Infobriefe

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Info 18-03 «Wenn ein 15-jähriges Gehirn mit einem 5-jährigen Herzen klarkommen soll»

Ich komme eben von einer Supervision zurück. Einmal mehr stehen wir bei einem Jugendlichen in dieser Situation. Woran merkt man es, wenn ein Jugendlicher mit einem kleinkindlichen Herzen leben muss? Ein Hauptmerkmal ist seine mangelnde Fähigkeit, bei seinen Entscheidungen mehrere Faktoren zu berücksichtigen, sie abzuwägen und schliesslich den klugen Weg zu wählen. Das ist für ihn ähnlich schwierig, wie wenn du einem Farbenblinden sagst: «Beim roten Haus musst du rechts abbiegen.» Vielleicht wird er dir nicht sagen, dass er es nicht von den grünen unterscheiden kann. Er schämt sich, darüber zu sprechen. Ähnlich geht es dem Jugendlichen. Er fällt oft kurzsichtige Entscheidungen, aber er würde sich schämen zuzugeben, dass er immer die Eltern fragen muss, was sie meinen. Wenn er überlegt, ob er noch ein drittes Bier trinken soll, dann ist nur das Argument im Kopf, dass die Kollegen ihn toll finden, wenn er dabei ist. Er denkt nicht ans Morgen, nicht an die Heimkehr, nicht ans Sackgeld, sondern nur an die Dynamik der Gemeinschaft, die ihn trägt und ihm ein gutes Gefühl vermittelt.
Wenn er anderntags damit konfrontiert wird, wird ihm das bestätigen, dass er nicht okay ist. Es wird ihn einmal mehr in Sorge, in Frustration oder in Wut versetzen. Niemand versteht ihn und er sich selber auch nicht, aber auch darüber kann er mit niemandem sprechen. Wir rechnen nicht damit, dass 15-jährige Jungs mit Bartwuchs kleine Kinder sein können. Aber wir werden uns daran gewöhnen müssen. Sie werden immer zahlreicher. In diesen Tagen hat sich in der NZZ ein Professor der Stanford University darüber beklagt, dass seine Schüler zwar genial sind, aber nicht erwachsen. Das ist sehr gefährlich. Was tun?
Menschen jeden Alters können reifen - und darum geht es - wenn sie ein weiches Herz haben und wenn sie sich geborgen und geschützt fühlen, wie es ihrem 5-jährigen Herzen entspricht. Wie unendlich schlechte Karten hat doch ein solches Kind, wenn es schon 15 ist. Und doch, wenn wir es sehen und beides berücksichtigen - sein «kleines» Herz und sein «grosses» Gehirn samt Anspruch auf Freiheit und Respekt - dann kann es geschehen, dass das Kind sich öffnet, Vertrauen fasst und sich am liebsten zu uns auf die Knie setzen würde - und dann rutsche ein bisschen zur Seite auf dem Sofa.

 

Talk über das Monatsthema

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Info 17-05 "Teenies brauchen nicht weniger Bindung, sondern eine andere"

Viele Menschen denken, dass sich Teenager von ihren Eltern lösen müssen, um selbständig und erwachsen zu werden. Das ist etwa ähnlich, wie wenn man einen Baum aus der Erde zieht, damit er ja eine schöne Höhe erreicht. Nein, je tiefer unsere Kinder in ihrer Familie verwurzelt sind, desto mutiger werden sie sich aufmachen, sich selber zu werden.
Viele Jugendliche, die sich von den Eltern lösen, werden weder freier noch selbständiger, sondern sie geraten in die Abhängigkeit von den Meinungen der Gleichaltrigen und fühlen sich auch gedrängt, Zeitplan, Freizeitaktivität und Vorlieben den Gleichaltrigen anzupassen bzw. anzugleichen.
Je mehr Jugendliche sich in einer tiefen und deshalb freilassenden Beziehung mit ihrer Familie verbunden fühlen, desto weniger verlieren sie sich selbst und ihre Identität, wenn sie sich aufmachen, Freundschaften zu schliessen und sich Vereinen und Gruppen anzuschliessen.
Was zeichnet diese tiefen Beziehungen aus? Sie tragen nicht nur dem Bedürfnis der Jugendlichen Rechnung, sich selber ans Steuerrad ihres Lebens zu setzen, sondern sie rechnen auch damit, dass Jugendliche dennoch Schutz, Nähe und Zärtlichkeit brauchen und viel Vertrauen in ihren guten Willen. Und wenn sie das Vertrauen nicht verdienen? Dann gilt das alles umso mehr!
Diese Gedanken haben uns an der Frühlingstagung beschäftigt. Daneben haben wir auch dem Begriff «Safer Sex» eine erweiterte Bedeutung gegeben. Nicht nur unser Körper soll ja sicher sein, auch unser Herz.

Talk über das Monatsthema

 

Livesendung vom 29. Mai 2017

Teenies brauchen nicht weniger Bindung, sondern eine andere

  • Die Adoleszenz ist eine Zeit der Umwandlung vom Kind zum Erwachsenen.
  • Das Kind nimmt diese Transformation in sich wahr. Es gehört zum Wesen dieser Umwandlungszeit, dass Teenager manchmal fast schon erwachsen sind und manchmal wieder Kind. Ihre Selbstsicht, ihre Identität, ihr Selbstwert ist immer wieder verändert - und das ist für das Kind bzw. den Teenager und für uns nicht so einfach.
  • Kinder sollten in dieser Zeit nicht vermehrt Abneigung, sondern vermehrt unsere Nähe und Zuneigung spüren. Sie brauchen es in dieser Zeit genauso wie früher. Ein Teenager braucht weniger unsere Kritik, sondern Zuwendung und Zuspruch.
  • Zärtlichkeit in dieser Zeit ist wichtig. Das hat sich verändert zu früher. Früher wollten die Teenager gar keine Zärtlichkeit.
  • So wie es im Natürlichen eine Veränderung vom Kind zum Erwachsenen gibt, so gibt es diese auch im geistlichen Bereich. Jesus ging seinen Jüngern voran und diese folgten ihm. Danach gab Jesus ihnen Autorität und sandte sie aus. In dieser Lehrzeit mussten sie es selber tun, wurden durch Jesus aber noch betreut. Dann, als Jesus in den Himmel zurückkehrte, gab er ihnen einen Auftrag und die Rollen veränderten sich. Genauso ist es bei den Eltern und Kindern. Am Anfang gehen wir ihnen voran, danach (wenn sie Teenager sind) lassen wir sie los, sind aber noch da. Wir ermächtigen unsere Kinder bzw. «senden sie aus», auch wenn wir wissen, dass sie noch nicht alles können.

 

Fragen und Inputs

  • Die Freundin vom Sohn hat Schluss gemacht. Wie geht sie als Mutter damit um?
    Sie kann nicht mehr tun, als ihm das Angebot zu machen, dass sie da ist. Innere Haltung: Ich traue meinen Sohn zu, dass er mit diesem Verlust, dieser Frustration klarkommt. Vielleicht den Sohn nach einem Monat fragen, wie es ihm geht.
  • Was ist mit der erweiterten Bedeutung von Safer Sex gemeint?
    Viele Eltern haben Sorgen, dass ihr Kind zu früh ein eigenes Kind bekommt, oder Angst vor Aids. Es gibt aber auch die seelische Dimension, wo ein Kind vielleicht noch mehr verletzt werden kann. Durch die Pille hatten früher viele Teenager das Gefühl, dadurch wären sie geschützt. Warum ist das so tragisch, wenn Teenager mit verschiedenen Partnern schlafen? In dem Moment wo man mit jemandem schläft, sollte man auch die innerlichen Hüllen fallen lassen können. Sex verbindet mehr, als viele meinen. Sex ist wie Sekundenkleber. Jungs gehen viel gepanzerter in solche Situation hinein, Mädchen weniger. Darum sind Mädchen häufig verletzter. Wenn man die Sexualität nicht im geschützten Rahmen erleben kann, ist das gefährlich.
  • Zärtlichkeit zwischen Kleinkindern und Eltern gilt als normal. Bei Teenagern hat man das Gefühl, das passe nicht. Wenn aber die Beziehung in Ordnung ist, wie können Eltern Körperkontakt bzw. Nähe geben?
    Stundenlange Diskussionen mit Kindern können ein Gefühl der Nähe geben. Das zeigt, dass die Eltern die Kinder ernst nehmen und sich Zeit für sie nehmen. Auch das Fernsehsofa ist ein guter Ort für körperliche Nähe zwischen Kindern und Eltern. Auch wir Eltern müssen unsere eigenen Grenzen spüren. Wenn das Kind sich uns in erotischer Weise nähert und wir uns nicht wohlfühlen, dann müssen wir es nicht abstellen, aber verändern.
  • Was ist mit «Fusion» gemeint?
    Wenn ein Jugendlicher zu früh ein Erwachsener sein muss, dann lebt er zwar in der Erwachsenenwelt, aber weiss noch nicht, wer er ist - die Reife fehlt. Wenn die Reife fehlt und man eine Beziehung startet, dann ist es schwer, den Platz in der Beziehung einzunehmen. Wenn ein Jugendlicher reif genug ist, dann weiss er, wer er ist. Wenn er so in eine Beziehung startet, dann muss er sich nicht unnatürlich dem Partner anpassen. Ein Angleichen ist okay, das passiert automatisch - aus Liebe zueinander.
    Die Jugendlichen brauchen ein sicheres Umfeld, wo sie sich getrauen, sich zu entfalten. Ein Teenager sollte sich auf keinen Fall von den Eltern freistrampeln, um alles von den Gleichaltrigen zu übernehmen und deren Einfluss ausgeliefert zu sein. Was können wir Eltern tun? Wir können es ihnen ermöglichen, dass sie in Freiheit erwachsen werden, weil wir sie aussenden, weil wir sie ernst nehmen, weil wir ein Gegenüber sind, das lebt und auf positive liebende Art - wenn nötig - Widerstand leistet.
  • Eine Tochter braucht viel Nähe, die andere weniger. Ist das ein Ausdruck der Beziehung oder gibt es Menschen, die einfach weniger Nähe brauchen?
    Die Liebessprache ist nicht bei allen gleich. Es kann aber auch sein, dass es Ausdruck einer gewissen Distanziertheit ist. Vielleicht liegt ihr das nicht gleich wie der anderen Tochter. Eine andere Form der Nähe zu finden, vielleicht durch Geschenke, Anteilnahme, das Anbieten kleiner, nicht eingeforderter Dienste. Wir sollten den Kindern unsere Liebesdienste schenken, ohne dass die Teens sie einfordern müssen (meistens passiert das dann eher auf schroffe Art).
  • Wie können wir die Nähe zu den Teenagern fördern, ohne sie zu nerven?
    Teenager gehen ganz unterschiedlich mit Zärtlichkeit um. Eine neutrale Form von Körperkontakt ist zum Beispiel das Kräftemessen mit den Eltern (ohne Streit). Man kann sie z. B. spielerisch in der Gegend herumschieben. Gleichzeitig sollten die Eltern den Kindern die Freiheit schenken, die sie brauchen, und sich dabei bewusst sein, dass es ein Stück weit normal ist, wenn das Kind z. B. gerne lange im Zimmer ist. Man kann auch mit dem Kind darüber sprechen, dass man es gerne umarmen würde. Das ist eine zärtliche Aussage. Und vielleicht sagen die Jugendlichen: «Ja, ist okay, einfach nicht vor Kollegen.» Die heutigen Teenager sind viel offener im Umgang mit diesem Thema wie früher, auch untereinander.
  • Könnte das Suchen nach Nähe einer Dreizehnjährigen auf eine unsichere Bindung zurückgeführt werden?
    Ja, es ist zwar seltener bei Jugendlichen. Jede Suche nach Nähe kann die Wurzel darin haben, dass das Kind sich nicht so sicher ist und dauernd die Bestätigung sucht. Aber meist ist es ganz normal und schön, wenn Jugendliche die Nähe der Eltern suchen.
  • Man sollte die Bedürfnisse von Kindern und Eltern gut auseinanderhalten.
    Eltern dürften zeigen, dass sie auch gerne einmal ihre Kinder umarmen wollen. Mein Kind darf spüren, dass ich selber Freude habe an einer Umarmung vom Kind. Ich muss nicht nur umarmen, weil es dem Kind guttut, sondern auch den Eltern - natürlich, ohne dem Kind zu nahe zu treten. Die Volksmeinung ist, dass die Teenager keine Zärtlichkeit wollen, deshalb geben wir sie ihnen nicht. Diese Meinung ist aber falsch.

 

 

 

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