Infobriefe

Stöbern Sie hier im Archiv unserer Infobriefe. Wenn Sie etwas zu einem bestimmten Thema suchen, dann sind die Briefe einerseits in Kategorien geordnet, andererseits können Sie auch unter "Tags" nach Themeninhalten suchen. Viel Spass!

Info 11-01 "Ermutigung"

Ein schönes Wort. Wer möchte nicht gern ermutigt werden? Kann man davon zu viel bekommen?

Kennst du diese Situation? "Ich mag nicht mehr." - "Nur noch bis zu jener Kurve, dann machen wir eine Pause. Komm, das schaffst du." - "Wieso machen wir denn immer Wanderungen?" - "Das ist doch schön, schau mal...."

Manchmal brauchen Kinder alle paar Minuten elterlichen Trost, weil die Schlange am Skilift so lang ist oder weil das Essen schnell kalt wird oder nicht schmeckt oder weil die Füsse kalt sind usw. Das Besondere daran ist, dass die Kinder den Trost in vorwurfsvollem Ton einfordern. Die Eltern sind ja in der Regel schuld, dass die Kinder in diese schlimme Situation geraten sind. Sie wollten ja, dass die Kinder dies oder jenes tun, also sind sie schuld an all dem Leiden, das damit verbunden ist. Kennst du das? Wenn ja, dann möchte ich dich ermutigen, dir das Ermutigen ein bisschen abzugewöhnen. "Rufe mich, wenn du dich positiv auf die Aufgaben eingestellt hast, dann helfe ich dir gerne." "Kannst du dich motivieren, bis ganz oben? Sonst warte doch einfach hier, bis wir wieder runterkommen mit den Schlitten." "Du musst doch nicht in die Skischule. Du darfst auch eine Schneeburg bauen." Kinder wollen dann plötzlich selber. Wenn sie lange genug beobachten, wie andere Spass haben, werden sie irgendwann selber die Kraft finden. Deine Ermutigung: "Schau, das ist doch toll, mit den andern das Skifahren zu lernen. Das schaffst du!!" bewirkt höchstens, dass das Kind dir Vorwürfe macht, wenn es öfter hinfällt als andere.

Im Moment läuft auf dem Forum ein Thema, auf das ich gespannt bin: Langeweile. Viele Eltern übernehmen die Verantwortung für die Langeweile ihrer Kinder und decken sie mit Vorschlägen ein, die diese dann vorwurfsvoll verwerfen. Hier läuft eine ganz unselige spiegelbildliche Kooperation. Je mehr die Eltern ihre Kinder "ermutigen", desto mehr geraten diese in emotionale Rücklage. Traurig ist es, dass wir solche Kinder dann als negativ erleben und dazu neigen, ihnen ihr Gejammer vorzuwerfen. Dabei haben sie sich einfach daran gewöhnt, angeschoben zu werden. Wer geschoben wird, muss sich zurücklehnen, um nicht hinzufallen.

Traue es also deinem Kind zu, seine Probleme selber zu lösen. Rede sie ihm nicht ein. Die Bibel fordert uns auf, mit den Weinenden zu weinen, nicht ihnen zu sagen, dass es gar nicht so traurig sei.

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Info 10-11 "Wenn das Essen nicht schmeckt"

"Meine Kinder motzen bei allem, was ich auf den Tisch stelle. Am liebsten würden sie nur Nutella und Zopf essen." Solche Klagen höre ich oft. Viele Eltern machen dann Druck auf ihre Kinder, und bei ihnen kommt an: „Mami hat ein Problem, wenn ich etwas nicht gern habe." Kinder können das nicht verstehen.

Sie können nicht verstehen, dass ihre Eltern leiden, nachdem sie das Essen ja geniessen können. Wieso wollen sie unbedingt noch, dass sie es essen, obwohl sie es nicht gern haben?

Besser als dieser Druck ist wahrscheinlich Folgendes: Sei nicht mehr wütend, beleidigt oder was auch immer, wenn das Kind etwas nicht mag, sondern vielmehr traurig. Traurig für das Kind, dem dieser Genuss entgeht. Und jetzt kommt ein wichtiger Grundsatz: Ziehe du deine Grenzen und überlass es dem Kind, seine Probleme zu lösen. Koche also nicht das, was ihm passt, sondern, was du für vernünftig hältst, und überlasse es Jonas, seine Probleme zu lösen.

„Schau Jonas, es ist traurig, wenn du etwas nicht magst, deshalb empfehle ich dir, immer wieder ein bisschen davon zu probieren. Aber das musst du selber wollen. Ich gebe mir Mühe, gesund und schmackhaft zu kochen. Wenn du das nicht magst, musst du selber für gesunde und schmackhafte Ernährung sorgen und ja nicht als Ersatz für das gesunde Essen ungesundes zu dir nehmen. Dessert und solche Dinge sind nicht zur Ernährung, sondern nur Genussmittel. Iss also zur Ernährung nach deiner Wahl Brot und Früchte und…. Du darfst dir auch mal selber etwas kochen. Mit den Genussmitteln müssen wir sehr zurückhaltend sein, damit sie nicht zum Nahrungsersatz werden." Jonas wird das wahrscheinlich einleuchten.

Jetzt wird er mit dieser Herausforderung umgehen. Dir bleibt es nur noch, ihn darin zu unterstützen und zu beraten. Klage ihn nicht mehr an, sondern trauere höchstens ab und zu mit ihm, geniesse das Essen und beachte sein Defizit nicht weiter. Du wirst staunen, wie schnell er alles geben wird, deine Mahlzeiten zu mögen.

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Info 10-10 "Manipulation"

Die folgende Frage eines Kursteilnehmers war der Ausgangspunkt dieses Inputs: "Du sagst, dass Kinder uns nicht manipulieren. Wie oft muss ich denn meinem Kleinkind den Löffel aufheben, den es umgehend wieder auf den Boden wirft?"

Kinder lieben Regeln. Sie lieben es, Gesetzmässigkeiten zu entdecken und zu schauen, ob sie das nächste Mal auch gelten. So auch mit dem Löffel.

„Ich lass ihn fallen, Papi hebt ihn auf. Ok, gleich nochmals probieren. Es klappt, aha, so ist die Spielregel.“ Diese lebenswichtige Fähigkeit, Regeln zu erkennen und einzuhalten, solltest du auf-, nicht abbauen. Das Kind würde dieses Spiel wohl noch lange spielen, wenn es nicht einen wachsenden Unmut in dir wahrnehmen würde. Dieser Unmut verwirrt es. Es spürt, dass etwas nicht stimmt, weiss aber nicht genau was. Was also tun? In der Verwirrung wird es wohl den Löffel noch einmal fallen lassen, in der Hoffnung, dass der alte Spass zurückkehrt.

Spiele das Spiel mit, zeige dem Kind, dass du seine Fähigkeit schätzest. Dann aber hebe den Löffel irgendwann zum letzten Mal auf, halte ihn ihm hin mit den Worten: "So, ich möchte mit diesem Spiel jetzt aufhören. Ich hebe ihn nicht mehr auf, wenn du ihn runter wirfst." Das Kind wird dann vielleicht prüfen wollen, ob es dich richtig verstanden hat, und wird den Löffel wieder runter schmeissen. Vielleicht wird es sich zunächst freuen, dass du dich erwartungsgemäss verhältst und den Löffel liegen lässt. Vielleicht aber hat es dich nicht verstanden und ist enttäuscht. Dann aber wird es wissen: „Aha, was er sagte, bedeutete, dass er den Löffel jetzt nicht mehr aufhebt. Zu dumm, dass ich das nicht gemerkt habe.“ In beiden Fällen wird es vielleicht den Löffel vermissen und jämmerlich schreien. Dann nimm das Kind am besten aus dem Hochsitz, damit es den Löffel selber holen kann und sich nicht geprellt fühlen muss.

Diese Interpretation ist vertrauenspädagogisch. Es mag sein, dass es Kinder gibt, die ihre Eltern manipulieren wollen. Ich denke, es wird die Ausnahme sein. Wenn du davon ausgehst und deinem Kind das unterstellst, wird es nicht lange dauern, und du wirst recht haben damit. Kinder pflegen das zu tun, was wir von ihnen erwarten.

Denke daran: Die Eltern sind es, die die Vertrauensbeziehung zum Kind, das Join-up, zuerst verlassen, nicht die Kinder. Kinder würden dir nie Manipulation unterstellen, deshalb dauert es oft so lange, bis sie es merken, wenn es vorkommt. Wir Erwachsenen neigen dazu, das dann als Dummheit und Naivität zu interpretieren.

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Info 10-09 "Streit unter Geschwistern"

"Jeden Abend streiten sie. Wenn ich nicht eingreife, kommt es zu Gewalt. Was kann ich tun?" Solche und ähnliche Anfragen häufen sich in letzter Zeit. Deshalb möchte ich es hier thematisieren.

Oft gibt es in solchen Situationen das "liebe Kind" und das "böse Kind". Fast immer intervenieren Eltern dann zugunsten des lieben Kindes. Allermeist wohl zu Recht, denn rein äusserlich gesehen, sind die Umstände meist so. Das Problem ist, dass diese Haltung die Situation zementiert. Das "böse Kind" ist frustriert und sucht, sich zu rächen, das liebe Kind fühlt sich bestätigt und hat letztlich auch kein Interesse an einer Lösung. Oft ist es hilfreich, und das hat sich an einigen Orten bewährt, wenn man als Eltern den Schiedsrichterdienst nur sehr sparsam leistet. "Wenn ihr es schafft, ohne zu streiten, lese ich euch eine Geschichte vor, sonst müsst ihr alleine zurecht kommen." Sobald beide Kinder ein Interesse haben am friedlichen Beisammensein, kann sich etwas verändern.

Tiefer geht das folgende Vorgehen: Sprecht darüber, was Hierarchien sind. Ermutigt die jüngeren Kinder, sich unterzuordnen, und coacht die älteren darin, wie sie Führung wahrnehmen.

Letzthin sprachen wir an der FARO-Schule über Hierarchien und wer sich denn wem gerne unterordnet. Die Kinder konnten erstaunlich offen darüber sprechen. Nun waren da zwei Mädchen, die sich bewusst geworden waren, wie die Hierarchie zwischen ihnen ist. Und es ergab sich folgendes Gespräch bei einer Partnerarbeit:

T (untergeordnet): Sollen wir den Text nochmals durchlesen? Ich bin noch nicht ganz drausgekommen.
N: (übergeordnet): Nein, ich habe es begriffen.

Wie erwartet fügte sich T in die Sache, und die beiden gingen an ihre Plätze. Gelegenheit für mich, auf N zuzugehen. Ich fragte sie: "Hast du jetzt eher in deinem Interesse oder im Interesse von T entschieden?" Anstelle einer Antwort ging sie zu T, und sie lasen den Text nochmals durch. Ich denke, es ist zentral, dass wir den Kindern diese Art von Leiterschaft vermitteln: Wenn ich übergeordnet bin, bin ich nicht Herrscher über andere, sondern dann trage ich Verantwortung für andere. Deren Wohl ist mir mindestens so wichtig wie meines. Diese Haltung ist wohl die beste Voraussetzung, dass sich soziale Gefüge entwickeln, die eben nicht Hackordnungen sind, sondern gleichwürdige Hierarchien.

Es kommt dir das ein bisschen utopisch vor? Wir waren auch überrascht. Vor allem wurde uns bewusst, wie schwierig es für Kinder ist, wenn Erwachsene ihnen laufend vermitteln, dass das Bilden von Hierarchien unerwünscht sei. Fragt uns an der Konferenz nach unseren Erfahrungen.

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Info 10-08 "Authentizität"

Für alle Nicht-Lateiner: Damit ist Echtheit gemeint bzw. die Übereinstimmung zwischen dem, was wir einander mitteilen (wollen), und dem innerem Zustand bzw. unsern Gedanken und Gefühlen. Im Idealfall geben sich Menschen so, wie sie sind. Manchmal aber sind wir alle froh, wenn Menschen nicht gerade alles aussprechen, was ihnen in den Sinn kommt. Nun, für Kinder ergeben sich oft Probleme, wenn Erwachsene nicht authentisch sind. Das kommt leider sehr häufig vor: Sie tun so, als würde ihnen die Zeichnung gefallen, als würden sie den Lärm locker ertragen, als mache es ihnen nichts aus, schnodderige Antworten zu bekommen, als sei zwischen Mami und Papi alles im grünen Bereich usw. In der Regel verschonen die Eltern die Kinder in der besten Absicht. Sie meinen zu wissen, was Kinder ertragen können und was zu viel ist. Was Kinder am allerwenigsten ertragen, sind Eltern, die sie nicht fassen können, die ihnen etwas vorspielen, und sie dann nicht wissen, ob sie auf die Worte oder auf die Gedanken reagieren sollen.

Ich möchte euch ermutigen, auch dann authentisch zu sein, wenn ihr vielleicht einmal nicht so vertrauenspädagogische Gedanken habt. Für die Kinder ist es viel einfacher, eine wütende Mama zu ertragen, als eine, die zwar innerlich kocht, aber äusserlich "Ruhe" bewahrt. Wie soll ein Kind auf so etwas reagieren? In der Regel provozieren sie dann so lange, bis die wahren Gefühle dann doch noch aufbrechen. Wieso denn nicht gleich? Also anstatt in süssem Ton: "Ui ui ui, da ist aber Mama ein bisschen traurig, dass das Geschirr noch nicht abgewaschen ist. Kommt, ich helfe euch." könnte man sagen: "Das macht mich jetzt echt sauer, diese Unordnung. Jetzt muss ich mich zusammennehmen, zu fragen anstatt auszuflippen: Wieso sieht das hier noch so aus?"

So sind die echten Gefühle auf dem Tisch. Das Kind kann sich darauf einstellen. Oft versteht es uns besser, wenn wir uns aufregen, als wenn wir scheinbar ruhig bleiben. Was allerdings bleiben sollte, ist die echte Frage, anstatt der vorschnelle Vorwurf.

Es ist für ein Kind kein Problem, wenn die Eltern sich nicht einig sind und ein Streitgespräch führen. Wie anders sollen sie lernen, auf gute Art zu streiten? Natürlich gibt es hier Grenzen, aber die Extreme sind häufig: Auf der einen Seite Kinder, die mitansehen, wie Eltern sich verletzen, und auf der andern Seite jene Eltern, die ihren Kindern den Prozess der Meinungsbildung vorenthalten, weil sie meinen, gute Eltern müssten sich immer einig sein. Diese Vorstellung stammt vielleicht aus dem militärischen Denken. Im Kampf muss man zusammenstehen, aber das Familienleben sollte ja eben kein Kampffeld sein.

Wenn du Lehrkraft bist, gilt das Obige umso mehr: Hier brodelt es ja auch oft nur unter der Oberfläche. Zeige deine Gefühle, sei echt, aber frage dennoch, bevor du in deinen Gedanken Schuldzuweisungen machst.

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Info 10-07 "Das Wesen der Rebellion"

Heute hat mir ein Jugendlicher eine wunderbare Bestätigung geliefert, dass Rebellion und Kontrolle geschwisterliche Geister sind. Er sagte mir etwa folgendes: "Ich muss einfach vorsorgen. Sobald ich mich nicht mehr wehre, nehmen mir die Erwachsenen alle Freiheit weg. Sobald ich tue, was er sagt, kommen zwei neue Forderungen. Deshalb gibt es für mich keine Alternative." Aus der Sicht der Erwachsenen sieht es umgekehrt aus: "Wenn ich ihm ein bisschen die Zügel loslasse, macht er, was er will. Deshalb muss ich ihn so eng führen."

Siehst du, dass diese beiden Sichtweisen zusammenpassen? Die Eltern getrauen sich nicht, die Zügel loszulassen, und der Junge getraut sich nicht, seine Rebellion aufzugeben. Beide bestätigen mit ihrem Verhalten täglich einander: "Meine Befürchtungen sind berechtigt." Was sich hier abspielt, spielt sich auf allen Niveaus immer wieder ab: in der Familie, am Arbeitsplatz und in der Weltpolitik. Der Ausstieg ist möglich, wenn jemand den ersten Schritt wagt. Dazu ist es hilfreich, wenn beide diesen unseligen Zusammenhang verstehen und sich davon verabschieden, einander üble Absichten zu unterstellen (obwohl vielleicht solche bei beiden auch noch mitmischen).

Falls du in einer ähnlichen Situation bist, dann möchte ich dir Mut machen, den Ausstieg zu wagen. Jugendliche und Kinder wissen mehr über das Leben, als wir Erwachsenen meinen. Ich weiss noch nicht, wie es weitergeht. Immerhin hat mir der Vater heute voller Hoffnung und Dankbarkeit berichtet, dass D bereit sei, seine Rebellion aufzugeben.

Hier noch ein Aufsteller aus dem Forum (Den Anfang müsst ihr selber dort nachlesen.):

Gestern Abend haben V. die Stube und A. die Küche aufgeräumt. Von sich aus :-)! Er hat sogar Spaghetti mit Tomatensauce zum Znacht gekocht. Es waren kaum Hilfestellungen nötig. Es fällt mir richtig auf, dass ich ihnen bis vor kurzem wirklich zu wenig zutraute. Wenn ich ihnen nun sage: Es muss noch dies und das gemacht werden, wer möchte was machen? Dann suchen sie sich fast immer das aus, was sie noch fast nie gemacht haben. Das finden sie wohl spannender. Ist ja eigentlich logisch. Ich kann das alles noch fast nicht glauben :-D.

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Info 10-06 "Jans Ämtli übernehmen"

Jan (9) ist im Stress. Er ist noch nicht fertig mit den Vorbereitungen für seinen Sporteinsatz am Abend. So verzögert sich das Nachtessen, denn sein Job wäre es, aufzutischen. Die andern Kinder, insbesondere auch Janine (7) werden zunehmend ungeduldig, und die Mutter möchte etwas zur Entspannung beitragen.

Variante A:
Sie geht auf Janine zu und sagt freundlich: "Janine, sei so lieb und tische für Jan auf, du siehst ja, dass er im Stress ist."

Variante B:
Sie geht auf Janine zu und flüstert ihr ins Ohr: "Möchtest du zu Jan gehen und ihn fragen, ob er froh wäre, wenn du heute Abend für ihn auftischst?"

In der Realität antwortete Janine ziemlich ungehalten: "Wieso soll ich für ihn auftischen, das ist doch sein Ämtli!?" Was denkst du, welche Variante ging dieser Antwort voraus? Du hast recht, es war die Variante A. Warum aber ist die Variante B so viel Erfolg versprechender?

Die Variante A heisst eigentlich: "Ich erwarte von dir, dass du jetzt Jans Job übernimmst. Eigentlich hättest du selber auf die Idee kommen sollen. (Du siehst ja....)." Wenn Janine es tut, wird der Dank Mama zufallen, denn es war ja ihre Idee. Mama hat also das gute Teil und Janine die Mühe. Das kommt schlecht an. Es ist auch eine der Bitten, die in Wirklichkeit keine sind (Manche Kinder haben Mühe damit, solange man diese Form der Aufforderung nicht einmal zum Thema macht.).

Die Variante B gibt dem Mädchen einen Tipp (deshalb zugeflüstert). Es ist wirklich frei, etwas für seinen Bruder zu tun und dann auch die entsprechende Anerkennung zu bekommen oder aber darauf zu verzichten (Vielleicht hat es ja gute Gründe, dieses Angebot nicht zu machen.).

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Info 10-05 "Körperstrafen"

Ich bin im Moment am Überarbeiten des Buches und bin jetzt dort angekommen, wo es um die Körperstrafe geht. Bis jetzt war ich in der komfortablen Lage, dass ich (ausser den Fehlern!!) praktisch nichts ändern musste. Jetzt aber stehe ich an, weil ich ein Problem habe mit diesem Kapitel. Aus zwei Gründen nämlich:

1. Es sieht so aus, dass es über kurz oder lang verboten wird, Kinder zu schlagen. Ich möchte in meinem Buch nicht zu illegalem Handeln verleiten.

2. Ich stelle fest, dass Familien, die VP umsetzen, kaum Körperstrafen anwenden. Täusche ich mich da? Könnte es sein, dass es in deiner Familie anders ist? Was denkst du darüber? Ich selber finde Körperstrafen unnötig, und die Gefahr, dass sie demütigend wirkt, ist grösser als bei andern Formen der Strafe.

Ich habe vor, das Kapitel umzuschreiben, so dass es um Strafe geht - nicht um Körperstrafe. Fast alles, was ich dort schreibe ist gültig, insbesondere der Gedanke, dass Strafe und Schuldbewusstsein zusammengehören. Ich bin überzeugt, dass es die Körperstrafe nicht braucht, aber ich bin sicher, dass wir alle - nicht nur die Kinder - anfällig sind, Dinge zu tun, die wir eigentlich selber nicht ok finden. Nur dank der drohenden Strafe können wir uns überwinden, das zu tun, was wir eigentlich richtig finden. Insofern kann ich mir keine Pädagogik vorstellen, die ohne Druck auskommt. Aber es muss ein Druck sein, der wahrnehmbar in einer Vertrauensbeziehung eingebettet ist.

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Info 10-04 "VP Coaching für Kinder"

Als Erfahrungsbericht erzähle ich euch kurz nach, was auf dem Forum steht. Giovanna hat mir noch ein Detail erzählt, das ich erwähnenswert finde. Sie ging mit einer Gruppe Kinder in den Walterzoo, was immer eine Herausforderung bedeutet. Wie behält man eine Gruppe Kinder inmitten dieser Menge im Auge? Nach dem Teamtag "Erziehen im Vertrauen" wollte sie wissen, "ob es funktioniert", und sagte zu ihren Schützlingen: "Heute machen wir es anders als sonst, wenn wir weggehen. Ihr seid dafür verantwortlich, dass ihr mich nicht verliert. Ihr müsst immer wissen, wo ich bin, und merken, wenn ich weiter gehe." Das klappte sehr gut, und schon wollte Giovanna zufrieden sein, als sie merkte, dass es jetzt einfach die älteren Kinder waren, die ihre Last trugen. Sie trieben jetzt die jüngeren voran. So sagte sie zu ihnen: "Macht es doch einfach wie ich. Sagt den Kleinen, dass sie auf euch schauen sollen, nicht umgekehrt." Und siehe da, es funktionierte wunderbar. "Ich war noch nie so erholt nach einem Zootag." so ihr Fazit.

Ich erzählte die Geschichte seither da und dort. Immer wieder höre ich: "Das würde ich in einem Zoo nie wagen." Wenn du auch so denkst, dann empfehle ich dir diese Übung an einem ungefährlicheren Ort zu versuchen. Im Supermarkt zum Beispiel. Oder ist der noch gefährlicher?

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Info 10-03 "Hierarchien"

Hierarchien gibt es überall, trotz Sozialismus und Demokratie.

In unserer Kultur gehen wir davon aus, dass wer oben ist, mehr wert ist, als jemand, der unten ist. Also wollen alle eher oben sein, was jene, die oben sind, mit Angst erfüllt, und sie dazu führt, die Position zu verteidigen und jene vorsorglich einzuschüchtern, die unten sind. Immer auf der Hut vor möglichem Ungehorsam oder gar Rebellion. Das wiederum führt dazu, dass sich Untergeordnete nicht wohl fühlen, dass sie sich gedemütigt vorkommen und sich deshalb tatsächlich Gedanken darüber machen, wie sie der undankbaren Rolle entkommen könnten. So schliesst sich der Teufelskreis.

VP fängt damit an, dieses Denkmuster zu verlassen! Das ist nicht einfach.

Schau vielleicht nochmals das Video "Die 6 Minuten" an. Wieso wächst das Vertrauen des Pferdes bei dieser Zeremonie und nicht seine Angst? Weil die Pferde nicht im obigen Denkmuster sind, sondern in jenem, das auch Jesus propagiert hat: Wer führt, soll sich als Diener fühlen, und Unterordnung ist nichts Schändliches - im Gegenteil. Auch in uns Menschen ist dieses Verhalten angelegt. Wir brauchen es nur zu aktivieren.

Menschen wollen, wie alle sozialen Wesen, nur zwei Dinge:

  1. Einen geklärten Platz in der Hierarchie, wo sie weder von unten noch von oben angefeindet werden, sondern akzeptiert sind.
  2. Die Gewissheit, dass die Führenden fit sind, und Klarheit darüber, ob sie allenfalls mehr Verantwortung übernehmen müssten.

Letzteres ist nun etwas, was wir Menschen gerne missverstehen. Wenn dein Junge mit dir armdrücken will, dann geht es ihm nicht darum, dich zu besiegen, sondern um das gute Gefühl zu spüren, dass du stärker bist und deshalb am richtigen Platz bist. Wenn du die Mutter oder die Lehrerin bist, wird er andere Wege wählen, zu diesem guten Gefühl zu kommen. Nimm das deshalb nicht als Angriff, sondern als das, was es ist, ein schöpfungsgemäss angelegtes Verhalten, das sicherstellen soll, dass die Hierarchie noch stimmt. Verpasse nicht ein liebevolles, aber klares Hierarchiesignal zu geben, denn das ist es, was das Kind sucht. Du als Vater musst vielleicht wieder ein bisschen trainieren und du als Mutter sag vielleicht: "Hoppla, das war der falsche Ton, junger Mann!" begleitet von einem Lächeln, einer kleinen Berührung oder einem scherzhaften Puff. Wenn du deinem Kind die Provokation übel nimmst, dann seid ihr entweder nicht im Join-up oder dann bald nicht mehr.

Nimm deshalb immer wieder die Gelegenheit wahr, Überordnungssignale zu geben. Zum Beispiel so:

"Manuel, du solltest noch das Auto saugen, bevor wir wegfahren."

"Nein, das stinkt mir!"

"Mach dir keine Gedanken, es geht auch dann, wenn es dir stinkt."

Warte keine Antwort mehr ab, das zeigt deinem Kind, dass du dir sicher bist. Wechsle das Thema schnell oder entziehe dich der Situation.

Ich wünsche deinen Schülern oder deinen Kindern solche liebevollen, aber klaren Hierarchiesignale. Sie geniessen es.

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Info 10-02 "Verhaltensauffällige Kinder"

Immer wieder stossen sich Menschen daran, dass ich - vor allem auch an den Kursen - lehre, dass die Erwachsenen die Verantwortung für Fehlentwicklungen übernehmen sollen. Ich verstehe das, denn es entspricht nicht unserer Gewohnheit. Sonderschulen und Heime sind ja voll von Kindern, die als schwierig gelten. Die Kinder sind es, die als therapiebedürftig gelten, und das ist natürlich nicht ganz falsch.

Wir haben als Heimleiterehepaar immer wieder etwa Kinder an Wochenenden betreut. Dabei lebten wir ganz normal weiter, hatten Besuch und gingen auf Besuch. Glaube mir, es hat nie jemand gesagt: "Aha, ich sehe, das ist ein verhaltensauffälliges Kind." Es war meist genau umgekehrt: "Wieso ist denn dieses Kind in einem Heim? Es ist ja ganz normal." In der Tat gab es, trotz der massiven Verletzungen, die diese Kinder erfahren haben, nur ganz selten Situationen, wo das im Alltag sichtbar wurde. Sobald sie in einer "normalen" Familie waren, zusammen mit unsern Kindern, normalisierte sich ihr Verhalten sehr schnell. Kinder im Join-up verhalten sich "normal". Wenn sie nicht im Join-up sind, dann gehen die Unterschiede extrem auseinander. Während das bei den einen Kindern kaum auffällt, sind andere Kinder extrem rebellisch bis hin zu hinterhältig und gemein. Im Join-up aber verhalten sich alle mehr oder weniger korrekt.

Wenn also dein Kind sich sehr schräg verhält, empfehle ich dir, alles daran zu setzen, dass es ins Join-up kommt. Kaum ein Opfer ist dafür zu gross. Wenn dir das nicht gelingt, dann suche Hilfe, denn darum geht es letztlich.

Und eben: Der Anfang jeder Join-up-Intervention besteht darin, dass du aufhörst, dem Kind Vorwürfe für sein Verhalten zu machen. Übernimm - wie das auch die Manager tun (sollten) - die Verantwortung für Fehlentwicklungen und leite, nachdem du nicht abgewählt werden kannst, den Sanierungsplan ein. Genaueres dazu im Buch Seite 44.

Zum Schluss noch ein kurzes Müsterli aus unserm grosselterlichen Alltag:

Ich wickle S (1,5) im Badezimmer des oberen Stockwerks, während B (4) wie immer keine Anstalten macht, sich anzuziehen. Anstatt ihn anzutreiben, sage ich: "Du kannst dir Zeit lassen mit dem Anziehen. Denke aber daran, dass ich nachher mit S hinunter gehe." Er fand das zunächst unfair. Ich fragte: "Wieso findest du das unfair? Unfair wäre doch, wenn ich es dir nicht gesagt hätte. Du hast jetzt ja noch alle Zeit, dich anzuziehen, bis ich hier fertig bin." Das leuchtete ihm ein. Er zog sich in Windeseile an und freute sich, dass er noch vor uns fertig war.

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Info 10-01 "Fussball oder Hausaufgaben"

Vergleiche die beiden folgenden Situationen:

Stefan (12) kommt von der Schule.
Mama: "Hast du Aufgaben?" 
"Ja, aber nicht so viele. Ich gehe zuerst noch ein bisschen Fussball spielen."
"Nein, Stefan, zuerst die Arbeit und dann das Vergnügen."
"Ja, aber alle Jungs spielen unten. Nachher ist niemand mehr da."
"Keine Diskussion. Erst wenn du die Aufgaben gezeigt hast, kannst du hinaus gehen."
Stefan setzt sich widerwillig an seine Aufgaben. Diese Situation ist ja in dem Sinn erfreulich, dass die Mutter Autorität hat über ihr Kind. Aber fördert sie so wirklich das innere Wachstum ihres Kindes?

Vergleiche dazu das vertrauenspädagogische Vorgehen:
"..... ich mache die Aufgaben nachher."
"Wie du meinst. Ich verstehe schon, dass du dich zuerst ein bisschen bewegen musst."
"Anderseits wäre ich auch froh, wenn ich nicht die ganze Zeit an die Aufgaben denken müsste."
"Das verstehe ich."
"Weisst du was, ich gehe jetzt kurz raus. Wenn ich in einer halben Stunde nicht zurück bin, würdest du mir kurz läuten lassen aufs Handy? Ich vergesse mich sonst gerne."
"Ok, mach ich."
Das ist für mich eine schöne Situation. Da entwickelt sich ein Kind, lernt abzuwägen. Oben hat das Eingreifen der Mutter diese Abwägung jäh gestört, und Stefan hatte nur noch die Argumente im Kopf, die für Fussball sprachen, selbst wenn er vorher noch die Vorteile gesehen haben mag, die für das Aufgabenmachen sprachen. Schade ist, dass für ihn die Aufgaben eine lästige Pflicht zu sein scheinen. Das ist weniger harmlos und auch nicht so zwingend, wie man meinen könnte. Viel Potenzial geht verloren, weil Kinder Hausaufgaben nur selten als eine inspirierende Anregung empfinden. Von dieser Problematik handelt das neue Buch, das “Vertrauens-Schule” heisst und auch auf www.vertrauenspaedagogik.ch bestellt werden kann.

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1930 Hits

Info 09-12 "Fleisch und Brot"

Viele Leserinnen und Leser haben Mühe, Kinder zu führen, die im Join-up sind. Wir haben ja darin alle keine Vorbilder. Ich möchte Ihnen deshalb eine wunderschöne Erfahrung mit meinem Enkel erzählen. B ist drei Jahre alt.
Wir sassen am Tisch beim Frühstück. B langte munter zu auf die Fleischplatte. Ich fragte: "Möchtest du ein bisschen Brot?" Er verneinte höflich. Ich erfuhr, dass er ohne Aufforderung kein Brot isst. Er würde sich am liebsten nur von Fleisch ernähren.
"Dein Mund freut sich über das Fleisch, aber der Bauch freut sich über das Brot." B überlegte eine Weile und sagte dann: "Der Mund freut sich aber nicht über das Brot." "Dann würde ich ein bisschen weniger Brot essen und ein bisschen mehr Fleisch. Der Bauch hat Freude, wenn sich der Mund auch freut." Ich wandte mich wieder dem Tischgespräch zu und beachtete ihn nicht weiter. Eine Weile später war das Brot gegessen. Ich ging nicht darauf ein. Ich wollte ihn nicht loben dafür, denn es hätte ja geheissen, dass es etwas Besonderes ist, wenn man Brot isst, oder wenn man auf seinen Grossvater hört. Aber ich habe mich gefreut, und das hat er sicher gemerkt.

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