich selbst sein dürfen.
  • Ein Wort zum Thema Lager und Camps: Es spricht grunsätzlich nichts dagegen, Kinder in Lager zu schicken. Die zwei Fragen, die man sich dabei stellen muss: «Ist mein Kind in der Lage, während seiner Abwesenheit an mir festzuhalten und die Trennung während einer Woche zu überbrücken? Gibt es im Lager erwachsene Bezugspersonen, welche wie bei einem Staffellauf den Stab von den Eltern übernehmen, so dass das Kind nicht gezwungen wird, sich an Gleichaltrige zu binden?» Wenn diese beiden Voraussetzungen gegeben sind, kann ein Camp eine sehr wertvolle Erfahrung sein.

Maja: Schon im Infobrief wurde von den Bindungsstufen gesprochen. Worum geht’s da?

  • Vieles, was wir in der Vertrauenspädagogik bewegen, findet seine Parallelen bei Dr. Gordon Neufeld. Er ist ein kanadischer Entwicklungspsychologe und hat sechs Bindungsstufen definiert. Im Idealfall bindet sich ein Kind bis zum Ende seines sechsten Lebensjahres über diese Bindungsstufen an die Eltern. Es kann aber auch viel länger dauern. Je tiefer diese Bindung wird, desto verletzlicher wird sie auch.
  • Wer mehr darüber erfahren möchte, findet weitere Informationen dazu in den Büchern
    - «Unsere Kinder brauchen uns!» von Dr. Gordon Neufeld
    - «Der Neufeld-Ansatz für unsere Kinder» von Dagmar Neubronner
    - «Vertrauen - von Anfang an» von Maria Lüscher und Heinz Etter
    - «Lernen und reifen im Vertrauen» von Heinz Etter

 Nicole: Unser ältester Sohn (16) ist der Gleichaltrigenorientierung erlegen. Er stellt unsere Familienwerte infrage und wertet seine kleineren Brüder verbal ab. Wie kann ich der Gleichaltrigenorientierung entgegenwirken?

  • Eltern müssen der Gleichaltrigenorientierung nicht entgegenwirken, und es ist auch keine Krankheit. Eltern sollten sich darauf konzentrieren, in die Bindung zum Jugendlichen zu investieren und seine Bindungsbedürfnisse zu befriedigen. Wenn Teenager gleichaltrigenorientiert sind, ist es schwierig und braucht Geduld, sie wieder an sich zu binden, aber es ist möglich. Das Ziel wäre, dem Jugendlichen Nähe zu geben. Hilfreich kann es sein, Gemeinsamkeiten zu betonen, an die man anknüpfen kann: z. B. die Vorliebe für einen Fussballverein. Manchmal braucht es einen Einstieg: eine für den Teenie gekochte Mahlzeit oder ein kleines Geschenk, damit der Jugendliche wieder in die Beziehung einsteigen und aufblühen kann.
  • Wichtig ist es auch, auf die Hierarchie zu achten. Eltern sollten in der versorgenden, übergeordneten Rolle zu bleiben und nicht in die hierarchisch untergeordnete Position zu rutschen. Unterordnung bzw. eine Verkehrung der Bedürfnislage würde den Jugendlichen verunsichern. Gute Situationen, um diese versorgende Führungsrolle zu übernehmen, sind diejenigen, wo der Jugendliche die Hilfe der Eltern, z. B. einen Transportdienst, Hilfe bei einer Reparatur oder einem Projekt, braucht.
  • Es kann auch hilfreich sein, Beratung in Anspruch zu nehmen.

Dora: Unser Sohn hat eine leichte autistische Störung. Für ihn sind Freunde kein Thema - er ist lieber alleine oder mit uns Eltern zusammen. Wir haben daher keine Probleme mit der Gleichaltrigenorientierung. Was ihm fehlt, ist die wechselnde Hierarchie. Entweder lehnt er an uns an oder er führt seine Geschwister. Die wechselnde Hierarchie zwischen Gleichaltrigen kann er aber nicht üben.

  • Jede Beziehung ist hierarchisch. Es ist wunderbar, wenn der Junge sich an die Eltern anlehnen und die kleinen Geschwistern führen kann. Kindern mit autistischen Störungen fallen diese «Beziehungstänze» schwer. Was bei uns intiutiv läuft, muss ein autistisches Kind lernen. (Anmerkung Heinz Etter: Selten lässt man ihnen genug Zeit und Raum für die Reifung, dass auch sie die Beziehungsaufnahme von innen heraus leisten könnten.)
  • Kinder mit autistischen Störungen sind oft in einem Gebiet, z. B. in Mathematik, sehr stark. Dadurch kommt der Jugendliche automatisch in die Rolle, wo er z. B. den Eltern etwas erklären kann. Das wäre dann eine wechselnde Hierarchie.
  • Es gibt keinen Grund, sich Sorgen zu machen.

 

 

 

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Info 17-05 "Teenies brauchen nicht weniger Bindung, sondern eine andere"

Viele Menschen denken, dass sich Teenager von ihren Eltern lösen müssen, um selbständig und erwachsen zu werden. Das ist etwa ähnlich, wie wenn man einen Baum aus der Erde zieht, damit er ja eine schöne Höhe erreicht. Nein, je tiefer unsere Kinder in ihrer Familie verwurzelt sind, desto mutiger werden sie sich aufmachen, sich selber zu werden.
Viele Jugendliche, die sich von den Eltern lösen, werden weder freier noch selbständiger, sondern sie geraten in die Abhängigkeit von den Meinungen der Gleichaltrigen und fühlen sich auch gedrängt, Zeitplan, Freizeitaktivität und Vorlieben den Gleichaltrigen anzupassen bzw. anzugleichen.
Je mehr Jugendliche sich in einer tiefen und deshalb freilassenden Beziehung mit ihrer Familie verbunden fühlen, desto weniger verlieren sie sich selbst und ihre Identität, wenn sie sich aufmachen, Freundschaften zu schliessen und sich Vereinen und Gruppen anzuschliessen.
Was zeichnet diese tiefen Beziehungen aus? Sie tragen nicht nur dem Bedürfnis der Jugendlichen Rechnung, sich selber ans Steuerrad ihres Lebens zu setzen, sondern sie rechnen auch damit, dass Jugendliche dennoch Schutz, Nähe und Zärtlichkeit brauchen und viel Vertrauen in ihren guten Willen. Und wenn sie das Vertrauen nicht verdienen? Dann gilt das alles umso mehr!
Diese Gedanken haben uns an der Frühlingstagung beschäftigt. Daneben haben wir auch dem Begriff «Safer Sex» eine erweiterte Bedeutung gegeben. Nicht nur unser Körper soll ja sicher sein, auch unser Herz.

Talk über das Monatsthema

 

Livesendung vom 29. Mai 2017

Teenies brauchen nicht weniger Bindung, sondern eine andere

  • Die Adoleszenz ist eine Zeit der Umwandlung vom Kind zum Erwachsenen.
  • Das Kind nimmt diese Transformation in sich wahr. Es gehört zum Wesen dieser Umwandlungszeit, dass Teenager manchmal fast schon erwachsen sind und manchmal wieder Kind. Ihre Selbstsicht, ihre Identität, ihr Selbstwert ist immer wieder verändert - und das ist für das Kind bzw. den Teenager und für uns nicht so einfach.
  • Kinder sollten in dieser Zeit nicht vermehrt Abneigung, sondern vermehrt unsere Nähe und Zuneigung spüren. Sie brauchen es in dieser Zeit genauso wie früher. Ein Teenager braucht weniger unsere Kritik, sondern Zuwendung und Zuspruch.
  • Zärtlichkeit in dieser Zeit ist wichtig. Das hat sich verändert zu früher. Früher wollten die Teenager gar keine Zärtlichkeit.
  • So wie es im Natürlichen eine Veränderung vom Kind zum Erwachsenen gibt, so gibt es diese auch im geistlichen Bereich. Jesus ging seinen Jüngern voran und diese folgten ihm. Danach gab Jesus ihnen Autorität und sandte sie aus. In dieser Lehrzeit mussten sie es selber tun, wurden durch Jesus aber noch betreut. Dann, als Jesus in den Himmel zurückkehrte, gab er ihnen einen Auftrag und die Rollen veränderten sich. Genauso ist es bei den Eltern und Kindern. Am Anfang gehen wir ihnen voran, danach (wenn sie Teenager sind) lassen wir sie los, sind aber noch da. Wir ermächtigen unsere Kinder bzw. «senden sie aus», auch wenn wir wissen, dass sie noch nicht alles können.

 

Fragen und Inputs

  • Die Freundin vom Sohn hat Schluss gemacht. Wie geht sie als Mutter damit um?
    Sie kann nicht mehr tun, als ihm das Angebot zu machen, dass sie da ist. Innere Haltung: Ich traue meinen Sohn zu, dass er mit diesem Verlust, dieser Frustration klarkommt. Vielleicht den Sohn nach einem Monat fragen, wie es ihm geht.
  • Was ist mit der erweiterten Bedeutung von Safer Sex gemeint?
    Viele Eltern haben Sorgen, dass ihr Kind zu früh ein eigenes Kind bekommt, oder Angst vor Aids. Es gibt aber auch die seelische Dimension, wo ein Kind vielleicht noch mehr verletzt werden kann. Durch die Pille hatten früher viele Teenager das Gefühl, dadurch wären sie geschützt. Warum ist das so tragisch, wenn Teenager mit verschiedenen Partnern schlafen? In dem Moment wo man mit jemandem schläft, sollte man auch die innerlichen Hüllen fallen lassen können. Sex verbindet mehr, als viele meinen. Sex ist wie Sekundenkleber. Jungs gehen viel gepanzerter in solche Situation hinein, Mädchen weniger. Darum sind Mädchen häufig verletzter. Wenn man die Sexualität nicht im geschützten Rahmen erleben kann, ist das gefährlich.
  • Zärtlichkeit zwischen Kleinkindern und Eltern gilt als normal. Bei Teenagern hat man das Gefühl, das passe nicht. Wenn aber die Beziehung in Ordnung ist, wie können Eltern Körperkontakt bzw. Nähe geben?
    Stundenlange Diskussionen mit Kindern können ein Gefühl der Nähe geben. Das zeigt, dass die Eltern die Kinder ernst nehmen und sich Zeit für sie nehmen. Auch das Fernsehsofa ist ein guter Ort für körperliche Nähe zwischen Kindern und Eltern. Auch wir Eltern müssen unsere eigenen Grenzen spüren. Wenn das Kind sich uns in erotischer Weise nähert und wir uns nicht wohlfühlen, dann müssen wir es nicht abstellen, aber verändern.
  • Was ist mit «Fusion» gemeint?
    Wenn ein Jugendlicher zu früh ein Erwachsener sein muss, dann lebt er zwar in der Erwachsenenwelt, aber weiss noch nicht, wer er ist - die Reife fehlt. Wenn die Reife fehlt und man eine Beziehung startet, dann ist es schwer, den Platz in der Beziehung einzunehmen. Wenn ein Jugendlicher reif genug ist, dann weiss er, wer er ist. Wenn er so in eine Beziehung startet, dann muss er sich nicht unnatürlich dem Partner anpassen. Ein Angleichen ist okay, das passiert automatisch - aus Liebe zueinander.
    Die Jugendlichen brauchen ein sicheres Umfeld, wo sie sich getrauen, sich zu entfalten. Ein Teenager sollte sich auf keinen Fall von den Eltern freistrampeln, um alles von den Gleichaltrigen zu übernehmen und deren Einfluss ausgeliefert zu sein. Was können wir Eltern tun? Wir können es ihnen ermöglichen, dass sie in Freiheit erwachsen werden, weil wir sie aussenden, weil wir sie ernst nehmen, weil wir ein Gegenüber sind, das lebt und auf positive liebende Art - wenn nötig - Widerstand leistet.
  • Eine Tochter braucht viel Nähe, die andere weniger. Ist das ein Ausdruck der Beziehung oder gibt es Menschen, die einfach weniger Nähe brauchen?
    Die Liebessprache ist nicht bei allen gleich. Es kann aber auch sein, dass es Ausdruck einer gewissen Distanziertheit ist. Vielleicht liegt ihr das nicht gleich wie der anderen Tochter. Eine andere Form der Nähe zu finden, vielleicht durch Geschenke, Anteilnahme, das Anbieten kleiner, nicht eingeforderter Dienste. Wir sollten den Kindern unsere Liebesdienste schenken, ohne dass die Teens sie einfordern müssen (meistens passiert das dann eher auf schroffe Art).
  • Wie können wir die Nähe zu den Teenagern fördern, ohne sie zu nerven?
    Teenager gehen ganz unterschiedlich mit Zärtlichkeit um. Eine neutrale Form von Körperkontakt ist zum Beispiel das Kräftemessen mit den Eltern (ohne Streit). Man kann sie z. B. spielerisch in der Gegend herumschieben. Gleichzeitig sollten die Eltern den Kindern die Freiheit schenken, die sie brauchen, und sich dabei bewusst sein, dass es ein Stück weit normal ist, wenn das Kind z. B. gerne lange im Zimmer ist. Man kann auch mit dem Kind darüber sprechen, dass man es gerne umarmen würde. Das ist eine zärtliche Aussage. Und vielleicht sagen die Jugendlichen: «Ja, ist okay, einfach nicht vor Kollegen.» Die heutigen Teenager sind viel offener im Umgang mit diesem Thema wie früher, auch untereinander.
  • Könnte das Suchen nach Nähe einer Dreizehnjährigen auf eine unsichere Bindung zurückgeführt werden?
    Ja, es ist zwar seltener bei Jugendlichen. Jede Suche nach Nähe kann die Wurzel darin haben, dass das Kind sich nicht so sicher ist und dauernd die Bestätigung sucht. Aber meist ist es ganz normal und schön, wenn Jugendliche die Nähe der Eltern suchen.
  • Man sollte die Bedürfnisse von Kindern und Eltern gut auseinanderhalten.
    Eltern dürften zeigen, dass sie auch gerne einmal ihre Kinder umarmen wollen. Mein Kind darf spüren, dass ich selber Freude habe an einer Umarmung vom Kind. Ich muss nicht nur umarmen, weil es dem Kind guttut, sondern auch den Eltern - natürlich, ohne dem Kind zu nahe zu treten. Die Volksmeinung ist, dass die Teenager keine Zärtlichkeit wollen, deshalb geben wir sie ihnen nicht. Diese Meinung ist aber falsch.

 

 

 

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