Infobriefe

Stöbern Sie hier im Archiv unserer Infobriefe. Wenn Sie etwas zu einem bestimmten Thema suchen, dann sind die Briefe einerseits in Kategorien geordnet, andererseits können Sie auch unter "Tags" nach Themeninhalten suchen. Viel Spass!

Info 11-04 "Macht Liebe blind?"

Fest steht, dass Hass blind macht. Macht Liebe auch blind? Die Idee ist etwa die, dass Verliebte einander mit einer Rosabrille anschauen und irgendwann - spätestens im verflixten siebenten Jahr - einer vermeintlichen Wahrheit ins Auge schauen. Ich meine, dass es genau umgekehrt ist. Ist es nicht so, dass wir als Verliebte für kurze Zeit unser Misstrauen ablegen und einander so sehen, wie wir vielleicht gerne wären? Ich könnte mir vorstellen, dass das der Wahrheit näher kommt als das, was wir üblicherweise wahrnehmen bzw. interpretieren.

Ich habe im Infobrief über Anklagen geschrieben und darüber, dass sie Menschen abbauen. Mit der Liebe und ihrer Neigung, die Schattenseiten des Gegenübers auszublenden, ist es genau umgekehrt. Die Liebe ruft in uns unsere besten Möglichkeiten ab. Verliebte helfen einander bei jeder Gelegenheit, ermutigen sich gegenseitig, machen einander Komplimente, vermitteln, dass sie wertvoll sind usw. Was macht das mit denen? Sie werden ein bisschen so, wie sie gesehen werden. Mindestens im Kontext dieser Beziehung. Die Umstehenden sehen es oft anders und sagen: "Er ist halt verliebt." Da ist jemand als leicht unzurechnungsfähig entschuldigt. Dabei ist er gerade dabei, seine besten Seiten zu entwickeln.

Irgendwann nimmt die Verliebtheit ab und dann interpretieren die Menschen das gegenseitige Verhalten vermeintlich objektiver, in Wahrheit pessimistischer bzw misstrauischer. Der "Normalzustand" holt sie wieder ein und damit die Blindheit dafür, dass wir alle - meistens - unser Bestes geben.

Vertrauenspädagogik fordert dich auf, deine Kinder wie ein Verliebter zu sehen. Mit Augen der Liebe eben, die im Zweifelsfall die bessere Variante vermuten und nachfragen statt zu "sehen, was vor Augen ist". Mit Augen der Hoffnung und nicht der Kritik, mit Augen, die leiten und nicht gängeln. Das verändert Mitmenschen, nicht nur Kinder. Wenn du das tust, dann hoffentlich nicht blauäugig, weil du meinst deine Kinder seien schon so, wie du sie siehst, sondern weil du sie mit den Augen Jesu sehen möchtest.

Dann wäre es dann in Wahrheit so: Wir sind sehend, wenn wir lieben, erblinden langsam mit dem Erkalten der Liebe und sind blind, wenn wir dem Hass Raum geben. Oder umgekehrt: Erst die Liebe öffnet die Augen.

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Info 11-03 "Hierarchien"

Kannst du dich gut unterordnen? Kannst du nachgeben, ohne dich dabei schlecht zu fühlen? Ich meine natürlich nicht jene Situationen, wo du zu kurz kommst durchs Nachgeben, nein, sondern jene Situationen, wo das Nachgeben an sich das Problem ist. Das ist der Normalfall.

Wenn du damit Probleme hast, wirst du das auch von deinen Kindern erwarten. Die Gefahr, dass du Druck machst, um dem vorzubeugen, ist gross. Wenn du mit dem Widerstand in ihren Herzen rechnest, weil du selber im Widerstand bist gegen Menschen oder Aufgaben, wirst du mit hoher Wahrscheinlichkeit Widerstand in deinen Kindern provozieren. Was also tun?

Trainiere dich im Nachgeben. Trainiere dich darin, dich mit guten Gefühlen unterzuordnen (Ich weiss wovon ich rede!!). Du hast niemanden über dir? Kein Problem: Übe dich darin, dich Gott unterzuordnen und Seinem Wort, dann wirst du plötzlich überall Möglichkeiten sehen, dich unterzuordnen und Widrigkeiten ein- und wegzustecken ohne schlechte Gedanken und Gefühle.

Ja, und dann geht es darum, deine Kinder zu ehren, sie höher zu achten als dich selbst. In dieser Haltung werden sie sich eher unterordnen. Du denkst, das sei paradox? Ist es! Wie so vieles, das Jesus gesagt hat. Oder doch nicht? Umgekehrt ist es leichter nachzuvollziehen: Wem ordnest du dich lieber unter? Einem Chef, der dominant auftritt, weil er immer mit deinem Widerstand rechnet, oder jenem, der dich achtet, deine Bedürfnisse ernst nimmt und seine eigenen oft hintan stellt (Ich denke an jene Patrons, die für ihre Bude alles geben und wie Väter zu ihren Leuten schauen.)?

Und schliesslich lehre deine älteren Kinder diesen Führungsstil. Mache auch ihnen bewusst, dass die kleineren Geschwister schnell mit ihnen ins Join-up kommen, wenn sie ihrerseits im Join-up sind mit dir.

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Info 11-02 "Führen ohne Anklage - Teil 1"

Situation (aus einem Beratungsgespräch): Die Kinder dieser Familie müssen regelmässig Arbeiten aus einer Liste wählen und so ihren Beitrag an den Haushalt leisten. So haben es alle abgemacht. Die Idee ist, dass Kinder jene Arbeiten wählen, die sie mit Liebe tun können (das ist nicht das gleich wie „mit Spass“). Das entspräche dann VP.

Vorher (Rückfall in alte Muster): Du hast das Staubsaugen selber gewählt. Jetzt bist du nach fünf Minuten schon fertig. Geh noch Mal dran. (Widerstand, Diskussion, Konflikt, Druck, vielleicht sogar Beschimpfungen und Anklagen). Das Kind geht nochmals dran (vielleicht auch nur pro forma).

Nachher (VP): Du hast das Staubsaugen gewählt. Bist du zufrieden, so wie du die Arbeit gemacht hast? Ja, ich finde es sauber genug (eher trotzig.) Oha, da sind wir unterschiedlicher Meinung. Mama geht weg und lässt den Dingen ihren Lauf. Sie verzichtet im Moment auf eine Erklärung oder Begründung, weil sie den Widerstand des Kindes wahrnimmt.

Variante A: Das Kind geht nochmals dran. Dann wären die beiden – äusserlich gesehen – gleich weit wie „vorher“ ohne VP, aber eben: Welch ein Unterschied! Diesmal ohne Streit und erst noch mit der Energie des Kindes und nicht mir der Energie der Mutter. Vielleicht machte sich das Kind ganz wertvolle Gedanken und kam zu jenem Gehorsam, der Sieg ist, nicht Niederlage.

Variante B: Das Kind lässt es so, wie es ist. Dann ginge die Geschichte Tage später vielleicht etwa so weiter: Du möchtest staubsaugen? Mach lieber eine andere Arbeit. Wieso, ich möchte gerne. Bist du sicher? Ja, wieso meinst du? Letztes Mal war es mir zu wenig sauber. Dir schon. Mach lieber etwas anderes. Diesmal mach ich es bestimmt besser. Und was passiert, wenn wir wieder das gleiche Problem haben, wie letztes Mal? Dann geh ich nochmals ran. Ohne schlechte Gefühle? Ok, dann lass dir heute mehr Zeit und versuche nicht, möglichst schnell fertig zu sein. Der Staub braucht einfach seine Zeit, bis er sich aus dem Teppich löst. Da nützt es nichts, wenn du schnell bist mit der Staubdüse. Verstehst du das? Ja, sicher.

Hast du Zeit, die folgenden Zeilen zu lesen? Sie beschreiben eine Situation, die rein äusserlich nicht der Rede wert ist und doch markiert sie den Unterschied zweier Systeme. Gleichzeitig verdeutlichen sie, wie wichtig es gerade für uns Grosseltern ist, VP zu kennen.

J und wir Grosseltern haben einander sehr lieb, und trotzdem gab es immer wieder Situationen, in denen sie sich eigenartig verhielt. Wir erlebten, dass man sie sehr schnell "verlieren" kann, dass sie sich schnell innerlich zurückzieht, auf Widerstand geht, unberechenbar scheint, sich negativ verhält und Menschen dann vor den Kopf gestossen sein können. Seit wir und so auch ihre Eltern VP kennengelernt haben und praktizieren, spürt man eine Entlastung in der ganzen Situation. Folgende Erfahrung hat meine Beziehung zu J sehr gestärkt: Es war drei Tage nach dem ersten VP-Seminarabend. Wir hatten ja die Aufgabe bekommen, den Kindern und einander ohne Misstrauen zu begegnen. J und ihr kleiner Bruder D (2) waren an einem Nachmittag bei uns. Ich sass am Tisch, J stand/sass an/auf einem Stuhl neben mir, D stand zwischen uns. Wir waren irgendwas am Reden, ganz gelöste Situation. Da J eben nicht recht auf dem Stuhl sass, sondern so halb darauf lehnte, fiel der Stuhl mit ihr um und prallte dabei an D's Bein. D fiel auch um und begann sehr zu weinen. Dabei hielt er das Bein auf eine Weise, die  Schlimmes befürchten liess. Sofort nahm ich ihn zu mir, ging ins Bad und untersuchte das Bein. Es war dann aber schnell wieder gut, man musste nicht einmal kühlen. Als ich in die Stube zurückkam, bemerkte ich J's Unsicherheit. Sie wich mir aus. Mir war klar, dass sie ein schlechtes Gewissen hatte. Und wirklich, früher hätte ich wahrscheinlich gesagt, sie solle das nächste Mal besser aufpassen und nicht so halb auf den Stuhl sitzen. Aber da war wie ein kurzer "Blitz" in meinem Kopf: "Vertrauen". So schaute ich J fest an und sagte: "J, du bist ja mit dem Stuhl umgefallen. Hat es dir denn nicht weh gemacht?" Da begann J zu strahlen und sagte: "Nein." Die Situation war gelöst. Ich bin auch sicher, dass J jetzt besser aufpassen wird, auch wenn ich nichts davon gesagt habe. Kurz nachher kam meine Tochter die Kinder holen. Ich war grad allein in der Küche. Da hörte ich J daherstürmen, sie rannte richtig auf mich zu und sprang an mir hoch, umschlang mich ganz fest und drückte sich an mich. Seit diesem Erlebnis spüre ich, dass J noch viel mehr verbunden ist mit mir, unsere Beziehung ist sehr schön. Sie ist im Join-up mit mir. Claudia

Ich denke, Claudia hat recht. Was für eine Chance, wenn Kinder solche Beziehungen haben dürfen. Was für eine Chance für Grosseltern! Viele Grosseltern entschuldigen sich bei mir, wenn sie an einen Kurs kommen, weil sie ja keine Kinder mehr hätten. Ihr könnt euch vorstellen, was ich ihnen sage. Also, ermutigt auch andere Grosseltern, sich mit VP zu befassen. Ihr tut euren Kindern etwas zuliebe.

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Info 11-01 "Ermutigung"

Ein schönes Wort. Wer möchte nicht gern ermutigt werden? Kann man davon zu viel bekommen?

Kennst du diese Situation? "Ich mag nicht mehr." - "Nur noch bis zu jener Kurve, dann machen wir eine Pause. Komm, das schaffst du." - "Wieso machen wir denn immer Wanderungen?" - "Das ist doch schön, schau mal...."

Manchmal brauchen Kinder alle paar Minuten elterlichen Trost, weil die Schlange am Skilift so lang ist oder weil das Essen schnell kalt wird oder nicht schmeckt oder weil die Füsse kalt sind usw. Das Besondere daran ist, dass die Kinder den Trost in vorwurfsvollem Ton einfordern. Die Eltern sind ja in der Regel schuld, dass die Kinder in diese schlimme Situation geraten sind. Sie wollten ja, dass die Kinder dies oder jenes tun, also sind sie schuld an all dem Leiden, das damit verbunden ist. Kennst du das? Wenn ja, dann möchte ich dich ermutigen, dir das Ermutigen ein bisschen abzugewöhnen. "Rufe mich, wenn du dich positiv auf die Aufgaben eingestellt hast, dann helfe ich dir gerne." "Kannst du dich motivieren, bis ganz oben? Sonst warte doch einfach hier, bis wir wieder runterkommen mit den Schlitten." "Du musst doch nicht in die Skischule. Du darfst auch eine Schneeburg bauen." Kinder wollen dann plötzlich selber. Wenn sie lange genug beobachten, wie andere Spass haben, werden sie irgendwann selber die Kraft finden. Deine Ermutigung: "Schau, das ist doch toll, mit den andern das Skifahren zu lernen. Das schaffst du!!" bewirkt höchstens, dass das Kind dir Vorwürfe macht, wenn es öfter hinfällt als andere.

Im Moment läuft auf dem Forum ein Thema, auf das ich gespannt bin: Langeweile. Viele Eltern übernehmen die Verantwortung für die Langeweile ihrer Kinder und decken sie mit Vorschlägen ein, die diese dann vorwurfsvoll verwerfen. Hier läuft eine ganz unselige spiegelbildliche Kooperation. Je mehr die Eltern ihre Kinder "ermutigen", desto mehr geraten diese in emotionale Rücklage. Traurig ist es, dass wir solche Kinder dann als negativ erleben und dazu neigen, ihnen ihr Gejammer vorzuwerfen. Dabei haben sie sich einfach daran gewöhnt, angeschoben zu werden. Wer geschoben wird, muss sich zurücklehnen, um nicht hinzufallen.

Traue es also deinem Kind zu, seine Probleme selber zu lösen. Rede sie ihm nicht ein. Die Bibel fordert uns auf, mit den Weinenden zu weinen, nicht ihnen zu sagen, dass es gar nicht so traurig sei.

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Info 10-11 "Wenn das Essen nicht schmeckt"

"Meine Kinder motzen bei allem, was ich auf den Tisch stelle. Am liebsten würden sie nur Nutella und Zopf essen." Solche Klagen höre ich oft. Viele Eltern machen dann Druck auf ihre Kinder, und bei ihnen kommt an: „Mami hat ein Problem, wenn ich etwas nicht gern habe." Kinder können das nicht verstehen.

Sie können nicht verstehen, dass ihre Eltern leiden, nachdem sie das Essen ja geniessen können. Wieso wollen sie unbedingt noch, dass sie es essen, obwohl sie es nicht gern haben?

Besser als dieser Druck ist wahrscheinlich Folgendes: Sei nicht mehr wütend, beleidigt oder was auch immer, wenn das Kind etwas nicht mag, sondern vielmehr traurig. Traurig für das Kind, dem dieser Genuss entgeht. Und jetzt kommt ein wichtiger Grundsatz: Ziehe du deine Grenzen und überlass es dem Kind, seine Probleme zu lösen. Koche also nicht das, was ihm passt, sondern, was du für vernünftig hältst, und überlasse es Jonas, seine Probleme zu lösen.

„Schau Jonas, es ist traurig, wenn du etwas nicht magst, deshalb empfehle ich dir, immer wieder ein bisschen davon zu probieren. Aber das musst du selber wollen. Ich gebe mir Mühe, gesund und schmackhaft zu kochen. Wenn du das nicht magst, musst du selber für gesunde und schmackhafte Ernährung sorgen und ja nicht als Ersatz für das gesunde Essen ungesundes zu dir nehmen. Dessert und solche Dinge sind nicht zur Ernährung, sondern nur Genussmittel. Iss also zur Ernährung nach deiner Wahl Brot und Früchte und…. Du darfst dir auch mal selber etwas kochen. Mit den Genussmitteln müssen wir sehr zurückhaltend sein, damit sie nicht zum Nahrungsersatz werden." Jonas wird das wahrscheinlich einleuchten.

Jetzt wird er mit dieser Herausforderung umgehen. Dir bleibt es nur noch, ihn darin zu unterstützen und zu beraten. Klage ihn nicht mehr an, sondern trauere höchstens ab und zu mit ihm, geniesse das Essen und beachte sein Defizit nicht weiter. Du wirst staunen, wie schnell er alles geben wird, deine Mahlzeiten zu mögen.

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Info 10-10 "Manipulation"

Die folgende Frage eines Kursteilnehmers war der Ausgangspunkt dieses Inputs: "Du sagst, dass Kinder uns nicht manipulieren. Wie oft muss ich denn meinem Kleinkind den Löffel aufheben, den es umgehend wieder auf den Boden wirft?"

Kinder lieben Regeln. Sie lieben es, Gesetzmässigkeiten zu entdecken und zu schauen, ob sie das nächste Mal auch gelten. So auch mit dem Löffel.

„Ich lass ihn fallen, Papi hebt ihn auf. Ok, gleich nochmals probieren. Es klappt, aha, so ist die Spielregel.“ Diese lebenswichtige Fähigkeit, Regeln zu erkennen und einzuhalten, solltest du auf-, nicht abbauen. Das Kind würde dieses Spiel wohl noch lange spielen, wenn es nicht einen wachsenden Unmut in dir wahrnehmen würde. Dieser Unmut verwirrt es. Es spürt, dass etwas nicht stimmt, weiss aber nicht genau was. Was also tun? In der Verwirrung wird es wohl den Löffel noch einmal fallen lassen, in der Hoffnung, dass der alte Spass zurückkehrt.

Spiele das Spiel mit, zeige dem Kind, dass du seine Fähigkeit schätzest. Dann aber hebe den Löffel irgendwann zum letzten Mal auf, halte ihn ihm hin mit den Worten: "So, ich möchte mit diesem Spiel jetzt aufhören. Ich hebe ihn nicht mehr auf, wenn du ihn runter wirfst." Das Kind wird dann vielleicht prüfen wollen, ob es dich richtig verstanden hat, und wird den Löffel wieder runter schmeissen. Vielleicht wird es sich zunächst freuen, dass du dich erwartungsgemäss verhältst und den Löffel liegen lässt. Vielleicht aber hat es dich nicht verstanden und ist enttäuscht. Dann aber wird es wissen: „Aha, was er sagte, bedeutete, dass er den Löffel jetzt nicht mehr aufhebt. Zu dumm, dass ich das nicht gemerkt habe.“ In beiden Fällen wird es vielleicht den Löffel vermissen und jämmerlich schreien. Dann nimm das Kind am besten aus dem Hochsitz, damit es den Löffel selber holen kann und sich nicht geprellt fühlen muss.

Diese Interpretation ist vertrauenspädagogisch. Es mag sein, dass es Kinder gibt, die ihre Eltern manipulieren wollen. Ich denke, es wird die Ausnahme sein. Wenn du davon ausgehst und deinem Kind das unterstellst, wird es nicht lange dauern, und du wirst recht haben damit. Kinder pflegen das zu tun, was wir von ihnen erwarten.

Denke daran: Die Eltern sind es, die die Vertrauensbeziehung zum Kind, das Join-up, zuerst verlassen, nicht die Kinder. Kinder würden dir nie Manipulation unterstellen, deshalb dauert es oft so lange, bis sie es merken, wenn es vorkommt. Wir Erwachsenen neigen dazu, das dann als Dummheit und Naivität zu interpretieren.

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Info 10-09 "Streit unter Geschwistern"

"Jeden Abend streiten sie. Wenn ich nicht eingreife, kommt es zu Gewalt. Was kann ich tun?" Solche und ähnliche Anfragen häufen sich in letzter Zeit. Deshalb möchte ich es hier thematisieren.

Oft gibt es in solchen Situationen das "liebe Kind" und das "böse Kind". Fast immer intervenieren Eltern dann zugunsten des lieben Kindes. Allermeist wohl zu Recht, denn rein äusserlich gesehen, sind die Umstände meist so. Das Problem ist, dass diese Haltung die Situation zementiert. Das "böse Kind" ist frustriert und sucht, sich zu rächen, das liebe Kind fühlt sich bestätigt und hat letztlich auch kein Interesse an einer Lösung. Oft ist es hilfreich, und das hat sich an einigen Orten bewährt, wenn man als Eltern den Schiedsrichterdienst nur sehr sparsam leistet. "Wenn ihr es schafft, ohne zu streiten, lese ich euch eine Geschichte vor, sonst müsst ihr alleine zurecht kommen." Sobald beide Kinder ein Interesse haben am friedlichen Beisammensein, kann sich etwas verändern.

Tiefer geht das folgende Vorgehen: Sprecht darüber, was Hierarchien sind. Ermutigt die jüngeren Kinder, sich unterzuordnen, und coacht die älteren darin, wie sie Führung wahrnehmen.

Letzthin sprachen wir an der FARO-Schule über Hierarchien und wer sich denn wem gerne unterordnet. Die Kinder konnten erstaunlich offen darüber sprechen. Nun waren da zwei Mädchen, die sich bewusst geworden waren, wie die Hierarchie zwischen ihnen ist. Und es ergab sich folgendes Gespräch bei einer Partnerarbeit:

T (untergeordnet): Sollen wir den Text nochmals durchlesen? Ich bin noch nicht ganz drausgekommen.
N: (übergeordnet): Nein, ich habe es begriffen.

Wie erwartet fügte sich T in die Sache, und die beiden gingen an ihre Plätze. Gelegenheit für mich, auf N zuzugehen. Ich fragte sie: "Hast du jetzt eher in deinem Interesse oder im Interesse von T entschieden?" Anstelle einer Antwort ging sie zu T, und sie lasen den Text nochmals durch. Ich denke, es ist zentral, dass wir den Kindern diese Art von Leiterschaft vermitteln: Wenn ich übergeordnet bin, bin ich nicht Herrscher über andere, sondern dann trage ich Verantwortung für andere. Deren Wohl ist mir mindestens so wichtig wie meines. Diese Haltung ist wohl die beste Voraussetzung, dass sich soziale Gefüge entwickeln, die eben nicht Hackordnungen sind, sondern gleichwürdige Hierarchien.

Es kommt dir das ein bisschen utopisch vor? Wir waren auch überrascht. Vor allem wurde uns bewusst, wie schwierig es für Kinder ist, wenn Erwachsene ihnen laufend vermitteln, dass das Bilden von Hierarchien unerwünscht sei. Fragt uns an der Konferenz nach unseren Erfahrungen.

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Info 10-08 "Authentizität"

Für alle Nicht-Lateiner: Damit ist Echtheit gemeint bzw. die Übereinstimmung zwischen dem, was wir einander mitteilen (wollen), und dem innerem Zustand bzw. unsern Gedanken und Gefühlen. Im Idealfall geben sich Menschen so, wie sie sind. Manchmal aber sind wir alle froh, wenn Menschen nicht gerade alles aussprechen, was ihnen in den Sinn kommt. Nun, für Kinder ergeben sich oft Probleme, wenn Erwachsene nicht authentisch sind. Das kommt leider sehr häufig vor: Sie tun so, als würde ihnen die Zeichnung gefallen, als würden sie den Lärm locker ertragen, als mache es ihnen nichts aus, schnodderige Antworten zu bekommen, als sei zwischen Mami und Papi alles im grünen Bereich usw. In der Regel verschonen die Eltern die Kinder in der besten Absicht. Sie meinen zu wissen, was Kinder ertragen können und was zu viel ist. Was Kinder am allerwenigsten ertragen, sind Eltern, die sie nicht fassen können, die ihnen etwas vorspielen, und sie dann nicht wissen, ob sie auf die Worte oder auf die Gedanken reagieren sollen.

Ich möchte euch ermutigen, auch dann authentisch zu sein, wenn ihr vielleicht einmal nicht so vertrauenspädagogische Gedanken habt. Für die Kinder ist es viel einfacher, eine wütende Mama zu ertragen, als eine, die zwar innerlich kocht, aber äusserlich "Ruhe" bewahrt. Wie soll ein Kind auf so etwas reagieren? In der Regel provozieren sie dann so lange, bis die wahren Gefühle dann doch noch aufbrechen. Wieso denn nicht gleich? Also anstatt in süssem Ton: "Ui ui ui, da ist aber Mama ein bisschen traurig, dass das Geschirr noch nicht abgewaschen ist. Kommt, ich helfe euch." könnte man sagen: "Das macht mich jetzt echt sauer, diese Unordnung. Jetzt muss ich mich zusammennehmen, zu fragen anstatt auszuflippen: Wieso sieht das hier noch so aus?"

So sind die echten Gefühle auf dem Tisch. Das Kind kann sich darauf einstellen. Oft versteht es uns besser, wenn wir uns aufregen, als wenn wir scheinbar ruhig bleiben. Was allerdings bleiben sollte, ist die echte Frage, anstatt der vorschnelle Vorwurf.

Es ist für ein Kind kein Problem, wenn die Eltern sich nicht einig sind und ein Streitgespräch führen. Wie anders sollen sie lernen, auf gute Art zu streiten? Natürlich gibt es hier Grenzen, aber die Extreme sind häufig: Auf der einen Seite Kinder, die mitansehen, wie Eltern sich verletzen, und auf der andern Seite jene Eltern, die ihren Kindern den Prozess der Meinungsbildung vorenthalten, weil sie meinen, gute Eltern müssten sich immer einig sein. Diese Vorstellung stammt vielleicht aus dem militärischen Denken. Im Kampf muss man zusammenstehen, aber das Familienleben sollte ja eben kein Kampffeld sein.

Wenn du Lehrkraft bist, gilt das Obige umso mehr: Hier brodelt es ja auch oft nur unter der Oberfläche. Zeige deine Gefühle, sei echt, aber frage dennoch, bevor du in deinen Gedanken Schuldzuweisungen machst.

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Info 10-07 "Das Wesen der Rebellion"

Heute hat mir ein Jugendlicher eine wunderbare Bestätigung geliefert, dass Rebellion und Kontrolle geschwisterliche Geister sind. Er sagte mir etwa folgendes: "Ich muss einfach vorsorgen. Sobald ich mich nicht mehr wehre, nehmen mir die Erwachsenen alle Freiheit weg. Sobald ich tue, was er sagt, kommen zwei neue Forderungen. Deshalb gibt es für mich keine Alternative." Aus der Sicht der Erwachsenen sieht es umgekehrt aus: "Wenn ich ihm ein bisschen die Zügel loslasse, macht er, was er will. Deshalb muss ich ihn so eng führen."

Siehst du, dass diese beiden Sichtweisen zusammenpassen? Die Eltern getrauen sich nicht, die Zügel loszulassen, und der Junge getraut sich nicht, seine Rebellion aufzugeben. Beide bestätigen mit ihrem Verhalten täglich einander: "Meine Befürchtungen sind berechtigt." Was sich hier abspielt, spielt sich auf allen Niveaus immer wieder ab: in der Familie, am Arbeitsplatz und in der Weltpolitik. Der Ausstieg ist möglich, wenn jemand den ersten Schritt wagt. Dazu ist es hilfreich, wenn beide diesen unseligen Zusammenhang verstehen und sich davon verabschieden, einander üble Absichten zu unterstellen (obwohl vielleicht solche bei beiden auch noch mitmischen).

Falls du in einer ähnlichen Situation bist, dann möchte ich dir Mut machen, den Ausstieg zu wagen. Jugendliche und Kinder wissen mehr über das Leben, als wir Erwachsenen meinen. Ich weiss noch nicht, wie es weitergeht. Immerhin hat mir der Vater heute voller Hoffnung und Dankbarkeit berichtet, dass D bereit sei, seine Rebellion aufzugeben.

Hier noch ein Aufsteller aus dem Forum (Den Anfang müsst ihr selber dort nachlesen.):

Gestern Abend haben V. die Stube und A. die Küche aufgeräumt. Von sich aus :-)! Er hat sogar Spaghetti mit Tomatensauce zum Znacht gekocht. Es waren kaum Hilfestellungen nötig. Es fällt mir richtig auf, dass ich ihnen bis vor kurzem wirklich zu wenig zutraute. Wenn ich ihnen nun sage: Es muss noch dies und das gemacht werden, wer möchte was machen? Dann suchen sie sich fast immer das aus, was sie noch fast nie gemacht haben. Das finden sie wohl spannender. Ist ja eigentlich logisch. Ich kann das alles noch fast nicht glauben :-D.

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Info 10-06 "Jans Ämtli übernehmen"

Jan (9) ist im Stress. Er ist noch nicht fertig mit den Vorbereitungen für seinen Sporteinsatz am Abend. So verzögert sich das Nachtessen, denn sein Job wäre es, aufzutischen. Die andern Kinder, insbesondere auch Janine (7) werden zunehmend ungeduldig, und die Mutter möchte etwas zur Entspannung beitragen.

Variante A:
Sie geht auf Janine zu und sagt freundlich: "Janine, sei so lieb und tische für Jan auf, du siehst ja, dass er im Stress ist."

Variante B:
Sie geht auf Janine zu und flüstert ihr ins Ohr: "Möchtest du zu Jan gehen und ihn fragen, ob er froh wäre, wenn du heute Abend für ihn auftischst?"

In der Realität antwortete Janine ziemlich ungehalten: "Wieso soll ich für ihn auftischen, das ist doch sein Ämtli!?" Was denkst du, welche Variante ging dieser Antwort voraus? Du hast recht, es war die Variante A. Warum aber ist die Variante B so viel Erfolg versprechender?

Die Variante A heisst eigentlich: "Ich erwarte von dir, dass du jetzt Jans Job übernimmst. Eigentlich hättest du selber auf die Idee kommen sollen. (Du siehst ja....)." Wenn Janine es tut, wird der Dank Mama zufallen, denn es war ja ihre Idee. Mama hat also das gute Teil und Janine die Mühe. Das kommt schlecht an. Es ist auch eine der Bitten, die in Wirklichkeit keine sind (Manche Kinder haben Mühe damit, solange man diese Form der Aufforderung nicht einmal zum Thema macht.).

Die Variante B gibt dem Mädchen einen Tipp (deshalb zugeflüstert). Es ist wirklich frei, etwas für seinen Bruder zu tun und dann auch die entsprechende Anerkennung zu bekommen oder aber darauf zu verzichten (Vielleicht hat es ja gute Gründe, dieses Angebot nicht zu machen.).

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Info 10-05 "Körperstrafen"

Ich bin im Moment am Überarbeiten des Buches und bin jetzt dort angekommen, wo es um die Körperstrafe geht. Bis jetzt war ich in der komfortablen Lage, dass ich (ausser den Fehlern!!) praktisch nichts ändern musste. Jetzt aber stehe ich an, weil ich ein Problem habe mit diesem Kapitel. Aus zwei Gründen nämlich:

1. Es sieht so aus, dass es über kurz oder lang verboten wird, Kinder zu schlagen. Ich möchte in meinem Buch nicht zu illegalem Handeln verleiten.

2. Ich stelle fest, dass Familien, die VP umsetzen, kaum Körperstrafen anwenden. Täusche ich mich da? Könnte es sein, dass es in deiner Familie anders ist? Was denkst du darüber? Ich selber finde Körperstrafen unnötig, und die Gefahr, dass sie demütigend wirkt, ist grösser als bei andern Formen der Strafe.

Ich habe vor, das Kapitel umzuschreiben, so dass es um Strafe geht - nicht um Körperstrafe. Fast alles, was ich dort schreibe ist gültig, insbesondere der Gedanke, dass Strafe und Schuldbewusstsein zusammengehören. Ich bin überzeugt, dass es die Körperstrafe nicht braucht, aber ich bin sicher, dass wir alle - nicht nur die Kinder - anfällig sind, Dinge zu tun, die wir eigentlich selber nicht ok finden. Nur dank der drohenden Strafe können wir uns überwinden, das zu tun, was wir eigentlich richtig finden. Insofern kann ich mir keine Pädagogik vorstellen, die ohne Druck auskommt. Aber es muss ein Druck sein, der wahrnehmbar in einer Vertrauensbeziehung eingebettet ist.

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Info 10-04 "VP Coaching für Kinder"

Als Erfahrungsbericht erzähle ich euch kurz nach, was auf dem Forum steht. Giovanna hat mir noch ein Detail erzählt, das ich erwähnenswert finde. Sie ging mit einer Gruppe Kinder in den Walterzoo, was immer eine Herausforderung bedeutet. Wie behält man eine Gruppe Kinder inmitten dieser Menge im Auge? Nach dem Teamtag "Erziehen im Vertrauen" wollte sie wissen, "ob es funktioniert", und sagte zu ihren Schützlingen: "Heute machen wir es anders als sonst, wenn wir weggehen. Ihr seid dafür verantwortlich, dass ihr mich nicht verliert. Ihr müsst immer wissen, wo ich bin, und merken, wenn ich weiter gehe." Das klappte sehr gut, und schon wollte Giovanna zufrieden sein, als sie merkte, dass es jetzt einfach die älteren Kinder waren, die ihre Last trugen. Sie trieben jetzt die jüngeren voran. So sagte sie zu ihnen: "Macht es doch einfach wie ich. Sagt den Kleinen, dass sie auf euch schauen sollen, nicht umgekehrt." Und siehe da, es funktionierte wunderbar. "Ich war noch nie so erholt nach einem Zootag." so ihr Fazit.

Ich erzählte die Geschichte seither da und dort. Immer wieder höre ich: "Das würde ich in einem Zoo nie wagen." Wenn du auch so denkst, dann empfehle ich dir diese Übung an einem ungefährlicheren Ort zu versuchen. Im Supermarkt zum Beispiel. Oder ist der noch gefährlicher?

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Info 10-03 "Hierarchien"

Hierarchien gibt es überall, trotz Sozialismus und Demokratie.

In unserer Kultur gehen wir davon aus, dass wer oben ist, mehr wert ist, als jemand, der unten ist. Also wollen alle eher oben sein, was jene, die oben sind, mit Angst erfüllt, und sie dazu führt, die Position zu verteidigen und jene vorsorglich einzuschüchtern, die unten sind. Immer auf der Hut vor möglichem Ungehorsam oder gar Rebellion. Das wiederum führt dazu, dass sich Untergeordnete nicht wohl fühlen, dass sie sich gedemütigt vorkommen und sich deshalb tatsächlich Gedanken darüber machen, wie sie der undankbaren Rolle entkommen könnten. So schliesst sich der Teufelskreis.

VP fängt damit an, dieses Denkmuster zu verlassen! Das ist nicht einfach.

Schau vielleicht nochmals das Video "Die 6 Minuten" an. Wieso wächst das Vertrauen des Pferdes bei dieser Zeremonie und nicht seine Angst? Weil die Pferde nicht im obigen Denkmuster sind, sondern in jenem, das auch Jesus propagiert hat: Wer führt, soll sich als Diener fühlen, und Unterordnung ist nichts Schändliches - im Gegenteil. Auch in uns Menschen ist dieses Verhalten angelegt. Wir brauchen es nur zu aktivieren.

Menschen wollen, wie alle sozialen Wesen, nur zwei Dinge:

  1. Einen geklärten Platz in der Hierarchie, wo sie weder von unten noch von oben angefeindet werden, sondern akzeptiert sind.
  2. Die Gewissheit, dass die Führenden fit sind, und Klarheit darüber, ob sie allenfalls mehr Verantwortung übernehmen müssten.

Letzteres ist nun etwas, was wir Menschen gerne missverstehen. Wenn dein Junge mit dir armdrücken will, dann geht es ihm nicht darum, dich zu besiegen, sondern um das gute Gefühl zu spüren, dass du stärker bist und deshalb am richtigen Platz bist. Wenn du die Mutter oder die Lehrerin bist, wird er andere Wege wählen, zu diesem guten Gefühl zu kommen. Nimm das deshalb nicht als Angriff, sondern als das, was es ist, ein schöpfungsgemäss angelegtes Verhalten, das sicherstellen soll, dass die Hierarchie noch stimmt. Verpasse nicht ein liebevolles, aber klares Hierarchiesignal zu geben, denn das ist es, was das Kind sucht. Du als Vater musst vielleicht wieder ein bisschen trainieren und du als Mutter sag vielleicht: "Hoppla, das war der falsche Ton, junger Mann!" begleitet von einem Lächeln, einer kleinen Berührung oder einem scherzhaften Puff. Wenn du deinem Kind die Provokation übel nimmst, dann seid ihr entweder nicht im Join-up oder dann bald nicht mehr.

Nimm deshalb immer wieder die Gelegenheit wahr, Überordnungssignale zu geben. Zum Beispiel so:

"Manuel, du solltest noch das Auto saugen, bevor wir wegfahren."

"Nein, das stinkt mir!"

"Mach dir keine Gedanken, es geht auch dann, wenn es dir stinkt."

Warte keine Antwort mehr ab, das zeigt deinem Kind, dass du dir sicher bist. Wechsle das Thema schnell oder entziehe dich der Situation.

Ich wünsche deinen Schülern oder deinen Kindern solche liebevollen, aber klaren Hierarchiesignale. Sie geniessen es.

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Info 10-02 "Verhaltensauffällige Kinder"

Immer wieder stossen sich Menschen daran, dass ich - vor allem auch an den Kursen - lehre, dass die Erwachsenen die Verantwortung für Fehlentwicklungen übernehmen sollen. Ich verstehe das, denn es entspricht nicht unserer Gewohnheit. Sonderschulen und Heime sind ja voll von Kindern, die als schwierig gelten. Die Kinder sind es, die als therapiebedürftig gelten, und das ist natürlich nicht ganz falsch.

Wir haben als Heimleiterehepaar immer wieder etwa Kinder an Wochenenden betreut. Dabei lebten wir ganz normal weiter, hatten Besuch und gingen auf Besuch. Glaube mir, es hat nie jemand gesagt: "Aha, ich sehe, das ist ein verhaltensauffälliges Kind." Es war meist genau umgekehrt: "Wieso ist denn dieses Kind in einem Heim? Es ist ja ganz normal." In der Tat gab es, trotz der massiven Verletzungen, die diese Kinder erfahren haben, nur ganz selten Situationen, wo das im Alltag sichtbar wurde. Sobald sie in einer "normalen" Familie waren, zusammen mit unsern Kindern, normalisierte sich ihr Verhalten sehr schnell. Kinder im Join-up verhalten sich "normal". Wenn sie nicht im Join-up sind, dann gehen die Unterschiede extrem auseinander. Während das bei den einen Kindern kaum auffällt, sind andere Kinder extrem rebellisch bis hin zu hinterhältig und gemein. Im Join-up aber verhalten sich alle mehr oder weniger korrekt.

Wenn also dein Kind sich sehr schräg verhält, empfehle ich dir, alles daran zu setzen, dass es ins Join-up kommt. Kaum ein Opfer ist dafür zu gross. Wenn dir das nicht gelingt, dann suche Hilfe, denn darum geht es letztlich.

Und eben: Der Anfang jeder Join-up-Intervention besteht darin, dass du aufhörst, dem Kind Vorwürfe für sein Verhalten zu machen. Übernimm - wie das auch die Manager tun (sollten) - die Verantwortung für Fehlentwicklungen und leite, nachdem du nicht abgewählt werden kannst, den Sanierungsplan ein. Genaueres dazu im Buch Seite 44.

Zum Schluss noch ein kurzes Müsterli aus unserm grosselterlichen Alltag:

Ich wickle S (1,5) im Badezimmer des oberen Stockwerks, während B (4) wie immer keine Anstalten macht, sich anzuziehen. Anstatt ihn anzutreiben, sage ich: "Du kannst dir Zeit lassen mit dem Anziehen. Denke aber daran, dass ich nachher mit S hinunter gehe." Er fand das zunächst unfair. Ich fragte: "Wieso findest du das unfair? Unfair wäre doch, wenn ich es dir nicht gesagt hätte. Du hast jetzt ja noch alle Zeit, dich anzuziehen, bis ich hier fertig bin." Das leuchtete ihm ein. Er zog sich in Windeseile an und freute sich, dass er noch vor uns fertig war.

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Info 10-01 "Fussball oder Hausaufgaben"

Vergleiche die beiden folgenden Situationen:

Stefan (12) kommt von der Schule.
Mama: "Hast du Aufgaben?" 
"Ja, aber nicht so viele. Ich gehe zuerst noch ein bisschen Fussball spielen."
"Nein, Stefan, zuerst die Arbeit und dann das Vergnügen."
"Ja, aber alle Jungs spielen unten. Nachher ist niemand mehr da."
"Keine Diskussion. Erst wenn du die Aufgaben gezeigt hast, kannst du hinaus gehen."
Stefan setzt sich widerwillig an seine Aufgaben. Diese Situation ist ja in dem Sinn erfreulich, dass die Mutter Autorität hat über ihr Kind. Aber fördert sie so wirklich das innere Wachstum ihres Kindes?

Vergleiche dazu das vertrauenspädagogische Vorgehen:
"..... ich mache die Aufgaben nachher."
"Wie du meinst. Ich verstehe schon, dass du dich zuerst ein bisschen bewegen musst."
"Anderseits wäre ich auch froh, wenn ich nicht die ganze Zeit an die Aufgaben denken müsste."
"Das verstehe ich."
"Weisst du was, ich gehe jetzt kurz raus. Wenn ich in einer halben Stunde nicht zurück bin, würdest du mir kurz läuten lassen aufs Handy? Ich vergesse mich sonst gerne."
"Ok, mach ich."
Das ist für mich eine schöne Situation. Da entwickelt sich ein Kind, lernt abzuwägen. Oben hat das Eingreifen der Mutter diese Abwägung jäh gestört, und Stefan hatte nur noch die Argumente im Kopf, die für Fussball sprachen, selbst wenn er vorher noch die Vorteile gesehen haben mag, die für das Aufgabenmachen sprachen. Schade ist, dass für ihn die Aufgaben eine lästige Pflicht zu sein scheinen. Das ist weniger harmlos und auch nicht so zwingend, wie man meinen könnte. Viel Potenzial geht verloren, weil Kinder Hausaufgaben nur selten als eine inspirierende Anregung empfinden. Von dieser Problematik handelt das neue Buch, das “Vertrauens-Schule” heisst und auch auf www.vertrauenspaedagogik.ch bestellt werden kann.

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Info 09-12 "Fleisch und Brot"

Viele Leserinnen und Leser haben Mühe, Kinder zu führen, die im Join-up sind. Wir haben ja darin alle keine Vorbilder. Ich möchte Ihnen deshalb eine wunderschöne Erfahrung mit meinem Enkel erzählen. B ist drei Jahre alt.
Wir sassen am Tisch beim Frühstück. B langte munter zu auf die Fleischplatte. Ich fragte: "Möchtest du ein bisschen Brot?" Er verneinte höflich. Ich erfuhr, dass er ohne Aufforderung kein Brot isst. Er würde sich am liebsten nur von Fleisch ernähren.
"Dein Mund freut sich über das Fleisch, aber der Bauch freut sich über das Brot." B überlegte eine Weile und sagte dann: "Der Mund freut sich aber nicht über das Brot." "Dann würde ich ein bisschen weniger Brot essen und ein bisschen mehr Fleisch. Der Bauch hat Freude, wenn sich der Mund auch freut." Ich wandte mich wieder dem Tischgespräch zu und beachtete ihn nicht weiter. Eine Weile später war das Brot gegessen. Ich ging nicht darauf ein. Ich wollte ihn nicht loben dafür, denn es hätte ja geheissen, dass es etwas Besonderes ist, wenn man Brot isst, oder wenn man auf seinen Grossvater hört. Aber ich habe mich gefreut, und das hat er sicher gemerkt.

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